Ein Kommentar von Marc Hlusiak

Die vollen Ränge bei der ersten Station der von Novak Djokovic initiierten Adria Tour in seiner serbischen Heimat Belgrad verwunderten. Da saßen doch tatsächlich rund 4000 Zuschauer Schulter an Schulter auf der rappelvollen Tribüne und schauten, ohne erkennbaren Mund- und Nasenschutz, ohne Chance, Abstand zu halten, den Tennis-Stars bei der Ausübung ihrer Arbeit zu. In Zeiten der Corona-Pandemie ein fast schon bizarres Bild.

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Umso schockierender wirkten die auf Social Media verbreiteten Fotos und Videos einer Party in einem Nachtclub, auf der neben der Nummer eins der Welt unter anderem auch Deutschlands bester Tennisspieler Alexander Zverev oben ohne und mit Sektkübel auf dem Kopf ausgelassen feiernd zu sehen war.

Dass nun nach Grigor Dimitrov, Borna Coric und Viktor Troicki auch Djokovic positiv auf COVID-19 getestet wurde, überrascht daher nicht, ruft jedoch einmal mehr ins Bewusstsein, welche Ignoranz und Rücksichtslosigkeit der Austragung der Adria Tour zugrunde lagen. Die Ausbreitung des Virus mag in Teilen Europas durch Hygienekonzepte, Ausgangssperren und Herunterfahren des öffentlichen Lebens verlangsamt worden sein, verschwunden ist es aber nicht. Um sich zu vergewissern, reicht ein Blick über die eigenen Landesgrenzen hinaus.

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Djokovic kommt Vorbildfunktion nicht nach

Noch immer gibt es keinen Impfstoff, noch immer erkranken täglich weltweit Menschen, noch immer verläuft die Krankheit mitunter tödlich. Die Organisatoren der Adria Tour mögen sich an die in Serbien und Kroatien geltenden Vorschriften bei Aus- und Durchführung des Events gehalten haben, gesunder Menschenverstand, Demut und logisches Denkvermögen hätten bei der Entscheidung über die Art und Weise der Durchführung des Events jedoch zwingend mit einbezogen werden müssen.

Es ist ebenso unverständlich, dass junge Topstars wie Zverev oder Dominic Thiem sich haben verleiten lassen, dem Show-Event zuzusagen. Während die Sportwelt in großen Teilen der Welt noch immer stillsteht oder eben ohne Publikum langsam die ersten Schritte zurück in Richtung Normalität unternimmt, hätte ein Blick über den eigenen Tellerrand eigentlich genügen müssen, um die Einladung zu überdenken oder gar abzulehnen.

So steht am Ende, neben der fahrlässigen Gefährdung der eigenen Gesundheit, ein herber Imageverlust für alle. Für Djokovic als Organisator, der seiner Vorbildfunktion als einer der Gesichter seines Sports nicht nachkam, für seine Gegner und Mitorganisatoren und für den Tennis-Sport an sich.

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