Tour de France: Vorschau zur 4. Etappe 2015 von Seraing nach Cambrai über das Kopfsteinpflaster
VonFelix Mattis
Publiziert 07/07/2015 um 09:09 GMT+2 Uhr
Vor diesem Tag fürchtet sich beinahe das gesamte Peloton - und zwar nicht deshalb, weil die 4. Etappe mit 223,5 Kilometern die mit Abstand längste der Tour de France ist, sondern weil sie durch die sogenannte "Hölle des Nordens" führt: Jene Region, die ihren grauenvollen Spitznamen wegen der Zerstörungen des ersten Weltkrieges bekam, gleichzeitig aber auch Heimat des Klassiker Paris - Roubaix ist.
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Darum ist Klassiker-Sieger John Degenkolb der heiße Sieganwärter. "Ich habe sicher nicht nur Nachteile, weil ich Roubaix-Sieger bin. Wir haben das Know-how, um ein Top-Setup an den Start zu kriegen", sagte Degenkolb.
Zeitfahr-Spezialist Tony Martin hält Degenkolb für den "Top-Favoriten. Er ist auf dem Pavé sehr versiert. Auf dem Pflaster muss ihn erstmal jemand halten", sagte der Etixx-Profi. Allerdings hat Degenkolb selbst, der noch auf seinen ersten Tour-Etappensieg wartet, auch Bedenken: "Die Etappe ist sau lang, richtig anspruchsvoll, und der Charakter ist total anders als bei einem Klassiker. Das Feld ist vor allem wegen der Bergfahrer das krasse Gegenteil", sagte er.
"Es geht auf dem Pflaster noch berghoch, das ist auch bei gutem Wetter richtig krass", sagt Degenkolb. Im April hat er in der sogenannten "Hölle des Nordens" seinen größten Karriere-Erfolg gefeiert.
Im Vorjahr hatte Degenkolb auf vergleichbarem Terrain Sturzpech beim verregneten fünften Tour-Teilstück, das am Eingang zum Wald von Arenberg endete und auf dem der Italiener Vincenzo Nibali den Grundstein für seinen Gesamtsieg legte. Die Muskelverletzuung am Hinterteil, die sich Degenkolb dort zuzog, hätte ihn beinahe zur Aufgabe gezwungen.
TagesTour: Von Seraing vor den Toren von Lüttich geht es westwärts an der Maas entlang durch den gestrigen Zielort Huy nach Namur, wo nach 53 Kilometern an der Zitadelle die einzige Bergwertung des Tages (2km, 4,8%, 4. Kat.) wartet.
Von da geht es nördlich um Charleroi herum, bis kurz nach dem Zwischensprint in Havay bei Kilometer 137 erstmals während dieser Tour französischer Boden befahren wird. Bis etwa bei Kilometer 170 bleibt es relativ ruhig, doch dann wird es hektisch im Feld: Die Positionskämpfe beginnen, bis bei Kilometer 177,5 in Artres das Kopfsteinpflaster-Spektakel beginnt.
Insgesamt sieben der gefürchteten "Pavé"-Sektoren, die rückwärts gezählt werden - Sektor 7 kommt als erstes, Sektor 1 als letztes - stehen heute auf dem Programm. Zusammengerechnet sind sie 13,3 Kilometer lang. Vom Ende des Sektor 1 in Carnieres bis zum Ziel in Cambrai bleiben nur noch gut zehn Kilometer, um verlorenen Boden wieder gut zu machen.
KulTour: Die 30.000-Einwohner-Stadt Cambrai ist bekannt für Süßigkeiten mit Minz-Geschmack: die Bétises de Cambrai, deren Rezept von der UNESCO als Meisterstück der Menschheitsgeschichte eingestuft wurde. Und die UNESCO scheint auch sonst Gefallen am heutigen Zielort gefunden zu haben, denn der im 16. Jahrhundert errichtete "Glockenturm von Cambrai" gehört sogar zum Weltkulturerbe.
HisTourie: Miguel Indurain (1995), Erik Zabel (2001) und Peter Sagan (2012) - nur große Fahrer haben im heutigen Startort Tour-Etappen gewonnen. Cambrai hingegen erlebt nach zwei Etappenstarts 2004 und 2010 nun erstmals die Ankunft eines Teilstücks der Frankreich-Rundfahrt, und auch die heutigen Pavé-Sektoren sind eher unbekannt. Zwar waren drei von ihnen, die Sektoren 5, 3 und 2 im April diesen Jahres Bestandteil von Paris-Roubaix, nur Letzterer wurde dort mit vier Sternen aber als richtig schwer eingestuft. Ansonsten betreten wir weitgehend gepflastertes Radsport-Neuland.
Prognose: Die Sektoren 3 und 2 folgen kurz aufeinander und dürften 25 Kilometer vor dem Ziel für eine Vorentscheidung sorgen. Voraussichtlich erreicht nur noch eine sehr kleine Gruppe an der Spitze das Tagesziel in Cambrai - möglicherweise sogar ein Solist. Natürlich ist Roubaix-Sieger John Degenkolb als großer Favorit auf den Sieg zu betrachten. Sicher scheint jedenfalls, dass heute Abstände entstehen, die auch für den Kampf um den Tour-Gesamtsieg entscheidend sein könnten. Immerhin holte Vincenzo Nibali im vergangenen Jahr fast die Hälfte seines Vorsprungs, den er in Paris gegenüber Jean-Christophe Peraud hatte, auf der verregneten Kopfsteinpflaster-Etappe von Arenberg heraus.
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