WM 2026: England und Thomas Tuchel träumen vom zweiten Titel der Geschichte - gefährliche Abhängigkeit von Harry Kane

Seit 60 Jahren läuft die englische Nationalmannschaft einem Titel hinterher. Klappt es nun bei der WM 2026? Trainer Thomas Tuchel sorgt mit seinen Personalentscheidungen für mächtig Aufsehen, bleibt sich selbst jedoch treu. Die Abhängigkeit von Harry Kane nimmt derweil gefährliche Ausmaße an - kostet sie den Titel? Wir haben England vor WM-Start unter die Lupe genommen.

Tuchel stolz: "Spieler haben Gang höher geschalten"

Quelle: Perform

Thomas Tuchel startet am 17. Juni gegen Kroatien (ab 22:00 Uhr im Liveticker) in seine erste Weltmeisterschaft als Nationaltrainer - und hat eine klare Vorstellung vom Pfad, den England in Kanada, Mexiko und den USA beschreiten soll.
"Es geht hier nicht nur um Fußball", arbeitete er in einer emotionalen Ansprache vor seiner Mannschaft den Unterschied zwischen Klub und Nationalteam heraus. Ein Übergang, der den Three Lions in den vergangenen Jahren immer schwergefallen ist.
"Ich habe mit einem Weltmeister gesprochen, und er sagte, der Unterschied zwischen dem Viertelfinale und dem Titelgewinn sei gewesen: Als wir wie eine Bruderschaft zusammengefunden hatten, waren wir bereit, füreinander zu sterben", führte der 52-Jährige aus.
Die Ausgangslage von England liest sich wie eine Gratwanderung: ein ungewöhnlicher Kader, eine gefährliche Abhängigkeit und drohender Stunk in der Kabine. Doch sollte Tuchel die Geister der Vergangenheit tatsächlich beschwören können, ist der Weg zum zweiten WM-Titel frei.

England - der Schlüsselspieler: Kane, Kane und wieder Kane

Die Rechnung ist simpel: England + Harry Kane = garantierter Erfolg. Sollte der englische Superstürmer, der in der zurückliegenden Saison 61 Tore in 51 Pflichtspielen für den FC Bayern München erzielt hat, aber ausfallen, schlurft nur noch eine zahnlose Version der sonst so erhabenen Three Lions über den Rasen.
In 34 Spielen mit Kane feierte England seit der WM 2022 26 Siege bei fünf Unentschieden und drei Niederlagen. Ohne den zurzeit besten Torjäger der Welt sieht die Bilanz deutlich magerer aus (2/2/3), darüber hinaus bejubelt der Weltmeister von 1966 in diesen Fällen im Schnitt nur 1,1 Tore anstelle von 2,3 Toren pro Partie.
picture

Von Harry Kane ist die englische Nationalmannschaft ungewöhnlich abhängig

Fotocredit: Getty Images

Mit anderen Worten: Bei der WM 2026 ist England nur einen Ausfall vom Desaster entfernt - das offenbarten auch die enttäuschenden Testspiele gegen Uruguay (1:1) und Japan (0:1) im März. Am vergangenen Samstag erzielte Kane derweil wieder den entscheidenden Treffer beim 1:0-Sieg gegen Neuseeland; beim 3:0 gegen Costa Rica bewiesen seine Nebenmänner immerhin, dass es auch ohne Kane-Treffer geht.
Bei den letzten vier Turnieren steuerte der 32-Jährige 34 Prozent der englischen Tore bei, nur Kylian Mbappé (12) traf bei den beiden vergangenen Weltmeisterschaften häufiger als Kane (8).
Keine Frage: Der Bayern-Star ist der Mann für die wichtigen Momente, die entscheidenden Tore, die bei einer Weltmeisterschaft weit mehr als Gold wert sind.

England - der Hoffnungsträger: Rogers löst den Golden Boy ab

Die Frage nach dem Zehner beschäftigt England seit Monaten - und das Pendel scheint tatsächlich in Richtung von Morgan Rogers auszuschlagen. In einer Mannschaft, in der sich auch Real-Star Jude Bellingham tummelt, durchaus eine Überraschung.
Der 23-Jährige von Aston Villa stand in zwölf von 13 Partien der Tuchel-Ära auf dem Rasen und war der einzige Spieler, der in allen acht Matches der WM-Qualifikation mitwirkte.
Viel tiefer blicken lassen die diesbezüglichen Aussagen seitens Tuchel. Auf die Frage, ob sich Bellingham seinen Platz in der Startelf erkämpfen müsse, sagte der deutsche Coach zu den Reportern: "Ja, das muss er. Er ist einer unserer Stammspieler, und das weiß er auch. Aber wir haben 14 oder 15 Spieler, die das Potenzial haben, in der Startelf zu stehen."
picture

Jude Bellingham und Morgan Rogers lachen gemeinsam auf dem Trainingsplatz

Fotocredit: Getty Images

Was neben den überzeugenderen Statistiken - mehr Tore und Assists als Bellingham - für Rogers spricht: Der Offensivmann von Aston Villa harmoniert besser mit Kane.
Einer der wiederkehrenden Kritikpunkte an England unter Gareth Southgate lautete, dass die offensiven Mittelfeldspieler häufig dieselben Räume bespielten, die Kane bei seinen Ausflügen ins Mittelfeld ansteuert. Während Bellingham meist im zentralen Bereich bleibt, zieht es Rogers öfter auf die linke Seite. Ein Spielertyp, der zu deutlich weniger Komplikationen führt.

