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Tour de France 2016: John Degenkolb - ohne Druck zum Tour-Etappensieg?

Degenkolb - ohne Druck zum Tour-Durchbruch?

30/06/2016 um 11:00Aktualisiert 30/06/2016 um 11:12

Für John Degenkolb ist schon der Start bei der Tour de France 2016 ein kleiner Sieg. Denn der schwere Unfall im Januar war ein Einschnitt, der für alle im Team Giant-Alpecin den Radsport erst einmal in den Hintergrund rücken ließ. Jetzt aber tritt die Truppe hochmotiviert an - und Degenkolb könnte vielleicht gerade in diesem Jahr gelingen, was bisher bei der Tour noch fehlt: Ein Etappensieg.

Eigentlich liegt für John Degenkolb im Juni die entscheidende Saisonphase schon hinter ihm. Die Tour de France ist zwar extrem wichtig, im Prinzip aber auch Bonus in den Planungen des 27-Jährigen. Den Frühjahrsklassikern gilt sein Hauptaugenmerk - eigentlich.

Ein Tag im Januar machte ihm in diesem Jahr allerdings einen Strich durch seine Ziele: Spanien, Trainingslager, Frontalzusammenstoß mit einer 73-jährigen Autofahrerin. Die Bilder glichen einem Schlachtfeld. Insgesamt sechs Fahrer von Giant-Alpecin zogen sich teilweise schwere Verletzungen zu.

Die anschließende Diagnose für Degenkolb: Schnittwunden am Oberschenkel, einen Unterarmbruch sowie eine schwere Fraktur am Zeigefinger, die beinahe zur Amputation geführt hätte. Reha statt Training, Couch statt Titelverteidigung bei Mailand - San Remo und Paris - Roubaix.

Video - John Degenkolb im exklusiven Eurosport-Interview: Offene Bekenntnisse in "The Bike Shed"

10:53

Fünf Monate später sind die Verletzungen größtenteils verheilt, nur der Zeigefinger macht noch Probleme. "Es ist halt noch nicht wirklich viel Bewegung möglich", so Degenkolb. Die anhaltende Beeinträchtigung zwang ihn auch zur Umstellung auf dem Rad. "Normalerweise bremse ich mit dem Zeigefinger, gerade im Sprint, wenn man am Unterlenker fährt. Da musste ich mich umgewöhnen und mit dem Mittelfinger bremsen. Das ist mittlerweile aber alles so eingewöhnt und eingeschliffen, dass man von Routine sprechen kann", versichert Degenkolb.

Degenkolb: "Der absolute Punch fehlt noch"

Das Frühjahr verpasste er komplett. Umso mehr rückt die Tour de France in den Fokus. Auch, weil er mit der Frankreich-Rundfahrt noch eine offene Rechnung hat. Mittlerweile stehen fünf zweite Etappenplätze in der Vita des 27-Jährigen – nur ein Sieg fehlt noch. Unvergessen dabei seine Niederlage vergangenes Jahr in Cambrai.

Degenkolb galt als großer Favorit für die Kopfsteinpflasteretappe, machte fast alles richtig und gewann den Sprint des Feldes - nur den Etappensieg holte sich wenige Sekunden vor ihm Tony Martin als Solist. Mehrfach zog er nach der Zieldurchfahrt wütend sein Vorderrad in die Luft und ließ es wieder auf den Boden knallen. Der Ärger war groß, die Flüche nicht jugendfrei.

Den Ehrgeiz hat er nicht verloren, dennoch geht Degenkolb anders an diese Tour heran:

" Wenn man so einen Unfall hatte und so eine Geschichte erlebt hat, verändern sich die Perspektive und auch die Herangehensweise - auch wie man mit dem Erfolgsdruck umgeht. Es relativiert sich unheimlich viel."

Allerdings steht auch hinter seiner körperlichen Verfassung ein Fragezeichen. Erst Anfang Mai kehrte Degenkolb beim deutschen Eintagesrennen "Rund um den Finanzplatz Eschborn-Frankfurt" zurück ins Peloton, weitere Starts folgten bei der Kalifornien-Rundfahrt und dem Criterium du Dauphine. Die ganz große Form hat Degenkolb – verständlicherweise – aber noch nicht wieder demonstriert.

"Der absolute Punch, den man im Sprint braucht, fehlt schon noch ein wenig", gibt er zu. Als bestes Resultat bei der Dauphine stand am Ende ein achter Etappenplatz. "Nach so einer Verletzung ist es offensichtlich normal, dass man Rückschläge erleiden muss und zurückgeworfen wird. Ich habe im Radsport noch nie so eine lange Zwangspause einlegen müssen. Damit muss der Körper auch erst mal umgehen", erklärt der Wahl-Frankfurter.

Drei Etappen im Visier

Dennoch nimmt er positive Signale aus der Dauphine mit. "Als Mannschaft haben wir endlich mal wieder eine klasse Leistung abgeliefert. Alleine das hat sich für mich wie ein Etappensieg angefühlt und mir sehr viel Selbstvertrauen in Richtung Tour gebracht."

Möglicherweise ist mit ihm auch erst in der zweiten oder dritten Tour-Woche zu rechnen. Drei Etappen hat er genauer ins Auge gefasst, eine davon ist das 16. Teilstück nach Bern. Die wellige Etappe endet mit einem kurzen knackigen Kopfsteinpflasteranstieg im Stadtkern – und ist im Prinzip als Hommage an Fabian Cancellara (Trek-Segafredo) bei seiner letzten Tour zu verstehen. Doch auch Degenkolb rechnet sich einiges aus. "Das ist eine super Möglichkeit. Aber ich habe mir die Etappe noch nicht vor Ort angesehen. Allerdings war jemand vom Team dort."

Degenkolb könnte am Ende aber auch die Frische in die Hände spielen: Während die meisten anderen bereits sechs Monate schweren Rennbetrieb in den Beinen haben, geht Degenkolb relativ unverbraucht in die Tour.

" Ich fühle mich wirklich sehr gut. Ich weiß nicht, ob Frische das richtige Wort ist, aber ich fühl' mich ein Stück weit auch befreiter und ich habe ja auch keinen Druck, was die Erwartungen angeht."

Er spricht von Tiefenentspannung und Gelassenheit. In der Ruhe scheint seine Kraft zu liegen. Und vielleicht in diesem Jahr auch der Erfolg bei der Tour?

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