Tour de France 2015-Streckencheck: Fallen am Fließband auf der großen Schleife durch Frankreich
Der Kurs der Tour 2015 steckt voller großer und kleiner "Fallen" für die Anwärter auf den Gesamtsieg - wir machen den Streckencheck!
Eurosport
Fotocredit: Eurosport
Alles ganz einfach - oder?
Kein langes Zeitfahren auf dem Programm, also entscheidet sich die Tour auf den drei großen Bergetappen über mehrere Pässe und mit den langen Schlussanstiegen zum Plateau de Beille (11. Etappe), nach La Toussuire (19.) und hinauf nach Alpe d'Huez (20.)
Doch so simpel ist es nicht, gerade in diesem Jahr haben die Streckenplaner dafür gesorgt, dass große Gefahren und heimliche Hinterhalte auf vielen Teilstücken für große Spannung sorgen und die Favoriten zu pausenloser Wachsamkeit zwingen.
Wilde Abfahrten, eklige Hügel, enge Straßen, fieser Untergrund und extreme Witterungsbedingungen "würzen" diese Tour fast jeden Tag.
1. Etappe:Nur weil der Auftakt das einzige und dazu mit 13,8 Kilometern ein recht kurzes Zeitfahren ist, wird er dennoch Auswirkungen haben. Der flache Kurs mit seinen vielen Kurven, aus denen heraus neu beschleunigt werden muss, kann durchaus merkliche Abstände zwischen den Favoriten bringen - gerade wenn ein Fahrer noch nicht (wieder) die absolute Topform hat.
Kurze Erinnerung: Beim Tour-Start in Rotterdam 2010 lagen am Ende der damals nur knapp 9km keine 10 Fahrer innerhalb von 30 Sekunden, und Andy Schleck verlor an jenem Tag 42 Sekunden auf Alberto Contador...
2. Etappe:Diese Etappe könnte schon das Aus für manche Tour-Träume bedeuten, denn Stürze sind vorprogrammiert und Windkanten wahrscheinlich. Bei der Fahrt entlang der Küste werden Unmengen von Zuschauern die Fahrer anfeuern, viele Fahrbahnteiler sie zu voller Konzentration zwingen. Vor allem aber ist die Strecke extrem windanfällig: Nicht ohne Grund stehen dort zahllose Windräder, gerade im Sommer bläst es da oft richtig. Die Gefahr, dass das Feld in Gruppen zerteilt werden könnte, wird alle hochgradig nervös machen.
Das wird zu großer Hektik führen, denn jeder will ganz vorne im Peloton platziert sein: Die Sprinter sind heiß auf ihre erste Chance, alle Klassementsfahrer sollen vorne fahren – da wird es eng, zu eng.
Als der Giro 2010 in den Niederlanden startete, führte die 3. Etappe im Finale über teilweise den identisch Kurs: Wind und Stürze sprengen Feld und sorgen für Chaos, über 100 Fahrer verloren mehr als 8 Minuten auf dieser Flachetappe.
3. Etappe:Ankunft an der "Mauer von Huy" - das ist ein echtes Highlight und ein Tag "Klassiker"-Feeling mitten in der Tour. Die steile Rampe im Ziel könnte dem Träger des Gelben Trikots zu Verhängnis werden - falls es einer der kräftigen Zeitfahrspezialisten ist. Denn ganz schnell sind dort 30 Sekunden verloren, bei schlechter Position am Fuß der "Mur" oder falschem Timing des Antritts gerne auch mehr. Dadurch und durch die Zeitgutschrift im Ziel könnte sich im Klassement schon etwas bewegen und z.B. ein Experte für solche Zielankünfte wie Joaquin Rodriguez oder Daniel Martin Boden gutmachen.
Spannend wird das Finale aber besonders durch die vorletzte Steigung, die nur sechs Kilometer vor dem Ziel liegt. Wer dort erfolgreich attackiert, kann die Konkurrenz düpieren - genau wie das Nibali im Vorjahr auf der 2. Etappe in Yorkshire tat.
4. Etappe:Die längste Etappe der Tour wird zur Lotterie: Es geht über das Kopfsteinpflaster, auf dem im Vorjahr schon Stürze und Defekte für große Abstände sorgten. Diesmal sind noch mehr Pavé-Kilometer auf dem Programm, von denen einige auch alles andere als flach sind: Also ein Anklang nicht nur an Paris-Roubaix, sondern auch an die Flandern-Rundfahrt.
