WM 2022: Lionel Messi, der Größte der Geschichte? Warum die GOAT-Debatte müßig ist
Während der WM in Katar flammte die ewige GOAT-Debatte, die Frage nach dem besten Fußballer der Geschichte, wieder auf. Ist La Pulga schon jetzt das Maß aller Dinge oder erst dann, wenn er seine Karriere mit dem WM-Pokal vergoldet? Wird sein Erbe größer sein als das seines Landsmannes Diego Maradona? Oder ist Pelé nach wie vor der Hüter des Heiligen Grals? Warum es nie einen Konsens geben wird.
Lionel Messi und Diego Maradona (r.)
Fotocredit: Getty Images
Der Sommer 1994 hielt nicht nur für Deutschland eine bis dato beispiellose Hitzewelle bereit. Auch am anderen Seite des Globus, in den USA, wo damals die Fußball-Weltmeisterschaft ausgetragen wurde, ächzten die Menschen unter drückenden Temperaturen.
Auch Argentiniens Star Diego Armando Maradona sah sich mit dem Extrem-Wetter konfrontiert, auf seine Leistungen schienen die widrigen Bedingungen allerdings keinen Einfluss zu nehmen. Gleich im ersten Gruppenspiel gegen Griechenland stellte der damals 33-Jährige seine gesamte Klasse unter Beweis – und drosch die Kugel in der 60. Minute nach feiner Kombination in den Giebel.
Der kleine, kompakte Mann mit dem Ohrring rannte zur TV-Kamera und brüllte seine Freude heraus. Ein Urschrei, der in der Prä-Youtube- und Prä-Social-Media-Ära weltweit über die linearen Fernsehbildschirme flimmerte. Maradona noch einmal spielen zu sehen, war – so sollte sich nur wenige Tage später herausstellen – ein kleines Privileg. Nach dem zweiten Gruppenspiel gegen Nigeria (2:1) nahm Maradona eine Krankenschwester an seine linke, an die Gotteshand - und schlenderte vom Feld. Dopingprobe.
Auf dem Weg ins Kontrollzentrum scherzte er mit den argentinischen Journalisten, grinste über das ganze Gesicht. Der letzte Gang im Trikot der Albiceleste. In Maradonas Urin wurden fünf verschiedene Substanzen der leistungssteigernden Substanz Ephedrin nachgewiesen, die FIFA schloss ihn vom weiteren Turnier aus. "Sie haben mir die Beine abgeschnitten", klagte Maradona, dessen Überführung ganz Argentinien in Trauer stürzte.
Maradona: Der Absturz eines Heiligen
Welche Tragweite der Eklat über die argentinischen Grenzen hinaus hatte, bekamen diejenigen, die Maradonas absolute Glanzzeiten, jene Epoche, in der er für das Dafürhalten vieler Menschen Pelé als besten Fußballer der Geschichte ablöste, verpasst hatten, nur bedingt mit. Vielmehr wurden sie unfreiwillige Zeugen seines übermäßigen Kokainkonsums, der ihm im Jahr 2000 einen Herzinfarkt bescherte und vier Jahre später in eine Entzugsklinik brachte. "Ich war, bin und werde immer drogenabhängig sein", sagte er 2005.
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Diego Maradona auf dem Weg zur Dopingprobe
Fotocredit: Twitter
Der Fall einer Ikone, der Abstieg eines Heiligen, der nie in eine Schablone passte. Im November 2020 verstarb Maradona im Alter von 60 Jahren. Er hatte vielen Menschen, vor allem in Argentinien und seiner zwischenzeitlichen Wahlheimat Neapel, wo sein Konterfei noch immer allgegenwärtig ist, alles bedeutet.
