Rico Freimuth kritisiert DLV im Interview: "Rotwein mittlerweile wichtiger als die Trainingseinheiten"

Die Leichtathletik-WM 2023 in Budapest entwickelte sich zum medaillenlosen Desaster für den Deutschen Leichathletik-Verband (DLV). Der ehemalige Zehnkämpfer Rico Freimuth äußert im exklusiven Interview mit Eurosport seinen Unmut über die Zustände in der Leichtathletik-Szene und gibt Einblick in eine Kultur, in welcher "Rotwein mittlerweile wichtiger als Trainingseinheiten" ist.

Die 4x100m-Männer Lucas Ansah Peprah, Kevin Kranz, Joshua Hartmann, Yannick Wolf (v.l.n.r.)

Fotocredit: Imago

Die Leichtathletik-WM 2023 in Budapest war für den Deutschen Leichtathletik-Verband (DLV) alles andere als ein Schaulaufen für die Olympischen Spiele 2024 in Paris. Bei insgesamt 49 Medaillen-Entscheidungen ging der DLV leer aus - keine einzige Medaille fand ihren Weg an einen deutschen Hals.
"Da blutet einem das Leichtathletik-Herz", blickt der ehemalige Zehnkämpfer Rico Freimuth wehmütig auf das deutsche Abschneiden in Ungarn. Im exklusiven Interview mit Eurosport.de legt der Vizeweltmeister von 2017 den Finger tief in die Wunde und offenbart Missstände in der Leichtathletik-Szene.
"Man hat das Gefühl, dass der Rotwein mittlerweile wichtiger als die Trainingseinheiten ist", führt Freimuth aus: "Und das zieht sich über die gesamte Führungsebene." Vor der deutschen Leichtathletik stehe laut dem 35-Jährigen ein langer und steiniger Weg. Das vom DLV formulierte Ziel, bei den Olympischen Spielen 2028 zu den fünf besten Nationen der Welt zu gehören, tat er als "aberwitzig und unseriös" ab.
Die einzigen Lichtblicke stellten zurzeit Zehnkämpfer Leo Neugebauer und Weitsprung-Olympiasiegerin Malaika Mihambo dar. Besonders Neugebauer hat es Freimuth angetan: "Leo hat sein unfassbares Potenzial gezeigt", schwärmte er. "Er ist Deutschlands nächster große Leichtathletik-Star."
Herr Freimuth, im Vorfeld der Leichtathletik-WM sprachen Sie davon, dass die Welttitelkämpfe aus deutscher Sicht nur ein Desaster werden können. Nun sind die DLV-Athleten mit keiner einzigen Medaille im Gepäck zurückgekehrt - hat sich Ihre Prophezeiung erfüllt?
Rico Freimuth: Dieses Szenario haben neben mir noch einige weitere Leichtathletik-Insider befürchtet. Am Ende sind Platzierungen in den Top 8 zwar schön, aber in der Öffentlichkeit wird man an den Medaillen gemessen - und aus dieser Perspektive haben wir die historisch schlechteste Ausbeute aller Zeiten stehen. Daher hat sich alles, was ich gesagt habe, bewahrheitet. Da blutet einem das Leichtathletik-Herz. In der Gesamtheit ist es letztlich leider ein Desaster geworden. Natürlich gibt es einige Athleten, die wirklich toll performt haben. Aber man landet abends nur in der Sportschau, wenn man eine Medaille holt - das ist die Realität.
Robert Harting holte am Montag zum Rundumschlag aus und warf den Entscheidern beim DLV Versagen vor. Zudem bezeichnete er das Potenzialanalysesystem, das als Grundlage für die Verteilung der finanziellen Zuwendungen an die olympischen Sommersportverbände dient, als „richtig krank“. Wird der Leistungssport in Deutschland zu Tode analysiert und vielleicht sogar unnötig verkompliziert?
Freimuth: Definitiv. Heutzutage wird mittlerweile viel zu viel darüber debattiert, smarter und nicht härter zu trainieren. Damit kommt man im Leistungssport aber nicht weit. Dort muss man härter trainieren und weniger analysieren. So war das in Roberts Karriere und in meiner ebenso. Deswegen würde ich mich der Ansicht anschließen. Alleine wenn ich mir die 4x100-Meter-Staffel angucke, laufen mittlerweile so viele Sportwissenschaftler nur wegen der Wechsel rum und analysieren das zu Tode - aber wir haben ja gesehen, wie die Wechsel am Ende aussehen.
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DLV-Männer fliegen nach Wechselfehler raus - USA mit Top-Zeit

