Tour de France 2022 - Drei Dinge, die bei der 4. Etappe auffielen: Nicht alles war Gold, was beim Van-Aert-Coup glänzte
VonFelix Mattis
Publiziert 05/07/2022 um 23:16 GMT+2 Uhr
Die 4. Etappe der 109. Tour de France ist in Calais mit einem spektakulären Solo-Coup von Wout Van Aert (Jumbo - Visma) zu Ende gegangen. Der Mann im Gelben Trikot vollendete eine konzertierte Aktion seines Teams und beeindruckte die Fans: Nach drei zweiten Plätzen in Folge gelang endlich der Etappensieg. Doch es war nicht unbedingt alles Gold, was da glänzte - hier sind drei Dinge, die auffielen.
Wout Van Aert
Fotocredit: Getty Images
Geprägt wurde auch die 4. Etappe der Tour von einer direkt nach dem Start formierten, sehr kleinen Ausreißergruppe - in diesem Fall einem Duo aus Magnus Cort Nielsen (EF Education - EasyPost) und Anthony Perez (Cofidis).
Cort Nielsen stellte unterwegs einen neuen Tour-Rekord auf, indem er elf Bergwertungen hintereinander allesamt gewann.
Große Spannung kam aber nicht auf, weil eine Massenankunft in Calais vorprogrammiert zu sein schien - bis Jumbo - Visma zwölf Kilometer vor dem Ziel eine enge Linkskurve nutzte, um in den letzten Anstieg hinein zu attackieren und das Peloton zu sprengen.
Was folgte, war ein spektakulärer Solo-Sieg durch Wout Van Aert und der Eindruck, dass Jumbo - Visma eine Galavorstellung gezeigt hatte. Doch war das wirklich so perfekt?
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Jumbo-Visma mit perfektem Plan zum Sieg: Highlights 4. Etappe
Quelle: Eurosport
Drei Dinge, die uns zur 4. Etappe auffielen.
1. Pogacar ist über Team-Aktionen angreifbar
Dass die Teams der Favoriten auf den Gesamtsieg ein wichtiger Faktor für deren Chancen auf selbigen sind, ist bekannt. In diesem Jahr war es besonders wichtig, auch die potentiell windige und durchs Kopfsteinpflaster schwierige erste Woche bei der Nominierung der Helfer zu beachten. Und auch wenn es bislang weniger Wind gab als erwartet, haben die ersten Tage ganz deutlich gezeigt: Beim UAE Team Emirates ist das weniger gut gelungen als bei der Konkurrenz.
Auf dem Weg nach Calais war vor der konzertierten Aktion des Teams Jumbo - Visma am Cap Blanc-Nez nichts von Tadej Pogacars Mannschaft zu sehen. Als das Peloton mit über 80 km/h auf den kleinen Ort Escalles zu rauschte, saßen die Mannen des Titelverteidigers zu weit hinten.
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Van Aert vollendet großartigen Team-Coup - die Analyse im Velo Club
Quelle: Eurosport
Und als dort nach einer engen 90-Grad-Linkskurve in den 900 Meter langen 7,5%-Anstieg das Peloton explodierte, weil Jumbo - Visma den Ziehharmonika-Effekt nach der Kurve perfekt ausnutzte und Vollgas gab, musste Pogacar sich erstmal mit großem Kraftaufwand nach vorne kämpfen.
Dass der Slowene fit ist, bewies er, indem er oben auf der Kuppe dann immerhin an achter Stelle über den Bergpreis der 4. Kategorie rollte - direkt vor Aleksandr Vlasov (Bora - hansgrohe), aber eben schon mit einer kleinen Lücke zu Geraint Thomas, Daniel Martinez (beide Ineos Grenadiers) und Primoz Roglic (Jumbo - Visma) sowie einem sogar etwas größeren Loch zu Wout Van Aert, Jonas Vingegaard (beide Jumbo - Visma) und Adam Yates (Ineos Grenadiers).
Dass er ins Hintertreffen geraten ist, zeigt: Über teamtaktische Situationen - gerade außerhalb der Berge - ist dem sonst so unschlagbar wirkenden Slowenen bei zu kommen. Schließlich war es am Wochenende in Dänemark auch schon auffällig, dass Pogacar einzig Mikkel Bjerg bei sich hatte, wenn es in die Positionskämpfe ging, während Jumbo - Visma und Ineos Grenadiers an der Spitze des Feldes mit ganzer Mannschaftsstärke protzten.
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Experte sicher: Pogacar unter den Top-Fahrern der Beste auf dem Pflaster
Quelle: Eurosport
Bisher ist das gut gegangen, doch schon am Mittwoch könnte es für Pogacar auf dem Kopfsteinpflaster gehörig ins Auge gehen. Auf der anderen Seite kann er sich die Situation aber auch schön reden: Zwei Drittel des Weges zur ersten Bergankunft am Freitag an der Super Planche des Belles Filles sind schadlos überstanden. Wenn Pogacar am Mittwoch keine Zeit einbüßt, ist er mehr denn je der große Top-Favorit und geht sogar mit den im Zeitfahren gewonnenen Sekunden Vorsprung auf seine Herausforderer in die Vogesen.
2. Jumbo auf den ersten Blick genial, aber…
Der Großangriff von Jumbo - Visma im Anstieg am Cap Blanc-Nez knapp zwölf Kilometer vor dem Ziel in Calais war ein begeisternder Schachzug. Und mit dem Etappensieg von Van Aert als imponierendem Solisten durften die Mannen von Sportdirektor Grischa Niermann am Dienstagabend durchaus jubeln. Doch genau genommen hat man eine große Chance an der letzten Bergwertung des Tages sogar liegen lassen.
