Blog von Sigi Heinrich: Wo bleibt das Abendkleid? Warum Vonn und Svindal fehlen werden
Publiziert 28/02/2019 um 13:25 GMT+1 Uhr
Alberto Tomba geht schon lange nicht mehr auf Zeitenjagd, Felix Neureuther befindet sich auf der Zielgeraden seiner Karriere, Lindsey Vonn und Aksel Lund Svindal haben ihre großen Laufbahnen vor kurzem beendet. Dem Skisport gehen langsam die prägenden Figuren aus, stellt Eurosport-Kommentator Sigi Heinrich in seinem Blog bei Eurosport.de fest und sagt: Glanz und Gloria werden fehlen.
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Glanz und Gloria. Raus aus den ergebnisorientierten Spalten der üblichen Zeitungen. Rein in den Boulevard mit Fliege und Smoking und charmanter Damenbegleitung. Erinnert Ihr Euch noch an die Zeiten mit Alberto Tomba?
Sohn eines nicht unvermögenden Industriellen, der ein nettes Ferienhaus in Madonna di Campiglio hatte. Der Sohnemann lernte dort Skilaufen. Brachte es zu Meisterehren. Zum Olympiasieger sogar. Aber nicht nur das. In seiner Ära wussten sie sogar am Fuße des Ätna, was Skilaufen ist. Alpin. Riesenslalom. Alberto - ich kannte ihn gut - ging abends in eine Disco, ließ sich photographieren und gewann am nächsten Tag einen Slalom.
Es bekam ja kaum jemand mit, dass er maximal eine halbe Stunde anwesend war. Tomba pflegte sein Image als Lebemann. Er war in allen bunten Gazetten zu sehen. Alberto war wie ein Opernstar. Große Aufführung, jubelndes Publikum. Sport? Nebensache. Dachte man. War aber nie so.
Wo bleibt der Smoking?
Und nun? Und jetzt? Tristesse? Lindsey Vonn, die Drama-Queen. Sie war mehr als nur Ersatz für Tomba. Sie schaffte es, den Sport, ihren Sport, die alpinen Disziplinen, in den Boulevard zu bringen. Klar, ich weiß, der Boulevard muss und soll nicht das Maß der Dinge sein.
Aber es tat gut und dem Sport im Besonderen auch, dass Leistung jetzt auch hoffähig war. Anerkannt. Smoking, Abendkleid. Fliege statt Rennanzug, laufender Nase, schwitzender Hemden, ausgepumpt und kaum sprechbereit.
Das Schauspiel mit Vonn
Und nun? Und jetzt? Svindal hört auf. Der große Norweger. Ein Meinungsbilder, ja, aber keiner, der leuchtet und auf den sich der Boulevard stürzt. Sympathisch, zweifellos. Aber ähnlich wie seine Vorgänger Aamodt oder Kjus wird er bald in die Geschichte eingehen ohne jemals die Skiwelt über das normale Maß hinaus begeistert zu haben.
Viele Verletzungen, viele Comebacks. Großartig. Ein toller Sportler. Aber eben: Wenig Glanz. Braucht das die Szene überhaupt? Das ist die Frage: Ich denke an Vonn. Die Drama-Queen. Sie will sich jetzt, nach ihrer Ski-Karriere, möglicherweise als Schauspielerin versuchen. Könnte klappen, denn das war sie schon immer. Viele freuen sich, dass sie jetzt aufhört - aber das sind all diejenigen, die eifersüchtig sein könnten auf die US-Amerikanerin. Sie generierte mehr Aufmerksamkeit, wenn sie mit ihrem Hund aus dem Auto stieg als die Konkurrentinnen nach Weltcup-Siegen. Sie fehlt schon jetzt.
Neureuther und seine besondere Gabe
Dieser besondere Glanz, ja er füllt die Szene mit Geschichten auch unter der Woche. Wenn eines wohl nicht allzu fernen Tages auch Felix Neureuther aufhören wird, entsteht ebenfalls eine Lücke. Eine große zudem. Papa Christian hat mir mal gesagt, man müsse den Ruhm immer ein wenig am köcheln halten. Damit ist gemeint: Rosi Mittermeier, seine Ehefrau und Sohn Felix waren und sind - auch noch mit der Tochter Amelie, einer Malerin - Lebensinhalte.
Gut für das Konto. Marketing. Rosi ist unvergleichlich. Felix ist als kluger Kopf mit Lausbub-Charakter unschlagbar. Dazu noch Miriam Gössner, seine Ehefrau, ehemalige Biathletin und Langläuferin. Da muss Christian als Manager nur mit dem Finger schnippen und schon leuchtet der Boulevard. Gut für die Familie, aber eben auch gut für den Skisport. Es geht dann eben nicht nur um den schnellsten Schwung. Man ist im Gespräch. Vielen gelingt das nicht am Ende ihrer Karriere. Felix Neureuther wird das schaffen, Hermann Maier ist in Österreich immer noch allgegenwärtig.
Glanz und Gloria fehlen
Aber wo sind Marc Girardelli oder etwa Luc Alphand? Wenn dereinst - vermutlich auch bald - Marcel Hirscher aufhört, wird die Szene erneut eines Stars beraubt. Eines Ausnahmekönners, der in erster Linie durch seine sportlichen Erfolge in die Schlagzeilen gelangte.
Den Boulevard muss Hirscher nicht bedienen. Das ist irgendwie tröstlich. Und dennoch wird die Szene ohne diese großen Namen in der jetzigen Zeit ärmer werden. Der alpine Skisport wird in Zukunft mit wenig Glanz und Gloria auskommen müssen.
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