Tour de France 2016 - Ventoux-Wahnsinn: Froome in Gelb? Richtige Entscheidung!

Der Unfall von Chris Froome am Mont Ventoux und die Entscheidung, sein Gelbes Trikot zu retten, hat bei der Tour de France 2016 für viel Wirbel gesorgt. Doch es war richtig von der Jury des Rennens, dem Sky-Profi nicht den Zeitrückstand in der Gesamtwertung zu notieren, der sich aus dem Crash ergab. Froome traf keine Schuld am Chaos, er hat die Sekunden nicht auf dem Rad verloren.

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Fotocredit: Eurosport

Die Jury der Tour de France hat richtig entschieden: Keine leichte Aufgabe nach der unglaublichen Etappe am Ventoux mit den dramatischen Ereignissen im Finale ().
Dass Chris Froome (und alle anderen irgendwie betroffenen Fahrer) keinerlei Schuld an dem Unfall trifft, bestreitet niemand. Deshalb ist es richtig, das dadurch verzerrte Etappenergebnis bestmöglich zu begradigen.
Dabei eine Lösung zu finden, die jeder einzelne Fahrer, Teamchef, Fan oder Experte begeistert abnickt, ist unmöglich. Doch die gefundene Formel ist ein guter Kompromiss. Die begradigte Ergebnisliste wird den Ereignissen gerechter als der ursprüngliche Zieleinlauf - und darum sollte es gehen.
Nicht vergessen: Nicht nur Froome, sondern auch Richie Porte, dessen Teamkollege Tejay van Garderen sowie das Movistar-Duo Nairo Quintana und Alejandro Valverde wurden von der Jury "aufgefangen":
Kritik an der Entscheidung der Jury muss man nicht lange suchen. Kompromisse sorgen selten in allen Lagern für Freudentänze, das macht sie ja oft aus.
Ich verstehe Bauke Mollema, der seinen hart erkämpften Vorsprung gerne behalten hätte. Aber wie würde er die Dinge sehen, wenn auch sein Rad bei dem Auffahrunfall beschädigt worden wäre?
Mir scheint teilweise, dass sich bei manchen Reaktionen von Fans wie auch Fachleuten die Sachfrage mit der Sympathiefrage mischt. Eine Vorzugsbehandlung von Froome wird gewittert, als sei er zum Zeitpunkt des Crashs von der Konkurrenz weit abgehängt und nicht in exzellenter Position gewesen (und vielleicht gar in der Lage, Porte und Mollema auf dem letzten Kilometer abzuhängen?).

Fingerspitzengefühl oder klare Kante

Wer von der Jury knallharte Anwendung der in vielen Punkten durchaus flexiblen Regeln fordert, darf aber auch nie Gnade mit einem krankheitsgeschwächten Fahrer fordern, der Sekunden nach Ablauf der Karenzzeit im Ziel ankommt. Er darf auch nicht schimpfen, wenn ein Sturzopfer noch eine Zeitstrafe erhält, weil es sich zu lange am Teamfahrzeug festhält oder ganz allgemein über Jury-Funktionäre herziehen, die den Geist des Sportes nicht kennen und die ungeschriebenen Grundsätze des Radsports kleinlich aushebeln würden.
Regeln sind immer ein Stück weit Auslegungssache, die schriftlich fixierten Bestimmungen wie die ominösen Traditionen. War es ok, dass Froome auf der Ventoux-Etappe ? Hätte Movistar dort attackieren sollen - und wie wären die Reaktionen darauf ausgefallen?
Was die einen noch Jahre später als vorbildliches Fairplay besingen, ist für andere eine naiv vergebene Chance zum Angriff gewesen. Jan Ullrich, der 2003 auf den gestürzten Lance Armstrong wartet? Fabian Cancellara, der 2010 nach den Stützen seiner Kapitäne Frank und Andy Schleck die Etappe neutralisiert?
Die Zahl der Beispiele ist fast endlos... War es richtig von Vincenzo Nibali, den eiskalt auszunutzen? Sollte Armstrong nicht wegen Verlassens der Strecke disqualifiziert werden, als vor ihm Joseba Beloki verunglückte? Hat Nairo Quintana beim Giro die Neutralisierung der Abfahrt vom Stilfser Joch nicht mitbekommen oder bewusst ignoriert?
Korrekt gelöst, die Zeiten drei Kilometer vor dem Ziel zu werten? Ab wann verlässt ein Sprinter bei der Zielankunft seine Linie und muss deklassiert werden, was ist noch internationale Härte, was schon Foul? Und wie ist das nochmal genau mit den sich senkenden Bahnschranken…
Auf wen wird gewartet nach Stürzen oder Defekten: Den Führenden, den Weltmeister, den Fahrer mit dem längsten Namen? Wann wird nicht mehr gewartet: In der letzten Rennstunde, auf den letzten 10 Kilometern, wenn es Viertel nach ist? Wo beginnt die Solidarität im Peloton und wo endet sie, wer legt fest, wann Gnade waltet und wann der Darwinismus durchbricht?

Bitte keinen falschen Vorbilder

Wie auch immer entscheiden wird, einhelligen Beifall wird es kaum je geben. Viel zu unterschiedlich sind die Interessen von Veranstaltern, Teams, Fahrern, Verbänden, Sponsoren, Medien, Fans - und keine dieser Gruppen ist dabei eine homogene Einheit. Wird eine Bergetappe wegen üblem Wetter abgesagt (wie bei Tirreno-Adriatico im März) folgt sofort Zustimmung wie Ablehnung.
Überall werden jetzt Zwischenfälle aus früheren Jahren oder anderen Rennen angeführt, wo ganz anders entscheiden wurde. Das stimmt, aber es sind stets Einzelfälle mit ihren besonderen Begleitumständen. Und es kann ja auch durchaus sein, dass damals eher verkehrt entschieden wurde - warum also im Sinne einer falschen Einheitlichkeit diesmal ähnlich urteilen?
Deshalb hat die Jury am Nationalfeiertag ihren Job unter Vorsitz des Kroaten Bruno Valcic gut gemacht.
Noch wichtiger aber bleibt: Die Diskussion über richtig oder falsch angepasste Zeiten darf nicht die großen Fragen überdecken, die sich aus der Ventoux-Etappe ergeben:
Wie kann es sein, dass an einer um über ein Drittel des Anstiegs verkürzten Bergankunft die Barrieren an der Strecke erst wenige hundert Meter vor dem Ziel begannen (statt wie sonst zwei Kilometer)? Warum kann keine technische Lösung gefunden werden, damit der neutrale Materialwagen einem Fahrer auch wirklich ein funktionsfähiges Ersatzrad zu Verfügung stellen kann? Wie gelingt es, die Fanmassen vernünftig zu kanalisieren und die unvernünftigen Selbstdarsteller und Selfie-Jäger in den Griff zu bekommen?
Wenn die Tour de France darauf keine Antworten findet, sind neue Zwischenfälle vorprogrammiert. Und die können jederzeit nicht in Slapstick-Einlagen, sondern in echten Dramen enden.
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