Nur zwei Sekunden nach Van Aert kamen Adam Yates (Ineos Grenadiers) und Jonas Vingegaard (Jumbo - Visma) dort über die Kuppe. Van Aert sah das, und er sah beim Umdrehen kurz zuvor auch, dass hinter dem Duo eine schon etwas größere Lücke von fünf bis sechs Sekunden zum nächsten Trio aufgegangen war. Trotzdem zögerte er oben keine Sekunde und zog lieber allein in Richtung Sieg durch, als auf Teamkollege Vingegaard sowie Yates zu warten.
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Entscheidende Attacke: Jumbo-Visma sprengt das Feld - Pogacar fällt zurück
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Van Aert rauschte die rasende Abfahrt allein hinunter, anstatt mit Vingegaard und Yates zusammen zu spannen und seinem dänischen Teamkollegen so einen Zeitgewinn auf Pogacar bescheren zu können.
So sah sich Vingegaard bald wieder von Pogacar eingeholt - genau wie beim letzten Mal, als der Däne den Slowenen am Berg kurzzeitig hatte abhängen können, Van Aert vorne raus war und ohne zu warten schließlich als Solist die Etappe gewann: am Mont Ventoux 2021.
Besser als jetzt bei der Tour gelang Jumbo - Visma im März bei Paris-Nizza die Generalprobe für den Cap Blanc-Nez-Coup. Dort gab Christophe Laporte am letzten Hügel Vollgas und Van Aert sowie Primoz Roglic fuhren mit ihm zusammen zu dritt der Konkurrenz davon - der erste Schritt zu Roglic' Gesamtsieg.
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Triumphfahrt: Roglic und Van Aert überlassen Laporte den Sieg
Quelle: Eurosport
Sicher: Ein Radrennen ist kein Wunschkonzert und auch die Niederländer können Spitzengruppen nicht am Reißbrett zusammenstellen, wie es ihnen gerade am besten in den Kram passt. Doch an der Kooperationsbereitschaft von Yates wäre im Trio Van Aert-Vingegaard-Yates mit der Aussicht auf einen Zeitgewinn gegen Pogacar und Co. wohl kaum zu zweifeln gewesen.
Und dass Van Aert mit dem Briten und dem Dänen am Hinterrad langsamer gewesen wäre als allein, scheint auch unwahrscheinlich. So half ihm einzig der in der rasenden Abfahrt zweifelsfrei vorhandene Windschatten des TV-Motorrads beim Ausbauen seiner Führung gegen das wieder zusammenrollende Verfolgerfeld - und auch das war genug, um über 20 Sekunden herauszufahren.
3. Langweilige Flachetappen
Es klang so gut: Eine Brücke über den Großen Belt am Samstag, 25 Kilometer parallel der Küstenlinie in Nordfrankreich am Dienstag. Vor dem inneren Auge malte man sich im Oktober nach der Streckenpräsentation der Tour de France bereits die Windstaffeln aus, die sich hier im Juli bilden und das Gesamtklassement durcheinander würfeln würden. Leider aber fehlte in der Realität der nötige Wind beziehungsweise die nötige Windrichtung und aus zwei potentiellen Spektakeln wurden Langweiler.
So verliefen die Etappen 2, 3 und 4 der 109. Frankreich-Rundfahrt nun allesamt sehr ähnlich: Minikleine Ausreißerguppen mit eins bis vier Mann prägten den Tag, ohne jemals wirklich eine Chance auf den Etappensieg zu haben. Nicht mal die Wildcard-Teams sahen sich genötigt, ihre Tour-Einladung mit Offensive zu rechtfertigen.
Und so musste man sich immer wieder fragen, worauf etwa B&B Hotels - KTM und TotalEnergies, aber auch viele andere Mannschaften eigentlich warten, um mal ihr Glück zu probieren. Welchen Tag genau haben sich die Mannschaften ohne Klassementfahrer angestrichen, um sich in Szene zu setzen?
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Cort Nielsen stellt Rekord auf: Acht Bergpreise in Folge
Quelle: Eurosport
Einen Anteil an diesem Szenario hat sicher auch der Parcours der Tour. Während Giro d'Italia und Vuelta a España in den letzten Jahren immer bereits sehr früh in der ersten Woche eine Bergetappe einbauten, um das Klassement vor zu sortieren und so mehr Fahrern Raum für Fluchtgruppen zu geben, war es bei der Tour bislang topfeben, weil es mit einem Grand Depart in Dänemark eben nicht anders geht.
Doch eine Rolle spielte bei der Zurückhaltung der Konkurrenz auch die Tatsache, dass Fluchtversuche eben hoffnungslos waren: Angesichts dessen, dass es ab Mittwoch kaum mehr eine Chance für die Sprinter bei dieser Frankreich-Rundfahrt geben wird, war klar, dass die Teams der Sprinter bis Dienstag alles daran setzen würden, eine Massenankunft herbeizuführen und Ausreißergruppen daher sehr chancenlos waren.
So oder so: Mit der Langeweile dürfte es bei der Tour nun erstmal vorbei sein, da am Mittwoch das Kopfsteinpflaster und am Freitag die erste Bergankunft wartet. Und 2023 ist ein flach-fader Auftakt in die Tour ebenfalls nicht nochmal zu erwarten. Dann nämlich beginnt die Tour im Baskenland. Da geht es von Beginn an auf und ab.
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Tour de France Stage 5 profile and route map: Lille – Arenberg
Quelle: Eurosport
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