England - die Story: Tuchel und ein drohender Stunk

Die Zeilen zu Hoffnungsträger Rogers haben es angedeutet: Tuchel machte sich in den vergangenen Monaten mit seinen Entscheidungen nicht nur Freunde.
Seine Beziehung zu Bellingham gilt als angeschlagen, das Ego des 22-jährigen Starspielers war Tuchel schon länger ein Dorn im Auge. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass es in Nordamerika zu einem Knall in der Kabine kommt.
Nicht nur diese Personalentscheidung ist auf der Insel Inhalt zahlreicher Diskussionen, bereits die Nominierung schlug hohe Wellen.
Große Namen wie Phil Foden, Cole Palmer, Trent Alexander-Arnold, Harry Maguire und Morgan Gibbs-White wurden von Tuchel aufgrund mangelnder Form und auch fehlender Anpassungsfähigkeit außen vor gelassen.
Ganz nach dem Motto: "Seit dem ersten Tag haben wir gesagt, dass wir das beste Team zusammenstellen wollen. Das müssen nicht die 26 talentiertesten Spieler sein", wie er selbst auf einer Pressekonferenz erklärte.
Gewiss kein falscher Ansatz - im Falle eines frühen Ausscheidens würde ihm sein Vorgehen aber wohl um die Ohren fliegen.

England - die Stärke: Erfahrung macht den Unterschied

England reist mit einer außergewöhnlich erfahrenen Mannschaft zur Weltmeisterschaft. Noch nie zuvor verfügte ein englischer WM-Kader über so viele Turniererfahrungen wie die aktuelle Auswahl. Viele Spieler haben bereits bei großen Endrunden Verantwortung übernommen und wissen, worauf es in den entscheidenden Momenten ankommt.
Hinzu kommt eine Siegermentalität, die sich durch den gesamten Kader zieht. 22 Spieler haben seit Beginn der Saison 2024/25 mindestens einen Titel gewonnen und bringen damit nicht nur Qualität, sondern auch das Selbstverständnis mit, auf höchstem Niveau erfolgreich zu sein.
Auch sportlich spricht vieles für die Three Lions. Kapitän Harry Kane spielt die torreichste Saison seiner Karriere und geht in bestechender Form ins Turnier. Zudem scheint mit Elliot Anderson eine langjährige Baustelle im zentralen Mittelfeld gelöst worden zu sein. Seine Entwicklung könnte England auf der Sechserposition die Stabilität und Balance verleihen, die dem Team in der Vergangenheit gelegentlich gefehlt hat.

England - die Schwäche: Fragezeichen beschäftigen Three Lions

Bei aller Qualität bleibt England in hohem Maße von Harry Kane abhängig. Die Testspiele im März lieferten einen Vorgeschmack darauf, wie schwierig es ohne den Kapitän werden kann. Zudem stellt sich die Frage, ob dem Kader in den entscheidenden Momenten die Kreativität fehlt. Mit Cole Palmer oder Phil Foden fehlen drei Spieler, die mit einem einzigen Pass eine Abwehr auseinanderziehen können. Vor allem gegen tief stehende Gegner könnte sich dieser Mangel an spielerischer Unberechenbarkeit bemerkbar machen.
Auch abseits des Platzes gibt es einige Unsicherheitsfaktoren. Wie gut kommt die Mannschaft mit den hohen Temperaturen in den USA zurecht? Ist Abwehrchef John Stones nach seinen Verletzungsproblemen rechtzeitig bei 100 Prozent? England verfügt über einen hochkarätigen und erfahrenen Kader, doch einige offene Fragen begleiten die Three Lions auf ihrem Weg in die WM.

WM 2026 - die Prognose: England reif für den Titel

England bringt alles mit, um bei dieser Weltmeisterschaft bis ganz zum Ende dabei zu sein.
Der Kader ist so erfahren wie kein englischer WM-Kader zuvor, Harry Kane befindet sich in der Form seines Lebens und mit Elliot Anderson sowie Morgan Rogers haben sich unter Thomas Tuchel neue Lösungen für alte Probleme herauskristallisiert.
Gelingt es dem Trainer tatsächlich die beschworene Bruderschaft zu formen, dürfte England nur schwer zu stoppen sein. Und es wäre nicht das erste Mal, dass Tuchel mit einem ungewöhnlichen Kader Geschichte schreibt.
Bereits 2021 führte der Deutsche den FC Chelsea überraschend zum Gewinn der Champions League - mit einer Mannschaft, die individuell nicht zu den prominentesten Europas zählte, als Kollektiv aber nahezu perfekt funktionierte. Ein Traumlauf, der nun auch England in neue Sphären vorstoßen lassen soll.
Eurosport-Einschätzung: Finale.
picture

WM-Stars im Porträt: Brasilien hofft auf Neymar

Quelle: Perform


Mehr als 3 Mio. Sportfans nutzen bereits die App
Bleiben Sie auf dem Laufenden mit den aktuellsten News und Live-Ergebnissen
Download
Diesen Artikel teilen
Werbung
Werbung