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"John Degenkolb kann wieder gewinnen": Jens Voigts Vorschau
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Publiziert 07/04/2019 um 11:46 GMT+2 Uhr
Jens Voigt zählt zu den populärsten deutschen Radprofis der letzten Jahre, insbesondere aufgrund seiner stets angriffsfreudigen Fahrweise. Der Publikumsliebling, der 2014 seine aktive Karriere beendete, kann auf über 30 Profi-Siege zurückblicken. Die Flandern-Rundfahrt 2019 begleitet der 47-Jährige als Experte. Im Interview betont Voigt, dass John Degenkolb durchaus der Sieg zuzutrauen ist.
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Fotocredit: Eurosport
Jens Voigt, willkommen zurück am Eurosport-Mikrofon – freust du dich auf den April und die kommenden Klassiker?
Jens Voigt: Natürlich freue ich mich wieder bei Eurosport dabei zu sein. Jetzt habe ich endlich auch wieder die Chance, die Rennen von Anfang bis Ende zu sehen, denn zu Hause haben die Kinder meistens die Macht über die Fernbedienung. Viele der Fahrer kenne ich noch persönlich und es ist schön ihre Entwicklung zu verfolgen und zu sehen, wie die Rennen laufen.
Welchen Stellenwert haben die Eintagesrennen?
Voigt: Die Frühjahresklassiker sind schon das erste große Highlight des Jahres. Früher gab es einen ganzen Typus Fahrer, die speziell für die Klassiker trainierten. Für die war die Radsportsaison nach Paris-Roubaix und Lüttich-Bastogne-Lüttich schon fast zu Ende. Die sind danach in den Urlaub gegangen und erst zu den Herbstrennen oder zur Weltmeisterschaft wiedergekommen. Das ist heute im modernen Radsport nicht mehr der Fall. Die Pausen sind kürzer und Fahrer wie Greg Van Avermaet wollen auch Tour-de-France-Etappen gewinnen und in die Wertungstrikots schlüpfen.
Kann man von den Frühjahresrennen schon eine Favoriten-Tendenz für die großen Rundfahrten ableiten?
Voigt: Gerade bei den Klassikern mit steileren Passagen und hügeligen Profil kann man schon erste Schlüsse ziehen, wer beim Giro d’Italia in Form sein wird. So war es in der Vergangenheit bereits das eine oder andere Mal der Fall, dass der Sieger oder die Podiumsplatzierten von Lüttich-Bastogne-Lüttich auch beim Giro gut gefahren sind. Deswegen ist es doppelt interessant die Klassiker zu verfolgen.
Neben der besonderen Strecken-Charakteristik ist bei den Monumenten vor allem die Zuschauerbegeisterung entlang der Strecke riesig. Die Fans zelebrieren fast ein Volksfest. Motiviert das zusätzlich?
Voigt: Die Begeisterung ist unglaublich. Nimmt man Paris-Roubaix als Beispiel, wie viele Zuschauer an den staubigen Straßen und bei oft verregnetem Wetter stehen. Tausende oder vielleicht sogar eine Million Fans sind live an der Strecke, da weißt du als Fahrer, warum du das Rennen, die Strapazen, den Stress und auch die Gefahr auf dich nimmst: Für die Leute. Die feuern dich an, wenn an den entscheidenden Passagen die Emotionen hochkochen. Das ist großes Kino und solche Emotionen sieht man sonst vielleicht nur bei einem Fußball-Champions-League-Finale oder bei Olympischen Spielen.
John Degenkolb hat 2015 gleich zwei Klassiker gewonnen, Mailand-San Remo und Paris-Roubaix. Ist ihm in diesem Jahr ein ähnliches Kunststück vor allem bei Paris-Roubaix zuzutrauen?