Zidane, Ronaldo und Ronaldinho übernehmen
Als es mit Maradona gesundheitlich bergab ging, hatten längst andere Spieler auf der großen Fußballbühne übernommen. Zinedine Zidane, der feingeistige Mittelfeldstratege Frankreichs, Ronaldo, der herausragende Technik und beeindruckende Kaltschnäuzigkeit vor dem Tor vereinte oder Ronaldinho, das trickreiche, immerzu lachende Schlitzohr, das für "joga bonito", das schöne Spiel, stand.
Noch heute dürften nicht wenige die Meinung vertreten, dass einer der Genannten auf ihrer ganz persönlichen GOAT-Liste den ersten Platz einnehmen. Aber auch ihre Zeit war freilich begrenzt. Anfang der 2000er tauchten zwei junge Talente auf, die eine völlig neue Periode einläuten sollten: Cristiano Ronaldo und Lionel Messi.
Der Portugiese, der zu Beginn seiner Karriere bei Manchester United vor allem als schnellbeiniger Zauberkünstler mit Hang zur Gaukelei in Erscheinung trat, sich im Laufe der Jahre aber zur fleißigen, physischen Tormaschine entwickelte und Maradonas Landsmann Messi, der in der Jugendschmiede des FC Barcelona ausgebildet wurde und hauptsächlich durch schier unmögliches fußballerisches Talent bestach.
Ronaldo vs. Messi: Ein beispielloses Duell
Spätestens nach Ronaldos Wechsel zu Barcelonas Konkurrent Real Madrid 2009, galten die beiden Ausnahmekönner als die großen Rivalen des Weltfußballs. Seit mehr als einer Dekade diskutiert eine ganze Generation, ob denn nun CR7 oder LM10, beide dank der Sozialen Medien im Vergleich zu Pelé oder Maradona eigene Großunternehmer und Marken neben dem Platz, der Größte der Geschichte ist.
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Lionel Messi (l.) und Cristiano Ronaldo
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Ronaldo gewann den prestigeträchtigen Ballon d'Or sechsmal, Messi hält mit sieben Auszeichnungen den Rekord, dafür verbuchte Ronaldo wiederum etliche Tor-Bestmarken auf Klub- und Länderspielebene, zudem gewann er häufiger die Champions League (fünfmal, Messi viermal). Obwohl die vergangenen Wochen nicht gegenteiliger für die beiden GOAT-Aspiranten hätten laufen können, nahm die Debatte dieser Tage eher zu als ab.
Während die einen die Diskussion einzig aus dem Grund für beendet erklären, dass Messi seine Mannschaft - im Gegensatz zu Ronaldo, der während der WM erst degradiert worden und dann im Viertelfinale ausgeschieden war - ins Finale (Sonntag, 16:00 Uhr im Liveticker) brachte, stellen andere, vornehmlich ältere Semester, die These auf, dass "La Pulga" selbst im Falle des WM-Siegs nicht an die Strahlkraft Maradonas heranreichen werde.
Die müßige GOAT-Debatte
Wieder andere ergreifen Partei für Pelé, immerhin hat kein Spieler vor und nach ihm so häufig die Weltmeisterschaft gewonnen (3). Manch einer würde Johan Cruyff, Franz Beckenbauer oder Bobby Charlton favorisieren. Nur einige Beispiele, die veranschaulichen sollen, dass die GOAT-Debatte müßig, weil subjektiv ist.
Die Beantwortung der Frage ist an eigene Erinnerungen geknüpft, an besondere Momente, an die jeweilige fußballerische Epoche, an Identifikation und bisweilen an Nebensächlichkeiten. Sollte Messi seine ruhmreiche Karriere am Sonntag tatsächlich mit dem goldenen Pokal krönen, hat er aus statistischer und nüchterner Sicht viele Argumente auf seiner Seite. Dann hat er alles gewonnen, was er qua Nationalität und Vereinszugehörigkeit gewinnen konnte.
Er wäre aber höchstens ein GOAT auf Zeit. Weil jede Generation ihre Helden hat, weil neue Ikonen kommen werden. So war es bei Pelé und Maradona – und so wird es auch in Messis Fall sein.
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Quelle: Perform
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