WM 2022: Kolumne von Holger Badstuber zum deutschen WM-Debakel: Diese Generation hat keinen Biss

In seiner WM-Kolumne analysiert Eurosport-Experte Holger Badstuber die Ursachen für das Aus der deutschen Nationalmannschaft nach der Vorrunde in Katar. Dabei nimmt der 33-Jährige kein Blatt vor den Mund und spricht die Mängel knallhart an. "Wir sind keine harten Arbeiter mehr. Stattdessen sehe ich nur noch verwöhnte Spieler ohne Biss", sagt er und fordert ein radikales Umdenken.

Niedergeschlagenheit allenthalben - Deutschland ist bei der WM sang- und klanglos ausgeschieden

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Servus Fußball-Freunde!
Es ist ein Debakel. Schwach, peinlich, unwürdig, enttäuschend. Ich habe viele Reaktionen gehört und gesehen nach dem Spiel der deutschen Nationalmannschaft gegen Costa Rica. Alle stimmen irgendwie, alle sind berechtigt.
Das erneute Aus nach der Vorrunde ist für mich aber in erster Linie das Resultat von vielen Dingen, die in der Vergangenheit im deutschen Fußball falsch gelaufen sind. Die kamen jetzt endgültig zum Vorschein.
Es fängt damit an, dass die Basics nicht gut umgesetzt werden. Dazu gehören Zweikampfführung, gemeinsames Verteidigen, das Antizipieren, die Konzentration und die Gier bei jedem Einzelnen, sich selbst zu einer Topleistung zu zwingen. Diese Tugenden haben uns in der Vergangenheit den Erfolg gebracht, nun sind sie sehr abgeschwächt.
Es geht weiter mit mangelhafter Ausbildung und dort mit vielen Eigenschaften, die von unten bis nach oben getragen werden: Jetzt ist eine Generation in der Nationalmannschaft, die einfach nicht mehr das gewisse Etwas hat, die nicht mehr den gewissen extra Meter macht, die nicht genug Biss hat. Das war 2018 so, bei der EM auch und jetzt. Das sind drei Turniere, die sportlich eine Katastrophe waren.
Es geht doch darum, sich selbst jeden Tag zu verbessern, die eigenen Erwartungen zu übertreffen! Die individuelle Weiterentwicklung steht nicht mehr an erster Stelle. Das ist erschreckend.
Der Fokus muss jetzt weggehen von irgendwelchen Systemen, weg von Ballbesitz-Fußball, weg von der Offensive, hin zu einer defensiven Grundstruktur. Wie verhalte ich mich im Eins-gegen-Eins? Wie verteidige ich im Verbund, wie in den einzelnen Linien? Wir kriegen zu viele Gegentore!
Das fängt in der Jugend an, nicht nur in der letzten Kette, sondern mit dem Verhalten im Verbund gegen den Ball. Das geht vorne los und zieht sich nach hinten. Defensive gewinnt Titel! An diesem alten Sprichwort hat sich rein gar nichts verändert.
Hansi Flick muss sich natürlich hinterfragen. Ich denke schon, dass er sieht, was falsch läuft. Auf der Pressekonferenz hat er die Mängel in der Ausbildung der Verteidigung schon angesprochen, aber auch die Grundstruktur der Nationalmannschaft, oder "Die Mannschaft", wie sie auch genannt wurde, muss knallhart hinterfragt werden.
Um das wieder zu verändern, muss jeder beim DFB hart mit sich ins Gericht gehen. Verbesserungen sind dringend erforderlich in der Ausbildung der Spieler. Vor allem mit hartem Training muss sich der Gedanke einer neuen Grundstruktur festigen. Das ist ein Prozess, der in den vergangenen Jahren verpasst wurde. Man hat sich ausgeruht auf bestimmten Merkmalen.
Für einige Nationalspieler geht es offenbar darum, in der Nationalmannschaft eine gute Zeit zu haben. Doch das ist der falsche Weg. Es geht darum, Leute zu begeistern, Emotionen zu wecken und immer wieder zu bestätigen, dass die Berufung in die Nationalmannschaft die richtige Wahl des Bundestrainers war.
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Der Frust über das jähe WM-Aus sitzt tief bei der deutschen Nationalmannschaft

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Das WM-Aus tut mir für Thomas Müller und Manuel Neuer leid, sie werden vermutlich ihr letztes WM-Spiel absolviert haben. Mit ihnen gehen echte Legenden, sie haben die erfolgreichen Jahre mitgeprägt und bis zuletzt die Werte, auf die es ankommt, vertreten. Aber sie werden sich ihre Schritte genau überlegen und wahrscheinlich auch merken, dass es Jahre braucht, ehe die DFB-Elf wieder auf ansprechendem Niveau sein wird.

Musiala wird uns noch viele Glücksmomente schenken

Von meiner Kritik ausschließen möchte ich Jamal Musiala. Für seine 19 Jahre ist er bereits ein brutal guter Spieler.
Wie er sich bewegt, sich aus schwierigen Situationen herauswindet - mit Ball, ohne Ball. Unheimlich stabil und jederzeit bereit, auch in der Defensive zu arbeiten. Es ist schön, ihn in der DFB-Elf zu haben, er wird Fußball-Deutschland noch sehr viel Freude bereiten.
Mit ihrem desaströsen Abschneiden in Katar hat die deutsche Mannschaft nun aber erst mal nicht nur weiter massiv Boden zu den Top-Nationen verloren, sondern vor allem auch weitere Fans.
Mit enttäuschten Grüßen,Holger Badstuber
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