Quelle: Eurosport

Der DLV hat sich einen Tag nach dem Debakel von Budapest mit einem ambitionierten Plan zu Wort gemeldet. Verbandschef Jürgen Kessing rief das Ziel aus, bis zu den Olymischen Spielen 2028 in Los Angeles unter den Top-Fünf-Leichtathletik-Nationen zu sein. Wie realistisch ist diese Zielsetzung Ihrer Meinung nach?
Freimuth: Eine derartige Aussage klingt so kurz nach einer solchen Weltmeisterschaft natürlich ein bisschen aberwitzig und unseriös. Ich kann mir nicht vorstellen, was passieren soll, damit wir in fünf Jahren unter den Top-Fünf-Nationen landen.
Wie kann es sein, dass man beim Verband nach diesem desolaten WM-Abschluss zu einer solchen Schlussfolgerung kommt - auch angesichts des Umstands, dass immer weniger Geld seinen Weg in die Leichtathletik findet?
Freimuth: Der einzige verständliche Grund wäre, dass sich bei der U20-WM viele Talente hervorgetan haben und wir auch im U18-Bereich stark vertreten sind. Nur - bis diese Talente im Erwachsenenbereich wirklich in der Weltklasse angekommen sind, dauert es nochmal ein ganz schönes Stück. Die Ausnahme-Athleten, die bereits mit 21 Jahren etwas reißen, werden immer Ausnahmen bleiben und sind nicht der Regelfall. Ein normaler Athlet braucht bei den Großen normalerweise drei, vier, fünf Jahre, um konkurrenzfähig zu sein und um Medaillen kämpfen zu können. Von daher kann ich mir gar nicht vorstellen, warum eine solche Aussage getroffen wurde, ohne sich nur auf die Talente zu beziehen. Gerade mit dem Hintergedanken, dass immer weniger Geld zur Verfügung steht - was aber natürlich nicht der einzige wichtige Parameter ist. Wenn man uns beispielsweise mit der University of Texas vergleicht, die als eine Universität ein ähnliches Budget wie der gesamtdeutsche Sport samt paralympischen Athleten zur Verfügung hat, dann ist die Aussage nicht nachzuvollziehen. Und es gibt noch zwanzig weitere Universitäten mit einem ähnlichen Budget! Allein die sind bereits so konkurrenzfähig wie wir als gesamtes Land.
Wo kann man die Ursache für diesen Missstand verorten?
Freimuth: Das Problem sind die föderalistischen Strukturen. Selbst das Geld, das wir haben, wird einfach schlecht verteilt. Es kommt nicht bei den Trainern an, es kommt nicht bei den Athleten an. Man hat das Gefühl, dass der Rotwein mittlerweile wichtiger als die Trainingseinheiten ist. Und das zieht sich über die gesamte Führungsebene. Man sollte Anreize setzen, dass die Trainer mehr Geld verdienen. Dann würden eventuell auch Leute wie ich wieder im Sport landen. Ein weiterer wichtiger Ansatz wäre, dass auch die Sportler mehr Geld verdienen. Wenn man im Falle einer WM-Qualifikation nur zwischen 2000 und 2500 Euro verdient, dann überlegen sich natürlich viele, wo der finanzielle Anreiz ist, sich den ganzen Tag zu quälen. Dann gehen sie lieber arbeiten - und genau da gehen uns die gesamten Talente verloren.
Nur zum Verständnis: Sie sprachen davon, dass der Rotwein wichtiger als Trainingseinheiten sei. Was genau meinen Sie damit?
