Reif: "Das halte ich für Schwachsinn"

Weitsprung-Star Christian Reif spricht im Exklusiv-Interview mit eurosport.yahoo.de über die EM, die Ausbootung von Markus Rehm sowie den Behinderten-Verband.

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Die EM steht kurz vor der Tür. Welche Ziele haben Sie für Zürich?
Christian Reif: Ich habe bei den Deutschen Meisterschaften gezeigt, dass ich in sehr guter Form bin. Daran hat sich nichts geändert. Natürlich will ich schauen, dass es noch besser wird. Um ganz vorne in Zürich zu landen, muss noch ein bisschen mehr her. Ganz sicher sogar.
Einer der Hauptkonkurrenten ist Greg Rutherford aus Großbritannien, der nach seiner Verletzung bei den Commonwealth Games gleich 8,20 Meter gesprungen ist. Wie wichtig muss man ihn als Konkurrenten nehmen, gerade im Kampf um die Medaillen?
Reif: Rutherford wird einer der Hauptkonkurrenten sein. Dann natürlich auch Alexander Menkow. Der schon angekündigt hat, sich auf Zürich zu freuen, weil er dort die Goldmedaille holen wird. Gut, sagen kann er viel, aber dennoch hat er zusammen mit Rutherford bereits im vergangenen Jahr eine gute Form gezeigt. Das sind die beiden, auf die man ganz besonders achten muss. Ich denke auch, dass Eusebio Caceres, der schon lange auf gutem Niveau springt, auch 8,40 Meter springen kann.
Sie haben Anfang Juli für einen Paukenschlag gesorgt. Mit 8,49 Meter sind Sie nur 5 Zentimeter am deutschen Rekord vorbeigeschrammt. Können Sie diese Leistung wiederholen?
Reif: Theoretisch ist das möglich. Aber das kann man vor einem wichtigen Wettkampf kaum einschätzen. In Zürich geht es um die vorderen Plätze und um Medaillen. Natürlich würde man mit einem Deutschen Rekord ganz vorne landen, das ist ganz klar. Aber so einen Rekord kann man nicht planen. Meine Form ist gut, aber vom Deutschen Rekord möchte ich nicht sprechen. Dafür muss wirklich alles passen. Da muss der Wind sehr gut sein. Die Anlage muss eine gute schnelle Bahn haben. Außerdem muss ich den Sprung perfekt treffen. Da gehört wirklich viel dazu.
Sie sind jetzt 29 Jahre alt. Ist dieses Weitsprungalter geeignet, um von der Routine der letzten Jahre zu profitieren?
Reif: Ich glaube, die Routine ist vor allem deswegen gut, weil man weiß, welche Übungen einem gut tun. Das ist vielleicht der größte Vorteil, den man als älterer Athlet hat. Im Wettkampf selbst habe ich da in den letzten Jahren kaum einen Vorteil bemerkt. Es ist wirklich mehr im Training zu merken, dass man die Inhalte besser kennt und besser anwendet.
Spüren Sie bereits Ihren Körper? Zwickt es vielleicht an der einen oder anderen Stelle schon mal?
Reif: Einfacher wird’s nicht, das ist klar. Aber ich hatte in meiner ganzen Sportlerkarriere immer wieder Verletzungen. Das ist jetzt im Alter auch nicht mehr geworden. Ich wurde immer mehr von kleineren Problemen begleitet als von größeren. Daran hat sich bislang nichts geändert.
Miroslav Klose hat es im Fußball vorgemacht. Er ist ein absoluter Fitness-Fanatiker. Sind Sie auch ein Typ, der genau darauf achtet, was er isst, wie er trainiert und was man noch besser machen kann?
Reif: Das auf jeden Fall. Man lässt überall seine Erfahrung einfließen. Jetzt noch einmal viel schneller zu werden, ist tatsächlich schwierig. Ein bisschen mehr Kraft, das geht auf jeden Fall noch. Ich bin noch nicht am absoluten Limit. Aber es ist auch nicht so, dass man noch ganz viel entwickeln kann. Deswegen muss man schauen, dass man es mit seiner ganzen Erfahrung schafft, weniger Mittel für einen größeren Erfolg aufzuwenden.
Behindertensportler Markus Rehm hat bei den Deutschen Meisterschaften den ersten Platz im Weitsprung belegt. Wenn er Siebter oder Achter geworden wäre, hätte es keinen interessiert. Wie beurteilen Sie die Situation, dass er nicht mit zur EM nach Zürich fahren darf?
