Gentest-Pflicht vor Leichtathletik-WM in Tokio stößt auf Kritik: Nicht durchdacht, aber notwendig?

Die kurzfristige Gentest-Pflicht vor der Leichtathletik-WM in Tokio sorgt für heftige Diskussionen und reichlich Wirbel in der Leichtathletik-Szene. Während World-Athletics-Präsident Sebastian Coe den Schritt als notwendigen Schutz der Frauenkategorie verteidigt, kritisieren Athletinnen und Verbände die Regel als juristisch fragwürdig, ethisch umstritten und wissenschaftlich nicht durchdacht.

Leichtathletik-WM: Der SRY-Test soll das Vorhandensein des Y-Chromosoms nachweisen

Fotocredit: Getty Images

Nein, schwergefallen sei ihr der Gentest nicht, berichtete Malaika Mihambo in diesen Tagen in Japan. Doch das änderte nichts an ihrer Haltung. Die Maßnahme sei "juristisch fragwürdig, ethisch heikel und wissenschaftlich verkürzt", sagte die Tokio-Olympiasiegerin und äußerte damit die deutlichste Athletinnen-Kritik an der umstrittenen Neuerung vor der Leichtathletik-WM in Tokio.
Dort verlangt der Weltverband World Athletics von allen Teilnehmerinnen den einmaligen Nachweis ihres biologischen Geschlechts – ein Vorgehen, das die Leichtathletik aufwühlt.
Befürworter sprechen von einem notwendigen Schutz der Frauenkategorie, Kritiker von einem Schnellschuss mit unklaren Folgen. Nicht nur Weitsprung-Queen Mihambo sieht den Beschluss als "nicht optimal und nicht durchdacht", auch der Deutsche Leichtathletik-Verband (DLV) hatte jüngst vor allem die Kurzfristigkeit der Einführung als zu große Belastung für Athletinnen und Verbände bemängelt. Letztlich setzte aber auch er die Regel um, denn: Der Test ist alternativlos.
WA-Präsident Sebastian Coe verteidigte den Schritt als "unumgänglich", die Gentests seien die "Antwort auf ein Prinzip, an das wir alle fest glauben. Und dies ist, die Frauenkategorie zu schützen." Der 68-Jährige sprach von "überwältigender Unterstützung" durch viele Athletinnen und Mitgliedsverbände: "Viele der Athletinnen haben sich persönlich bei uns gemeldet und sich für diesen Ansatz bedankt."

Umsetzung mit Problemen

So seien die Tests vor den Titelkämpfen in Japan weit fortgeschritten. "Mehr als 95 Prozent sind abgeschlossen", teilte World Athletics am Dienstag mit. Die noch ausstehenden Fälle würden in Tokio unmittelbar vor Beginn der Weltmeisterschaften, die am Samstag starten, abgeschlossen.
Wie brisant die Umsetzung aber sein kann, zeigt der Blick zum Boxen. Bei der WM in Liverpool wurde in der Vorwoche Frankreichs Frauenteam ausgeschlossen, weil die Ergebnisse der vorgeschriebenen Tests zu spät vorlagen. Hintergrund ist, dass Gentests in Frankreich nur unter strengen Auflagen erlaubt sind – eine Herausforderung, die den Zeitplan sprengte. Auch nun gehören französische Athletinnen zu jenen fünf Prozent, die den Nachweis über das Geschlecht bislang nicht erbringen konnten.
Genutzt wird in der Leichtathletik der sogenannte SRY-Test. Er weist das Vorhandensein des Y-Chromosoms nach, das für die Ausbildung männlicher Merkmale verantwortlich ist. Kritiker bemängeln, dass der Test zu simpel sei und die biologische Realität nicht abbilden könne, weil Geschlecht weit mehr Faktoren umfasst als ein einzelnes Gen.
Zu diesen gehört auch Mihambo. "Ein einzelner Gentest klingt nach einer klaren Lösung, ist aber wissenschaftlich verkürzt und blendet aus, dass Geschlecht kein simples Entweder-oder ist", sagte sie im Interview mit dem "Sport-Informations-Dienst (SID)". Es ist Kernfrage von berühmten Streitfällen wie von Caster Semenya oder Imane Khelif: Wie komplex ist Geschlecht – und wo darf der Sport Grenzen ziehen?

Falsche Prioritätensetzung

Mihambo hält zudem den enormen organisatorischen Aufwand, der viele kleinere Verbände überfordere, für nicht verhältnismäßig. "Für ein sehr kleines Problem werden enorme Ressourcen aufgewendet, während die wirklich drängenden Themen – Doping, Missbrauch, Gewalt im Sport – weiter bestehen.
Wenn wir von Integrität sprechen, dann müssen wir genau dort mindestens genauso entschlossen handeln", sagte die zweimalige Weltmeisterin. Besser wäre es aus ihrer Sicht gewesen, etwa nur die Medaillengewinnerinnen vor Ort in Tokio zu kontrollieren.
Auch Hochspringerin Christina Honsel sieht Schwächen. "An der Umsetzung finde ich problematisch, dass die Tests von jedem Verband selbst organisiert werden sollen. Da gibt es natürlich Möglichkeiten zur Vertuschung", sagte die Wattenscheiderin der Funke Mediengruppe. Sie hätte sich mehr Unabhängigkeit gewünscht, bekräftigt aber zugleich: "Ich möchte gegen niemanden antreten, die die Vorteile eines Mannes hat."
(SID)
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Quelle: Eurosport


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