Julian Nagelsmann - ein Bundestrainer demontiert sich selbst: Diskussionen um Manuel Neuer kosten Glaubwürdigkeit

Julian Nagelsmann wollte vor der WM eigentlich Klarheit schaffen, stattdessen löst der Bundestrainer mit seinem Umgang mit der Personalie Manuel Neuer neue Diskussionen aus. Vor allem die ausweichenden Aussagen im "ZDF-Sportstudio" sorgen für Kritik. Denn plötzlich steht nicht mehr nur die Torwartfrage im Mittelpunkt, sondern auch Nagelsmanns Glaubwürdigkeit. Der LIGAstheniker rechnet ab.

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Quelle: Perform

Liebe Fußballfreundinnen und -freunde, dass ein Bundestrainer erst das Vertrauen und dann seinen Job verliert, ist im Fußball eine Binsenweisheit. Die Algebra, die dahintersteckt, geht so: Erst verliert man Spiele, dann das Vertrauen und dann seinen Job.
Der amtierende Inhaber Julian Nagelsmann hat es am Wochenende geschafft, diese Logik auf besondere Art und Weise auszuhebeln. Er hat ein Interview gegeben und damit dieses "Urvertrauen" in seine "Glaubwürdigkeit" stark beschädigt, wie der Kollege Pit Gottschalk in seinem Newsletter schreibt. Von einem "Eiertanz" sprechen "kicker" und "Spiegel", dabei ist Ostern lange vorbei.
Die Fußball-Weltmeisterschaft in den USA, Kanada und Mexiko aber steht kurz bevor und nimmt man das allgemeine Echo auf Nagelsmanns Auftritt im "ZDF-Sportstudio", dann scheint da etwas kaputt gegangen zu sein zwischen den 80 Millionen Bundestrainern in Teilzeit und dem Mann, der einmal als Speerspitze des Aufbruchs im deutschen Fußball galt.

Nagelsmann redet sich um Kopf und Kragen

Dass Fußballer keine Interviews geben sollten, das weiß jeder, der sich schon einmal über das fast kindliche Reflexionsniveau von sogenannten Post-Game-Interviews erregt hat. Der Bundestrainer aber ist kein x-beliebiger Spieler, sondern vor allem Sprecher seines Trainerstabes. Er muss erklären können, was scheinbar nicht erklärbar ist. Er ist die Person unseres Vertrauens. Ohne dieses Vertrauen kann niemand Bundestrainer werden, zumindest kein erfolgreicher.
Ganz bewusst hatte sich Julian Nagelsmann diesen Samstag ausgewählt, um wenige Tage vor Bekanntgabe seines WM-Kaders das Land auf seine Mannschaft und das Turnier öffentlich einzuschwören. Das war die Idee, dann aber passierte etwas, was einer fremdschämigen Selbstdemontage ziemlich nahekam: Der Bundestrainer redete sich in nicht mal 30 Minuten um Kopf und Kragen.
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Bundestrainer Julian Nagalsmann (re.) liebäugelt mit einer Rückkehr von Manuel Neuer in die Nationalmannschaft

Fotocredit: Getty Images

Warum soll Manuel Neuer gerade jetzt zurück ins Tor?

Vordergründig ging es um die Frage, ob es denn nun stimme, dass der zurückgetretene Manuel Neuer in das Tor der Nationalmannschaft zurückkehren werde. Das hatte der Sender "Sky" am Wochenende berichtet. Nicht als Gerücht, nicht als rhetorische Frage, sondern als Tatsachenbehauptung mit Verweis auf interne Quellen.
Und Nagelsmann? Er beginnt seinen viel zitierten "Eiertanz", in dem er es nicht schafft, diesen einen Satz zu sagen, der alles aufgeklärt hätte: "An dem Gerücht ist nichts dran".
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In der Kritik: Julian Nagelsmann

Fotocredit: SID

Ergo lässt das ganze "Sportstudio"-Interview nur einen logischen Schluss zu: Manuel Neuer wird bei dieser WM im Tor der deutschen Fußball-Nationalmannschaft stehen. Das Gleiche denkt übrigens der Torhüter, den Nagelsmann zur neuen Nummer 1 befördert hatte und der die gesamte WM-Qualifikation spielte: Oliver Baumann.
Wir wissen das, weil Baumann das am Wochenende öffentlich erklärte. Welches Spiel wird da gespielt und vor allem: warum? Die Nationalmannschaft hatte zuletzt viele Baustellen, aber sicher keine im Tor!

Die "feine Kommunikation" des Bundestrainers

Und jetzt beginnt die eigentliche öffentliche Blamage eines immer noch jungen Trainers, der einmal ein Hoffnungsträger war, ein Muster an Glaubwürdigkeit im Sumpf eines immer unglaubwürdigeren Kommerzgeschäftes. Nagelsmann führte wortreich aus, dass die persönliche Kommunikation zu jedem Spieler für ihn "das Allerwichtigste" sei, dass "ich sehr fein bin mit meiner Kommunikation mit den Spielern".
Nagelsmann suggerierte, dass es noch keine finalen Gespräche gegeben habe, aber dass er gleich nach dem "Sportstudio" persönlich alle 62 Spieler, die infrage kommen würden, kontaktieren werde, um ihnen zu erklären, ob sie nun im WM-Kader dabei sind oder eben nicht.
"Noch viermal schlafen", dann würden auch wir sie kennen. Nach seinem TV-Auftritt aber scheint klar: Nagelsmann wird nur 61 Telefonate führen müssen, denn einer weiß bereits, dass er mitfahren wird, einer, der bisher gar nicht zur Nationalmannschaft gehörte, weil er ja zurückgetreten war: Manuel Neuer. Anders kann man das, was Nagelsmann im "ZDF" nicht gesagt hat, gar nicht verstehen.

Fehlt Julian Nagelsmann die sittliche Reife?

Sollte es so kommen, dann wäre das für den tapferen Sportsmann Oliver Baumann eine Erfahrung, die menschlich schwer zu verarbeiten sein dürfte. Er erfährt aus der Öffentlichkeit von seiner Degradierung und nicht durch die sehr "feine Kommunikation" des Bundestrainers persönlich.
Wie sollte man sich ein Vertrauensverhältnis zwischen diesen Beiden dann noch vorstellen? Oder, wenn das Schule macht, zu den anderen 26 Spielern im Kader? Als im "ZDF" von einer DFB-Liste mit 50 Namen die Rede war, mit allen potenziellen Spielern, die für die WM infrage kommen, und der Moderator wissen wollte, ob Manuel Neuer draufstehe, da erklärte der Bundestrainer, dass er die Namen auf der Liste nicht kenne.
Das sei natürlich "super glaubwürdig" vermerkte Moderator Jochen Breyer ironisch. Wer außer dem Bundestrainer sollte diese Liste erstellt haben? Man kann es auch anders formulieren: Ein Bundestrainer, der live vor einem Millionenpublikum herumschummelt, dem also offensichtlich die sittliche Reife für das Amt fehlt, der hat unser Vertrauen auch nicht verdient.

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ZUR PERSON: THILO KOMMA-PÖLLATH
Der Sportjournalist und Buchautor ("Die Akte Hoeneß") beleuchtet in seinem wöchentlichen Blog all das Geschehen in der Fußball-Bundesliga für Eurosport.de. Oft skeptisch, ironisch, kritisch - aber einer muss schließlich den Ball flach halten.
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Bis 2027: Neuer verlängert beim FC Bayern

Quelle: Perform


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