Reif: Das ist natürlich sehr schwierig, weil man da vielleicht nicht komplett konsequent war. Ich bin immer dafür, dass man sich an die Regeln hält, und vor allem an die Regeln, die man selber aufgestellt hat. Und wenn man den Deutschen Meister nicht mitfahren lässt nach Zürich, dann ist hier wohl nicht alles gut durchdacht worden. Aber der Fehler ist letztendlich vorher passiert. Ich glaube, man hätte schon eher überprüfen müssen, ob das überhaupt Sinn macht und ob das überhaupt regelkonform ist, dass Markus mitspringt. Oder man hätte ihn von Anfang an außer der Wertung springen lassen müssen, wenn das überhaupt möglich ist bei Deutschen Meisterschaften. Aber so oder so war es ein Novum bei Deutschen Meisterschaften, dass ein paralympischer Athlet mitspringt. Von daher hätte man eine Lösung finden können, ihn außer der Wertung mitspringen zu lassen.
Eurosport-Kommentator Sigi Heinrich geht in seinem Blog noch weiter und fordert ein Entgegenkommen der Behindertensportler. In seinen Augen kann eine Chancengleichheit nicht bestehen. Sehen Sie das ähnlich?
Reif: Das ist nicht einfach zu beantworten. Man ist als junger Sportler immer darum bemüht, die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, weil man auch eine gute sportliche Leistung bringen will. Da kann man wirklich kein Entgegenkommen von Markus fordern. Wo man vielleicht etwas fordern kann, ist beim Behinderten-Verband, dass man da womöglich bei der Finanzierung der aufwendigen Analysen hilft und das nicht komplett auf den Leichtathletikverband abwälzt. Vielleicht könnte man eine gemeinsame Lösung finden. Immerhin sind sie auch daran interessiert, dass das besser gelöst wird. Da könnte man vielleicht ein Entgegenkommen erwarten. Aber von Markus selbst, der einfach mitspringen will, sollte man das nicht erwarten.
Aber noch einmal nachgefragt. Gibt es wirklich eine Chancengleichheit?
Reif: Das ist fast schon philosophische Frage. Man kann ja so weit gehen und sagen, dass es die Chancengleichheit sonst auch nicht gibt: Ich bin ganz anders aufgewachsen, in einem ganz anderen Umfeld als andere Athleten. Man könnte das auch mit anderen Ländern vergleichen. Daher finde ich das sehr gefährlich zu sagen, dass es eine Chancengleichheit zwischen behinderten und nichtbehinderten generell nicht geben kann, weil ich glaube, dass die Chancengleichheit auch sonst nicht 100 Prozent gegeben ist.
Es wurde auch vorgeschlagen, dass Markus Rehm mit dem anderen Bein abspringen soll, um eine Chancengleichheit herzustellen. Ist diese Idee umsetzbar?
Reif: Nein. Das kommt einer Chancengleichheit überhaupt nicht näher. Das halte ich für Schwachsinn. Man muss sich einfach überlegen: er hat jetzt rein von den Regularien das Recht mit beiden Beinen zu springen, also entweder mit Prothese oder mit dem gesunden Bein. Und dann nutzt er natürlich die Variante, die besser für ihn ist. Das ist ganz klar. Aber das machen wir ja auch, wir haben auch das Recht mit links oder mit rechts zu springen. Das ist vielleicht etwas anderes, das gebe ich zu, aber trotzdem nutzen wir natürlich die beste Variante für uns, um so weit wie möglich zu springen. So lange es keine Regularien gibt in diesem Bereich, sehe ich auch keine Veranlassung für ihn, dass er mit dem anderen Bein springt. Da muss man auch die Disziplin kennen: es ist deutlich einfacher sich mit dem gesunden Bein vor dem Absprung abzusenken als mit der Prothese, weil die tatsächlich wenige Zentimeter länger ist. Da kommt man mit dem längeren Bein nicht richtig runter. Um die Weitsprungtechnik optimal zu realisieren, muss er also mit der Prothese springen - auch wenn das alle Kritiker bestätigt.
Sie haben ein sehr entspanntes Verhältnis zu Markus. Werden Sie in Zürich ein Zeichen für ihn setzen?
Reif: Natürlich gibt es Ideen, aber ich möchte dazu nicht viel sagen. Ich fände es auch toll, wenn etwas vom Verband kommt. Dass man ihn vielleicht als Ehrengast einladen könnte. Möglicherweise im Finale, damit er wenigstens dann dabei sein kann. Fordern kann ich nichts, aber es wäre eine tolle Geste. Auch wenn ich natürlich weiß, dass das sehr schwierig ist. Einerseits lässt man den Athleten zu Hause, andererseits lädt man ihn als Ehrengast ein. Aber man muss sagen, er hat der Leichtathletik und gerade dem Weitsprung eine große Aufmerksamkeit beschert, die sportlich kaum ein deutscher Leichtathlet bekommen hätte.
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