Voigt: Ich denke schon, dass man mit ihm rechnen muss und er Paris-Roubaix vielleicht erneut gewinnen kann. Er hat im letzten Jahr in sehr überzeugender Art und Weise die Tour-de-France-Etappe gewonnen, die über Teile der Roubaix-Strecke geführt hat. Seine Form stimmt, die Mannschaft ist bereit und sie haben ihn in gute Position gebracht. In Gent-Wevelgem wurde er Zweiter, musste sich im Sprint nur Alexander Kristoff geschlagen geben. Er ist sicherlich der deutsche Fahrer mit dem größten Potential. Wenn es gut läuft dann kann zudem beispielweise einer wie Maximilian Schachmann überraschen, aber es muss gut laufen.
Welche besonderen Eigenschaften benötigt man als Radprofi, um am Ende beim Klassiker zu triumphieren?
Voigt: Erfahrung zählt bei so großen und langen Rennen extrem viel und Endschnelligkeit eher weniger. Man muss das Stehvermögen haben, um einen Klassiker zu gewinnen und das kommt erst durch Erfahrung und im Alter. Gerade Paris-Roubaix ist ein Rennen, bei dem geht immer etwas schief - ein Defekt, ein Reifenschaden oder es passiert vor dir ein Sturz und man verliert plötzlich zwanzig Positionen. Man muss lernen, nie aufzugeben und vor allem nicht in Panik zu verfallen. Sondern ruhig zu bleiben und auf die Mannschaft zu warten, die dich wieder nach vorne fährt. Sodass man selbst nicht in den roten Bereich gehen muss und nicht völlig ausgepowert in der Gruppe wieder ankommt. Denn das Rennen ist niemals vorbei.
Gibt es den einen speziellen Klassiker-Typen oder sind die Rennen dafür zu unterschiedlich?
Voigt: Die Rennen sind unterschiedlich. Aber es sind doch immer zwei Fahrer-Typen, die sowohl in Flandern als auch in Roubaix gut aussehen wie Fabian Cancellara, Niki Terpstra oder Peter Sagan. Dann gibt es den anderen Fahrer-Typ wie es Alejandro Valverde ist. Diese sehen beim Amstel Gold Race und in Lüttich gut aus. Was in den letzten Jahren passiert ist: Das Leistungsniveau an der Spitze ist größer und das Fahrerfeld bleibt lange groß. Bernhard Hinault hat Lüttich-Bastogne-Lüttich zu seiner Zeit mal mit einer 80 Kilometer langen Solofahrt und knapp elf Minuten Vorsprung gewonnen. Wenn jetzt die stärksten Fahrer, zum Beispiel Valverde oder Chris Froome, 80 Kilometer vor dem Ziel solo angreifen würden, dann würden sie nicht mal unter die Top-10 kommen. Das Fahrerfeld würde nur lachen, sie erstmal fahren lassen und später einholen und überrollen. Die Rennen sind schwieriger geworden, weil mehr Fahrer in guter Form sind und das Leistungsgefälle geringer.
Warum sollten die Eurosport-Zuschauer die Klassiker auf gar keinen Fall verpassen?
Voigt: Erstens: Wenn man die Klassiker verfolgt, dann lernt man, dass Radsport Teamsport ist. Zwar sitzt jeder allein auf dem Rad, aber ohne das Team schafft keiner etwas. Zweitens: Der Spruch "Radsport ist Schach auf Rädern" wird bei den Klassikern besonders deutlich. Es sind 22 Mannschaften mit 22 Plänen am Start, und teilweise gibt es innerhalb jedes Teams noch unterschiedliche Pläne. Je nach Rennverlauf wechseln und ändern sich diese und man muss kurzfristig reagieren. Wer ist in der Spitzengruppe? Wie weit ist diese weg? Wer fühlt sich gut, wer ist hinten? Dieses Puzzlestück an taktischen Maßnahmen sieht man nirgendwo besser, als bei den Klassikern. Und drittens: Für mich sind die Klassiker-Rennen die moderne Version von Gladiatoren-Kämpfen. Die Profis stellen alles an die Startlinie. Es ist ein beinharter Kampf, um jeden Zentimeter, bei dem jeder bis zur Erschöpfung kämpft.
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