Freimuth: Mittlerweile haben wir eine komische Kultur, die sich seit Jahren im DLV eingebürgert hat. Teilweise werden die Trainingslager danach ausgesucht, wo die Rotweingüter liegen - damit Trainer und Funktionäre dort abends Rotwein trinken können. Und das hat vielen Athleten bereits damals sauer aufgestoßen. Wir brauchen ab sofort im Trainer-Dasein eine ganz andere Kultur. Die Trainer müssen sich besser und seriöser auf die Athleten konzentrieren und die Sportler brauchen mehr Geld, damit sie das Training seriöser angehen können. Der Sport muss zu 100 Prozent im Fokus stehen und nicht irgendein anderer Müll. Wenn man vier Wochen im Trainingslager ist, soll es nichts anderes geben außer das Training - weil man ja bestenfalls an die Weltspitze will. Das geht nicht, wenn man halbseriös und nur mit 80 Prozent an die Sache herangeht.
Schaut man etwas über den Tellerrand der Leichtathletik hinaus, wird deutlich, dass der deutsche Leistungssport auch in anderen Bereichen - zum Beispiel im Fußball - plötzlich deutlich hinterhinkt. Gibt es im deutschen Leistungssport bzw. im Nachwuchs ein grundlegendes Problem, das angepackt werden muss?
Freimuth: Im Fußball ist das womöglich etwas weniger nachzuvollziehen, weil dort Geld ohne Ende fließt. Da ist die umgekehrte Psychologie gefragt. Fußballer sind wahrscheinlich zu verwöhnt und dadurch bereits satt. Wenn man mit nur 19 Jahren zum Millionär wird, tritt auf der mentalen Ebene eine gewisse Sättigkeit ein. Und dieses Problem haben wir in umgekehrter Form bei den olympischen Sportarten wie Schwimmen, Turnen und Leichtathletik. Im Fußball geht es mit Sicherheit um Kompetenzen, weil das Geld bekanntlich da ist. In der Leichtathletik geht es um Kompetenzen und Geld. Was ich zusätzlich noch bemängle, ist die dürftige Umgebung. Wir schaffen es in Deutschland nicht, große Trainingsgruppen einer Disziplin zu gründen, die gebündelt an einem Standort trainieren, wo sich alles rund um Ärzte, Physiotherapeuten oder auch Sponsoren vereint. Jeder macht irgendwie irgendwo sein eigenes Ding. Wenn ich mir andere Länder anschaue, zum Beispiel in Norwegen - trainieren fast alle Athleten an einem Stützpunkt. Das ist am Ende einfach förderlich. Es ist gut, wenn man jeden Tag Leute sieht, die mit einem auf demselben Niveau sind, sich mit einem messen. Das pusht die Leistung jeden Tag um drei oder vier Prozent, im Wettkampf ist man dann vielleicht acht oder neun Prozent stärker, als wenn man alles alleine oder in einer kleinen Trainingsgruppe macht.
Leo Neugebauer war einer der wenigen deutschen Lichtblicke in Budapest, schrammte jedoch an einer Medaille vorbei. Was ist für den 23-Jährigen in Zukunft möglich? Kann er zum deutschen Leichtathletik-Aushängeschild werden?
Freimuth: Man muss wirklich sagen, dass Leo Pech gehabt hat. Mit einer solchen Leistung hätte man nur bei zwei Weltmeisterschaften in der Geschichte keine Medaille geholt. Er hat eine Top-Leistung abgerufen, ihm kann man nichts vorwerfen. Ich bin mir ziemlich sicher, dass er nächstes Jahr in Paris zuschlagen wird. Und damit meine ich, dass er - davon bin ich felsenfest überzeugt - als erster deutscher Zehnkämpfer seit Frank Busemann 1996 eine Medaille bei den Olympischen Spielen holen wird. Leo hat sein unfassbares Potenzial gezeigt und in dem Moment einfach Pech gehabt, dass ihm der Diskuswurf das Genick gebrochen hat. Da hat er die Medaille verloren. Aber das ist ein Lernprozess und damit wird er im nächsten Jahr anders umgehen können. Er ist Deutschlands nächster große Leichtathletik-Star.
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Persönliche Bestleistung! Neugebauer brilliert im Speerwurf

