Herr Becker, am Montag starten die Australian Open - auf was dürfen sich die Eurosport-Zuschauer freuen, auf was freuen Sie sich?

Boris Becker: Ganz einfach: Auf Weltklasse-Tennis! Ich freue mich auf Federer, Nadal, auf Djokovic natürlich, auf Zverev, Kyrgios und Thiem… der Leistungsunterschied ist weitaus geringer als noch im vergangenen Jahr. 2018 wird ein Turnier der - ich nenne sie mal Legenden - gegen die, die es noch werden wollen. Das sind die schönsten Spiele.

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16/01/2018 AM 14:31

Vor einem Jahr feierten Sie Ihre Premiere als Eurosport-Experte, bei Ihren Analysen ist Ihnen die Leidenschaft für den Sport deutlich anzusehen. Fühlen Sie sich mit dem Mikrofon mittlerweile so vertraut wie mit dem Schläger früher?

Becker: Tennis war und ist meine große Leidenschaft. Ich bin aber nun zu alt, um dem Sport mit dem Schläger nachzugehen, also versuche ich es mit dem Mikro. Wenn meine Analysen gut ankommen, freut mich das enorm. Die Resonanz nach meiner Premiere vor einem Jahr im Team mit Matthias Stach war ziemlich motivierend und ich bin in gewisser Weise stolz, dass es auch in dem Feld gut läuft. Matthias und ich ergänzen uns sehr gut. Er kann Dinge, die ich nicht kann - und umgekehrt. Die Kombination macht es aus.

Zverev klaut Kerber den Ball, Federer freut sich

Wer hat die größten Chancen auf den Titel bei Männern?

Becker: Ich war schon beeindruckt, in welcher Art und Weise Roger Federer beim Hopman-Cup alle vier Matches gewonnen hat. Auch das Finale gegen Zverev hat er klar in drei Sätzen für sich entschieden. Bei Nadal gibt es Fragezeichen, bei Djokovic ebenso. Imposant war auch der Sieg von Kyrgios in Brisbane - er ist definitiv in sehr guter Form. Dominic Thiem hat sich in Doha erkältet, Zverev derweil ganz ordentlich gespielt, aber bei ihm ist noch Luft nach oben. Zusammengefasst: Roger Federer ist Top-Favorit!

Und bei den Damen?

Becker: Simona Halep hat das Vorbereitungsturnier in Shenzhen gewonnen. Sie müssen wir auf der Rechnung haben. Julia Görges hat nach drei Turnier-Siegen im vergangenen Jahr jetzt auch in Auckland geglänzt und dadurch natürlich Hoffnungen geweckt. Sie ist insgesamt auf einem sehr, sehr guten Weg und wirkt, als ob sie vor Selbstvertrauen strotzt. Ich sehe sie weit in der zweiten Woche.

Wem trauen Sie in diesem Jahr eine Überraschung zu?

Becker: Ich glaube, Angie Kerber kann uns positiv überraschen. Mich hat schwer begeistert, wie sie die vier Matches in Perth ohne Satzverlust gewonnen hat. Angie hat das Turnier vor zwei Jahren gewonnen, das ist noch nicht so lange her... Ich bin gespannt.

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Aus deutscher Sicht richten sich bei den Männern alle Blicke auf Alex "Sascha" Zverev. Er ist mit Abstand der jüngste Top-Fünf-Spieler in Melbourne. Ist das Alter ein Nachteil?

Becker: Entscheidend ist nicht das Alter, sondern die Qualität und die Form. Federer ist mit 36 Jahren nicht zu alt und Zverev mit 20 nicht zu jung. Seine Leistungen zuletzt in Perth haben gezeigt, dass Sascha Zverev gute Chancen hat. Klar, es geht noch besser. Aber er ist verletzungsfrei und bis in die Haarspitzen motiviert. Im vergangenen Jahr hat er gegen Nadal fünf Sätze gespielt, da hat man schon erahnen können, zu was er fähig ist. Für ihn gilt jetzt: Erste Runde gewinnen und dann einen Turnier-Rhythmus bekommen. Das Ziel muss zunächst die zweite Woche sein. Dann sehen wir weiter...

Mats Wilander erklärte kürzlich, dass er sich um Zverev sorge, da ihm - im Gegensatz zu Ihnen damals - zu wenige Fehler gestattet würden und der Druck zu hoch wäre. Teilen Sie diese Ansicht?

