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Australian Open 2019 | Boris Becker im Exklusiv-Interview über Zverev, Djokovic und Federer

Becker exklusiv: Das fehlt Zverev noch zu Federer und Djokovic

10/01/2019 um 10:27Aktualisiert 10/01/2019 um 14:44

Der zweimalige Australian-Open-Champion Boris Becker traut Alexander Zverev beim ersten Grand-Slam-Turnier des Jahres alles zu, gibt aber auch zu bedenken: Der 21-Jährige ist noch nicht auf dem Niveau von Roger Federer und Novak Djokovic. Im Exklusiv-Interview nennt der Eurosport-Experte die Gründe und verrät zudem, was er Angeliue Kerber in dieser Saison zutraut.

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Das Interview führte Dirk Adam

Welchen Eindruck hat Alexander Zverev zum Saisonstart beim Hopman Cup hinterlassen?

Boris Becker: Das war ein guter Auftritt. Er hatte schwere Gegner und hat gute Matches absolviert. Die ersten drei Einzel hat er gewonnen. Deshalb muss man sagen, dass er gut aus der Winterpause gekommen ist. Aber auch Angelique Kerber war stark. Das Finale hätten sie gewinnen können. Das wurmt natürlich. Aber ich denke, dass er zum Start in Melbourne in guter Verfassung sein wird.

Viele hoffen, dass Zverev in diesem Jahr seinen ersten Grand-Slam-Titel gewinnt. Befindet er sich generell schon auf dem Niveau von Roger Federer und Novak Djokovic?

Becker: Nein, das sehe ich noch nicht. Nämlich aus dem Grund, weil er noch nie in einem Grand-Slam-Halbfinale oder -Finale gestanden hat. Für mich ist Novak Djokovic der absolute Favorit für Melbourne. Er hat das Turnier sechs Mal gewonnen. Aber Federer ist nicht weit weg. Er ist Titelverteidiger und hat beim Hopman Cup alle Matches gewonnen. Roger ist auch sehr gut aus der Winterpause gekommen. Das sind für mich die zwei Topfavoriten. Dann kommt der Rest - auch Sascha Zverev.

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Mit welchem Spielertyp bzw. mit welcher Spielweise tut sich Zverev im Moment am schwersten?

Becker: Roger Federer spielt eigentlich antiquiertes Tennis mit vielen Tempowechseln, sehr variantenreich. Er spielt mal einen Slice, geht mal ans Netz. Das fällt Zverev noch schwer, da immer die richtigen Lösungen zu finden. Generell spielen die Jungen alle ähnlich. Die haben alle gute Grundschläge, gute Aufschläge und die Rally dauert auch mal länger. Bei Federer eben nicht. Aber ich denke, dass sich nicht nur Zverev damit schwer tut, sondern auch die anderen Jüngeren.

Becker: Das sollte keinen Unterschied machen. Er hat in Paris drei Mal Fünfsatz-Matches in Folge gespielt und drei Mal gewonnen, also fit ist er. Es ist nur eine Frage der Konzentration. Das ist für einen jüngeren Spieler schwieriger, die Konzentration über zwei Wochen zu halten, als bei einem älteren Spieler. Das liegt in der Natur der Dinge. Jüngere Menschen können sich schwerer konzentrieren als Ältere.

2018 hatte man den Eindruck, dass sich Zverev auch mental weiterentwickelt hat. Ist er auf dem Weg zu einem echten Champion?

Becker: Das auf jeden Fall. Er hätte das ATP-Finale nicht gewonnen, wenn er diese Qualitäten nicht besitzen würde. Aber auch das war ein Turnier über eine Woche und zwei Gewinnsätze. Von der Konzentration ist es bei solchen Turnieren etwas leichter, das Niveau zu halten, als über zwei Wochen mit "Best-of-Five". Für mich ist das aber nur eine Frage der Zeit. Vielleicht ist Zverev gegenüber den anderen Spielern seiner Generation sogar ein Jahr voraus, weil er schon im dritten Jahr unter den ersten Fünf ist. Vielleicht kommt das auch zum Tragen bei den Australian Open.

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Nach Sieg gegen Djokovic: Zverev klettert im ATP-RankingSID

Wie weit wird Zverev, wenn er denn fit ist, bei den Australian Open kommen?

