Liebe Fußballfreunde, wenn man sich am Wochenende, so wie ich, durch fast alle Talksendungen des Fußballs gezappt hat, um ein Meinungsbild zu erhaschen zu den vielen strittigen Themen des Volkspiels (Um nur die wichtigsten zu nennen: Wer wird neuer Bundestrainer? Wann tritt der DFB-Präsident zurück? Wie ist der aktuelle Zwischenstand in Sachen Nazivergleiche und Rassismusvorwürfe?) dann stehen sich im öffentlichen Meinungsbild zwei Antipoden gegenüber, wie sie Gegensätzlicher nicht sein könnten.
Zwei, die nichts miteinander verbindet und die dennoch eine gemeinsame Agenda, ein gemeinsames Ziel haben sollen, zumindest wird mir das seit Wochen so verklickert: Auf der einen Seite der Fußballtrainer Hansi Flick, der, um seine Unabhängigkeit zu bewahren, sich selbst aus einem der begehrtesten Arbeitsplätze dieser Fußballrepublik (Cheftrainer Bayern München) entlassen hat.
Auf der anderen Seite der Fußballmultifunktionär Rainer Koch, der die Strippen zieht im Bayerischen, im Süddeutschen und beim Deutschen Fußball Bund, der mit dazu beigetragen hat, dass der DFB heute einen so skandalös schlechten Ruf genießt und der seit Jahren an seinen Posten hängt als hätte er sich mit Pattex an ihnen festgeklebt.
Bundesliga
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Flick sprach nach der gewonnenen Meisterschaft davon, dass einen wie ihn "Wertschätzung" und "Loyalität" antreibe. Koch gab dem "ZDF", zur Fremdscham seiner Zuschauer, ein Interview, in dem er mit allerlei Ungereimtheiten seiner Amtsführung konfrontiert wurde und er darauf bestand, er habe nur seine Pflicht getan. Und jetzt also soll dieser Hansi Flick in diesem DFB der neue Bundestrainer werden?

Was bisher geschah…

Rekapituliert man noch einmal, was in den letzten Wochen und Monaten passiert ist, dann ergibt sich ungefähr folgendes Bild: Die Alphatierchen des FC Bayern haben ihren Hansi nicht mehr lieb, obwohl er ihnen in weniger als zwei Jahren sieben Titel gewann.
Der Grund: Er wollte Mitsprache bei Transfers. Mitsprache ist im deutschen Spitzenfußball immer was Blödes, dann will man ja mitreden, was Leute wie Oliver Kahn oder Uli Hoeneß nur sich selbst erlauben. Darauf hat der Gemobbte seinen Job hingeschmissen, was keiner erwartet hatte, wer rechnet schon mit soviel Haltung und Konsequenz, wenn es um so viel Geld geht.
Andererseits passte das wiederum dem größten Sportfachverband der Welt, dem DFB, ganz gut in die Karten, weil deren Cheftrainer Jogi Löw es schon länger an Haltung und Konsequenz missen lässt, woraufhin man ihm gesagt hat, er solle nach der Europameisterschaft im Sommer bitte gehen.

Rainer Koch (l.) mit DFB-Präsident Fritz Keller

Fotocredit: Getty Images

Ist Flick Sadomasochist?

Jetzt steht die Frage im Raum, die in früheren Zeiten die Republik elektrisiert hätte und heute nur noch eine Personalie unter vielen erscheint: Wer wird zur neuen Saison eigentlich Bundestrainer? Dass Flick es kann und unter Umständen auch will, steht außer Frage.
Der schon erwähnte Rainer Koch sprach in jenem "ZDF"-Interview von guten Gesprächen zwischen Flick und dem DFB, was dann schon fast wieder kafkaesk klang: Kann ein Mann mit der Integrität eines Flicks einen Vertrag bei einem Verband unterschreiben, bei dem mögliche Steuerhinterziehung und unseriöses Geschäftsgebaren, Mobbing und Streit, öffentliche Beschimpfungen und Nazivergleiche zuletzt zum Alltag gehörten?
Warum sollte er sich nach seine Erfahrungen mit den Alphatierchen aus München nun die Halbseidenen von der Otto-Fleck-Schneise antun? Ist Flick in Wahrheit ein notorischer Sadomasochist, der nach Jahren seiner pflegleichten Hansihaftigkeit als Bundescotrainer unbedingt das nächste Himmelfahrtskommando braucht?

Vorschlag: Flick kommt, wenn das Präsidium geht

Unbenommen bräuchte diese Nationalmannschaft, die Herr Löw im Zusammenspiel mit dem alerten Direktor Oliver Bierhoff bis zur kollektiven Relevanzlosigkeit vom Fan desinfiziert hat, einen Mann wie Flick, der ebenso nahbar wie sympathisch wirkt, dem man auch Haltungsfragen abnimmt (etwa die "Human Rights"-Aktion vor der WM-Qualifikation gegen Island) und der vor allem das sportliche Siechtum von DIE MANNSCHAFT beendet.
Nimmt man das öffentliche Bild, das der DFB gerade abgibt, dann könnte man auch Jens Lehmann zum Bundestrainer machen. Wäre irgendwie stimmiger. Eines ist natürlich richtig: Wenn Flick Nationaltrainer wird, wird ihm keiner bei seinen "Transfers" reinreden.
Aber ob er jemals soviel Erfolg haben kann, um die Peinlichkeiten seiner Vorgesetzen wie DFB-Präsident Fritz Keller und Vize Rainer Koch aus den Schlagzeilen verdrängen zu können, scheint dann doch fraglich.
Also mein Vorschlag: Flick verknüpft sein Kommen mit dem Abschied seines peinlichen Präsidiums. Was hat er schon zu verlieren?

ZUR PERSON THILO KOMMA-PÖLLATH:

Der Sportjournalist und Buchautor ("Die Akte Hoeneß") beleuchtet in seinem wöchentlichen Blog "Der LIGAstheniker" das Geschehen in der Fußball-Bundesliga für Eurosport.de. Oft skeptisch, ironisch, kritisch - aber einer muss schließlich den Ball flach halten.
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