Becker: Erstmal habe ich größten Respekt vor Mats. Er hat wirklich Ahnung vom Tennis, kommentiert hervorragend und war auch als Spieler allererste Sahne. Ich habe seine Aussagen gelesen, aber nicht so ganz verstanden, was er meinte, als er sagte: 'Lasst ihn mehr sein wie Boris!' Mit 20 Jahren hatte ich schon ein paar Grand-Slams gewonnen. Ich hatte mit 20 Jahren ein Umfeld mit einem "Supercoach" Ion Tiriac und einem stetigen Begleiter Günter Bosch - ohne die hätte ich die Turniere nicht gewonnen. Insofern finde ich die Entscheidung von Zverev, sich auch einen Supercoach zu holen, richtig. Ob er mit Juan Carlos Ferrero den passenden ausgewählt hat, liegt mir fern zu beurteilen, weil ich bei ihrem Training noch nicht dabei war. Das können nur Sascha und sein Vater beurteilen.

Was muss Zverev verbessern, um den großen Schritt zum Grand-Slam-Champion machen zu können?

Becker: Vieles hängt tatsächlich von der Erfahrung ab. Dabei muss dem Spieler bewusst sein, dass das Turnier zwei Wochen lang ist und er in der Lage sein muss, die Konzentration zu halten. Wie gehe ich mit einem schlechten Tag um? Wie mit einer Regenpause oder einer ähnlichen überraschenden Unterbrechung? Bei einem Turnier, das nur über eine Woche geht, ist es vergleichsweise einfacher. Da hast du jeden Tag ein Match und die Konzentration ist automatisch hoch, der Rhythmus ist leichter zu halten. Die Methoden bei einem Grand-Slam, der für jüngere Spieler schwieriger ist, müssen sich entwickeln. Irgendwann ist Zverev nicht mehr 20 Jahre alt, dann wird er besser damit umgehen können. Möglicherweise schafft er es auch jetzt schon. Die Qualität dazu hat er.

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Momentan rangiert Zverev auf Platz vier der Weltrangliste. Müssen wir diese Platzierung aufgrund der langen Ausfälle von Andy Murray, Stan Wawrinka und Novak Djokovic relativieren?

Becker: Ich habe am Jahresende 2017 die Nadal-Akademie auf Mallorca besucht und dort Onkel Toni sozusagen zum "Weihnachtsgespräch" getroffen. Ich habe ihn natürlich auch gefragt: Was hältst du von Sascha Zverev, von Dominic Thiem? Er hat geantwortet: 'Enorm viel. Aber...' Und dann kam genau dieses Thema zur Sprache. Djokovic und Murray waren ein halbes Jahr verletzt, Nishikori und Raonic ebenso. Die gehören normalerweise aber auch zur Spitze. So gab es aber Platz für neue Spieler, was Zverev und Thiem ausgenutzt haben. Dieses Jahr werden die Karten neu gemischt und ich bin gespannt wie die Weltrangliste am Ende des Jahres aussieht, wenn alle Weltklassespieler topfit sind.

Die Verletztensituation ist in der Tat auffällig - zahlreiche Absagen für die Australien Open sind die Konsequenz. Gibt es einen Grund für diese Häufung?

Becker: Eine Verletzung kommt, wenn sie kommt. Das hat auch nichts mit dem Alter zu tun. Dennoch glaube ich, dass sich alle Tennis-Spieler am Klassenbesten orientieren. Und das sind Federer und Nadal. Alle haben gesehen, dass sie sich eine längere Pause genommen haben und danach bärenstark zurückgekommen sind. Ähnlich werden Djokovic und Murray gedacht haben - getreu dem Schema: Ich muss erst wieder komplett gesund werden, das Tennis spielen verlerne ich ja nicht. Es gibt nach acht, neun Jahren als Profi Phasen, in denen man sich regenerieren, neu fokussieren muss. Das haben früher Wilander, McEnroe, Agassi gemacht. Das hieß dann nicht Verletzung, sondern "Auszeit". Ich habe mir eine Babypause genommen und war danach besser als vorher. Die Spieler sind keine Maschinen, jeder braucht auch Zeit für sich. Sonst schaffst du es nicht, bis Mitte 30 zu spielen.

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