Becker: Wenn er das Halbfinale erreicht, wäre das ein großer Erfolg. Da wären wir alle zufrieden. Er natürlich nicht (lacht), aber Halbfinale wäre toll.

Wie beurteilen Sie den Saisonstart von Angelique Kerber, die mit Rainer Schüttler einen neuen Trainer hat?

Becker: Beim Hopman Cup hatte sie sehr schwierige Gegnerinnen, die ihr eigentlich nicht so liegen. Die Bilanz war aber 4:0 - also ein perfekter Start. Ich glaube auch, dass Rainer Schüttler von seinen Tennis-Ansichten gut zu ihr passt. Der Anfang war auch gut, aber all das fängt 2019 wieder bei Null an. Für Kerber wäre das Erreichen des Halbfinales ein großer Erfolg. Aber jeder Start ist schwer, da muss erstmal die erste Runde gewonnen werden. Angelique Kerber hat viele Turniere gespielt und ist auch nicht jünger geworden, deshalb muss man sich die Kräfte richtig einteilen. Aber Melbourne hat sie bereits gewonnen. Der Rebound-Ace-Belag liegt ihr gut, deshalb ist sie eine der Favoritinnen für das Turnier.

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Angelique Kerber meinte zuletzt, dass Rainer Schüttler ihre Schwachstellen erkannt hat. Welche Schwachstellen waren das?

Becker: Sie kann bestimmt noch besser aufschlagen und sie kann ihre Vorhand noch verbessern. Ich denke, das sind die wichtigsten Punkte. Ihre Rückhand ist bärenstark, aber beim Aufschlag und der Vorhand ist noch Luft nach oben.

Die aktuelle Nummer eins ist Simona Halep. Hat die Rumänin Kerber tatsächlich noch etwas voraus?

Becker: Simona Halep und Angelique Kerber kann man fast vergleichen. Halep hat nicht den besten Aufschlag und auch die Vorhand ist nicht perfekt. Sie war jetzt längere Zeit verletzt und hat auch längere Zeit nicht gespielt. Deshalb sehe ich die beiden auf einer Stufe.

Wird es bei den Australian Open auf ein Finale zwischen den beiden hinauslaufen?

Becker: Das würden sich beide wünschen, aber da gibt es noch andere Konkurrentinnen. Serena Williams ist wieder fit und spielt mit. Titelverteidigerin Caroline Wozniacki dürfen wir nicht vergessen. Garbiñe Muguruza spielt gut auf Rebound Ace. Maria Scharapowa habe ich jetzt bewusst nicht erwähnt, weil sie bei einem Grand Slam erst einmal wieder zeigen muss, dass sie noch die alte Stärke hat. Deswegen ist sie für mich auch keine Favoritin. Außerdem muss man Karolina Pliskova und Julia Görges auf dem Schirm haben.

Julia Görges feiert in Auckland 2019

Julia Görges feiert in Auckland 2019Getty Images

Für 2019 hat Angelique Kerber den Gewinn der French Open als Wunsch angegeben. Trauen Sie ihr den Titelgewinn zu?

Becker: Grundsätzlich ja, aber das ist noch Zukunftsmusik. Das hängt von ihrem Selbstvertrauen und ihrer Verfassung ab. Wenn sie jetzt die Australian Open gewinnen würde und bei den French Open stark spielt, dann ja. Deswegen liegt‘s an ihr.

Mit dem Gewinn des Hopman Cups hat Roger Federer weiter an seinem Legendenstatus geschrieben. Trauen Sie ihm noch einen Grand-Slam-Sieg zu, obwohl er schon 37 Jahre alt ist.

Becker: Das wurde ich im vergangenen Jahr auch gefragt. Dann habe ich gesagt, solange Roger Federer Tennis spielt, gesund bleibt und Lust dazu hat, kann er alles gewinnen. Das ist auch meine Antwort für dieses Jahr. Er hat das Turnier vor einem Jahr gewonnen und fünf Sätze im Finale gegen Marin Cilic gespielt. Roger spielt gerne in Melbourne. Er ist sehr populär in Australien. Ich nehme an, er wird immer auf Rod Laver spielen, auch zu günstigen Zeiten. Das muss man auch mal erwähnen. Aber das hat er sich auch verdient, deshalb ist er für mich einer der Topfavoriten.

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