Neben der fahrerischen Klasse auf solchem Terrain wird auch das Glück eine Rolle spielen. Ein Defekt zum falschen Zeitpunkt, der erst mit großer Verzögerung behoben werden kann, ein Sturz kurz vor dem eigenen Vorderrad, dem nicht mehr auszuweichen ist - die Unwägbarkeiten sind enorm.
Gut möglich also, dass wieder hier die größten Abstände zwischen den Favoriten entstehen und etliche Asse echt oder de facto aus dem Rennen fallen. Chris Froome musste 2014 nach Stürzen im Regen auf der Pavé-Etappe aufgeben, Nibali fuhr mehr Vorsprung auf seine Podiumskollegen Péraud und Pinot heraus als bei jeder Bergankunft.
6. Etappe:Hier droht auf dem Weg nach Le Havre wieder der Wind - über 120 Kilometer ist ihm das Feld entlang der Küste nach Westen meist schutzlos ausgeliefert. Wenn dort erfolgreich eine konzertierte Aktion gestartet wird, kann das Peloton bei entsprechenden Windverhältnissen komplett in seine Einzelteile zerlegt werden.
"Wir suchen immer solche Gelegenheiten und haben die Strecke perfekt daraufhin studiert", warnt Weltmeister Michal Kwiatkowski vom Etixx-Team.
Was das bedeuten kann haben wir bei der Tour 2013, weit von der Küste entfernt, erlebt. Valverde verlor damals fast 10 Minuten, Contador holte über 1 Minute auf die andere Favoriten heraus. Möglich also, dass wir eine Art Mannschaftszeitfahren der besonderen Art erleben - über weitaus längere Distanz als später auf der 9. Etappe...
8. Etappe:"Platzangst" in der Bretagne: Enge Sträßchen, hohe Sturzgefahr - denn Klassementsfahrer, kletterstarke Sprinter, Puncher – alle wollen ihre Chance an der "Mur de Bretagne" auf einen Tagessieg nutzen und vielleicht auch Gelb holen, bevor das Teamzeitfahren die Karten neu mischt. Also wird es harte Positionskämpfe geben - und manchem wird wie im Motorsport "die Straße ausgehen". Eine falsche Bewegung von Fahrer oder Fan und es droht ein Massensturz - erinnert sei da nur an den Tour-Auftakt in der Vendée 2011, als eine fatale Kettenreaktion im Finale vor dem Mont des Alouettes am Ende über 100 Fahrer mindestens eine Minute im "Sturz-Stau" kostete.
Im Unterschied zur Etappenankunft an der "Mur" 2011 gibt es dieses Mal keine frontale Vollgasanfahrt auf die Schlussrampe, sondern eine Schikane durch den Ort. Dadurch muss neu beschleunigt und um Position gekämpft werden. Die Abstände im Ziel werden nicht enorm sein, aber es werden nicht wie damals über 70 Fahrer innerhalb einer Minute liegen.
9. Etappe:Das Mannschaftszeitfahren ist zwar mit 28 Kilometern nicht außergewöhnlich lang, hat es aber in sich. Technisch nicht zu anspruchsvoll, aber schwer -besonders der Schlussanstieg mit über 6% Steigung, an dem oft auch noch Gegenwind herrscht. Die richtige Kräfteeinteilung und optimale Teamtaktik wird da enorm wichtig.
Der Haken ist nämlich, dass das Mannschaftszeitfahren für eine große Rundfahrt verboten spät auf dem Plan steht. Die Anstrengungen der erste acht Tage haben Spuren hinterlassen, etliche Teams werden schon Fahrer verloren haben, andere Profis sich verletzt über den Parcours quälen. Das kann die Ausgangslage eventuell merklich beeinflussen.
Bei der Dauphiné lagen zuletzt nur 5 Teams innerhalb von 30 Sekunden - auf einem weitaus leichteren und etwas kürzeren Parcours.
Vor dem ersten Ruhetag und der Reise zu den Pyrenäen wird mancher Spitzenfahrer nach dieser ersten Tour-Hälfte schon merklich Rückstand, obwohl noch kein einziger echter Pass gefahren wurde. "Einige Favoriten werden ganz sicher schon vor den Bergen aus dem Rennen sein - das ist traurig, macht aber auch den Reiz der Tour aus", so Thibaut Pinot.
10. Etappe:Die erste Bergetappe ist immer heikel, denn es gilt, den neuen Rhythmus finden – und das fällt manchen Fahrern zudem nach einem Ruhetag generell schwer. Dieser Aspekt verstärkt sich dadurch, dass es bis zum lange Schlussanstieg flott und flach dahergeht. Dann heißt es plötzlich, abrupt (um)schalten und hoffentlich den Klettertritt finden.
