Hoch über den Wolken wurde Alfred Gislason ein bisschen wehmütig. Das "eigenartigste Turnier von allen", diese verrückte Handball-EM mit 15 Coronafällen im deutschen Team, hatte selbst beim schlachtenerprobten Bundestrainer Spuren hinterlassen.
"Einerseits bleibt Stolz auf die Mannschaft", sagte Gislason in seinem persönlichen EM-Fazit, bevor er am Mittwochmorgen mit seiner "Wilden 13", jenen vom Virus verschont gebliebenen Spielern, in Bratislava in den Charterflieger stieg: "Andererseits ist es auch schade, weil mit weniger Ausfällen hätte es ein sehr, sehr gutes Turnier werden können."
Diese "sehr schwierigen Tage mit der Mannschaft" beschrieb der Isländer dennoch als "ein schönes Erlebnis. Das werden wir nie vergessen."
EM
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25/01/2022 AM 16:59
Für den deutschen Handball taugt das Turnier trotz aller Corona-Turbulenzen und Widrigkeiten als Mutmacher. Zwei Jahre vor der Heim-EM verpasste das DHB-Team das Halbfinale zwar deutlich, doch angeführt vom neuen Kapitän Johannes Golla begeisterte es phasenweise und erzeugte mit beherzten Auftritten wie zum Abschluss gegen Russland (30:29) eine Lust an der Nationalmannschaft, wie sie so zuletzt beim Titelgewinn 2016 zu spüren war. "Wir können nach dem Turnier positiver in die Zukunft blicken als vor dem Turnier", sagte Golla.

Neue Generation mischt DHB-Auswahl auf

Nach etlichen Rücktritten der Riege um den langjährigen Kapitän Uwe Gensheimer mischt eine neue Generation die DHB-Auswahl auf. Angefangen beim neuen Chef, dem erst 24 Jahre alten Golla, den Gislason ob seiner Weltklasse-Leistungen über das gesamte Turnier und seiner Art, die Mannschaft zu führen, schon mit dem legendären Kieler Kreisläufer Marcus Ahlm verglich.
Der hoch veranlagte Rückraumspieler Julian Köster (21), aber auch Torhüter Till Klimpke (23), die beiden Außen Lukas Zerbe (26) und Lukas Mertens (25) sowie Spielmacher Luca Witzke (22) und Shooter Sebastian Heymann (23) - sie alle sind Spieler, denen ohne Frage die Zukunft gehört.
"2024 wird der Bundestrainer eine Mannschaft hinstellen, die bestimmt in der Lage sein wird, ums Halbfinale mitzuspielen", sagte Torhüter Johannes Bitter. Der in Bratislava in höchster (Personal-)Not kurzfristig eingesprungene 2007-Weltmeister wird dann sicherlich nicht mehr dabei sein. Doch er wird die Entwicklung genau verfolgen. "In dieser Mannschaft sind Leute mit wenig Erfahrung, aber sie haben Mut. Das ist eine schöne Aussicht", so Bitter.

Goll blick WM 2022 optimistisch entgegen

Die Verbandsspitze zeigte sich rein sportlich zufrieden mit dem Turnier, sieht allerdings auch keinen Grund, euphorisch zu werden. "Auf Platz sieben oder acht wollen wir nicht bleiben, wir wollen nach oben", sagte Axel Kromer. Das verbleibende Jahrzehnt, so der DHB-Sportvorstand, biete mit der Heim-EM 2024, Olympia in Paris im selben Jahr sowie der Heim-WM 2027 "tolle Perspektiven, die uns stark machen sollten".
Kapitän Golla nahm dagegen schon die WM im kommenden Jahr in Polen und Schweden ins Visier, wo dann der nächste Schritt in der Entwicklung folgen muss. "Wenn wir es schaffen, im nächsten Jahr gesund zu bleiben und uns mehr einzuspielen, geht da was", sagte der Flensburger. Gislason betonte nach dem von ihm eingeleiteten Umbruch und der für ihn "extrem wertvollen" EM: "Ich kann sehr viel mitnehmen für unsere weitere Planung."
Während der Isländer sich nach der Ankunft auf dem heimischen Hof in Wendgräben bei Magdeburg gleich an die Turnier-Auswertung setzen wollte, freuten sich die Spieler auf ihre Familien. "Für die Psyche war das echt hart", sagte Rückraumspieler Paul Drux: "Wir hoffen, sowas nicht noch einmal erleben zu müssen."
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(SID)

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