Quelle: Eurosport

Wen hätten Sie in dieser Hinsicht noch auf dem Zettel?
Freimuth: Hier muss man natürlich auch Malaika Mihambo erwähnen, die zuletzt verletzt war. Sie ist seit Jahren unser Aushängeschild und wird auch im kommenden Jahr wieder vorne dabei sein. Und dann muss ich langsam aber sicher anfangen zu überlegen ... So ist es momentan leider, das Feld ist am oberen Ende mit Top-Leuten, die uns sicherlich eine Medaille holen, sehr dünn besetzt. Malaika ist dabei, Leo ab nächstem Jahr hoffentlich auch. Aber von vielen Höhepunkten darf man zurzeit leider nicht ausgehen.
Sprint-König Noah Lyles hat sich in Budapest nicht nur ins Rampenlicht katapultiert, sondern ist gewissermaßen auch in die Fußstapfen von Usain Bolt getreten. Hat die Leichtathletik ihre neue Lichtgestalt gefunden?
Freimuth: Man kann nichts mit Usain Bolt vergleichen - auch wenn Lyles mit seinen Leistungen sehr nah an ihn herankommt. Ich weiß aber nicht, ob er so hoch angesehen wird wie Bolt damals. Ich finde ihn echt cool und natürlich hat er mit seinen drei Goldmedaillen für eine richtige Show gesorgt. Wir sollten uns aber in der Leichtathletik darauf konzentrieren, mehrere Showmaker zu haben. Armand Duplantis oder auch Karsten Warholm um nur einige Namen zu nennen. Das sind ebenso schon Lichtgestalten der Leichtathletik. Allerdings ist es schwierig, dass eine einzige Person in die Fußstapfen von Usain Bolt treten soll. Vielleicht ist das auch gar nicht der richtige Ansatz, dass sich alle immer nur auf einen einzigen Sportler fokussieren, da die Leichtathletik nun mal sehr vielseitig ist und von dieser Eigenschaft auch lebt. Wir haben über 50 verschiedene Medaillen-Entscheidungen - und nicht nur den 100-Meter-Sprint. Daher sollten wir auch diese Vielseitigkeit nutzen und das Rampenlicht auf viele Gesichter verteilen. Der Weltverband will immer diesen einen Superstar haben. Aber ich glaube nicht, dass das in der Zukunft so funktioniert.
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Lyles stürmt zu 100-m-Gold - Tausendstel-Krimi um Silber und Bronze

Quelle: Eurosport

Für emotionale Vielseitigkeit hat das geteilte Gold von Nina Kennedy und Katie Moon im Stabhochsprung gesorgt - die Szene zählt wohl zu den schönsten Geschichten der abgelaufenen WM. Wie blicken Sie auf solch herzerwärmende Momente? Würden Sie sich manchmal doch lieber ein bisschen mehr kühles Konkurrenzdenken wünschen?
Freimuth: Gerade solche Szenen wie im Stabhochsprung finde ich schön. Oder auch im Siebenkampf, wenn sich Katharina Johnson-Thompson und Anna Hall umarmen und sich gegenseitig bedankt haben, weil sie sich bis ans Ende gepusht haben. Es ist toll, wenn man im Sport vorlebt, dass man auch auf eine freundliche Art und Weise gegeneinander antreten kann - und den anderen nicht unbedingt hassen muss. Das ist ein Wert, der in unserer heutigen Gesellschaft immer wieder verloren geht. Am Ende sollten wir alle so durch das Leben gehen. Wir sind selbst für unsere Leistung verantwortlich und können nichts dafür, wenn jemand anderes besser ist. Daher darf man die andere Person nicht hassen oder kleinreden. Das sind genau die Momente, warum ich die Leichtathletik immer geliebt habe. Gerade im Zehnkampf ist dieses Miteinander sehr ausgeprägt: Wir kämpfen zwar alle gegeneinander, aber wir machen das gemeinsam und jeder gibt sein Bestes. Vor allem für die Zuschauer dürften solche Momente sehr schön sein.
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Küsschen und Tränen: Kennedy und Moon teilen Goldmedaille

Quelle: Eurosport

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