Heikel ist die erste Bergankunft auch, weil der Col du Soudet nach Pierre-Saint-Martin wenig bekannt, aber dennoch beinhart ist. Fast 9% im Schnitt über fast zehn Kilometer, dabei Rampen von 16%: Da kann man sich kaum verstecken, schon gar nicht gegen Rivalen wie Froome oder Contador, die gerne die erste Bergankunft gleich zur Attacke nutzen.
14. Etappe:Die großen Bergetappen der Pyrenäen liegen hinter den Fahrern, doch das Mittelgebirge hat auch seinen Reiz... Nicht nur der bekannte Anstieg zum Flugplatz in Mende hat es in sich, sondern im Unterschied zu manchen Etappenankünften dort auch die Bergwertungen davor: 40 Kilometer vor dem Ziel kann man an der Côte de Sauveterre (9km) mit einer konzertierten Aktion eventuell einen Rivalen von seinen Teamkollegen isolieren, zumal nach dieser Bergwertung die Abfahrt erst einmal auf sich warten lässt. Die dem Schlussanstieg "vorgeschaltete" Côte de Chabrits eröffnet zusätzliche Attacke-Optionen neun Kilometer vor dem Ziel.
Contador etwa, der oft lieber Risiko wählt statt stur an langen Schlussanstiegen nach Wattmesser zu kurbeln, könnte diesen Tag nutzen – bei Paris-Nizza gewann er schon zwei Mal in Mende, beide Male war die Côte de Chabrits im Finale zu erklimmen. In jedem Fall ein ganz schlechter Tag, um einen schlechten Tag zu haben....
16. Etappe:Die Schlussrunde um Gap mit dem Col de Manse und seiner schwierigen Abfahrt steht fast schon traditionell für dramatische Finals: Wer Abfahrtskünstler ist, wie etwa Nibali, wird die Konkurrenz hier unter Druck setzen. Bei Regen wird das Finale noch gefährlicher, bei der dort weitaus wahrscheinlicheren Hitze wiederum sind die Fahrer völlig ausgelaugt – und der Straßenbelag stellenweise gefährlich weich.
Cadel Evans gewann die Tour 2011 gegen Andy Schleck de facto in dieser Abfahrt (90% seines Vorsprungs in Paris holte er sich dort), 2013 attackiert Contador bergab und stürzt dabei, Froome vermeidet einen Sturz haarscharf - die Asse sind also gewarnt.
17. Etappe:Hinein in die Alpen – und die Gefahr lauert wieder in der Abfahrt. Der Col d’Allos ist zwar 14km lang und führt auf 2250m – aber wird aus gutem Grund nicht als HC-Berg klassifiziert. Die Herausforderung stellt der Weg ins Tal dar, den manche Fahrer für die gefährlichste Abfahrt in ganz Frankreich halten, und nach dem es ohne Flachstück in den verhältnismäßig kurzen Schlussanstieg geht.
Was ein mutiger Profi da herausholen kann, hat Romain Bardet bei der Dauphiné gezeigt: Attacke kurz vor der Passhöhe, Vollgas ins Tal und die fast zwei Minuten Vorsprung erfolgreich in Pra Loup ins Ziel gebracht. Nibali liegt ein solches Szenario und auch Contador hat die Königsetappe der Route du Sud gegen Quintana in der Abfahrt vom Port de Balès gewonnen, nachdem er bergan den Kolumbianer nicht abschütteln konnte.
18. Etappe:Vor den beiden großen Bergankünften in La Toussuire und Alpe d'Huez sollte man dieses Teilstück nicht auf die leichte Schulter nehmen, nur weil es im Tal endet.
Schon dass es vom Start weg den happigen Col de Bayard hinauf geht, macht die Etappe schwer und kann Teams "ausdünnen". Die Abfahrt vom Col de la Morte ist tricky und der Col du Glandon aus gutem Grund ein HC-Berg – da kann man böse Überraschungen erleben: Seine Rhythmuswechsel durch steile Rampen und kleine Abfahrten liegen nicht jedem Kletterer. Auch die Abfahrt ist sehr heikel – volle Konzentration bleibt gefragt.
Abschließend können die 18 malerischen Serpentinen von Montvernier einem den Zahn ziehen, denn der Anstieg ist kurz, aber die Straße eng und technisch herausfordernd – ebenso wie die Abfahrt. Diese auf den ersten Blick leichtere Alpen-Etappe kann durchaus mehr Action oder größere Abstände bringen als die beiden Folgetage.
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