Jo-Wilfried Tsonga exklusiv in Legends' Voice: "Ich habe mich im Finale gegen Djokovic verzettelt"
VonThomas Gaber
Publiziert 26/01/2023 um 23:39 GMT+1 Uhr
Jo-Wilfried Tsonga gewann zwar nie ein Grand-Slam-Turnier, feierte aber viele große Siege und war bei Kollegen und Fans sehr beliebt. In der exklusiven Eurosport-Serie "Legends' Voice" erzählt der Franzose von seinen unvergesslichen zwei Wochen während den Australian Open 2008, als er es als ungesetzter Spieler bis ins Finale schaffte. Sein Gegner begann damals eine einzigartige Karriere.
Szenen wie bei einem Staatsakt: Emotionaler Abschied von Tsonga
Quelle: Eurosport
Im letzten Jahr beendete Jo-Wilfried Tsonga seine Karriere bei den French Open in Paris. Es war ein hoch emotionales Erlebnis für den Franzosen, ein letztes Mal vor seinen Landsleuten aufzuschlagen.
18 Jahre lang begeisterte Tsonga die Tennisfans auf der ATP Tour mit seiner spektakulären Spielweise und seinem sonnigen Gemüt. Er holte 18 Titel im Einzel und vier im Doppel. Im Februar 2012 erreichte er mit Platz vier seine beste Platzierung in der Weltrangliste.
Ein Grand-Slam-Titel blieb ihm jedoch verwehrt. Am nächsten dran war Tsonga 2008 bei den Australian Open, als er im Finale Novak Djokovic gegenüberstand. Djokovic gewann in vier Sätzen und holte seinen ersten von bis heute 21 Grand-Slam-Titeln.
In der Eurosport-Serie Legends' Voice blickt Tsonga zurück auf seine unglaubliche Reise in Melbourne im Jahr 2008.
Von Jo-Wilfried Tsonga
Hallo liebe Tennis-Freunde,
Ich habe von den Australian Open 2008 nicht dieses eine Bild im Kopf, sondern viele. Die ersten Bilder, die mir in den Sinn kommen, sind von der Vorbereitung. Ich kam sehr früh in Melbourne an, fast einen Monat vor dem Turnier. Ich erinnere mich an viele Gespräche mit meinen Trainern und auch an Matches. In Sydney habe ich mit Richard Gasquet das Doppelfinale gegen die Bryan-Brüder gewonnen.
Vor dem Start der Australian Open war ich sehr zuversichtlich. Ich fühlte mich körperlich stark und war unbekümmert. Die Sterne standen günstig für mich; ich war entschlossen, eine gute Leistung zu bringen. Ehrlich gesagt, war ich sogar davon überzeugt, das Turnier gewinnen zu können. Hätte ich das von den Dächern geschrien, hätte man mich natürlich ausgelacht. Aber es war meine tiefe Überzeugung. Was einen großen Champion ausmacht, ist, davon überzeugt zu sein, dass alles möglich ist.
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Matchball Dienstag komplett
Quelle: Eurosport
"Ich konnte im Halbfinale gegen Nadal nichts falsch machen"
In der ersten Runde habe ich Andy Murray geschlagen. Ich war klarer Außenseiter gegen einen Spieler aus den Top10. Es war ein harter Kampf, am Ende hatten wir beide Krämpfe. Der Sieg gegen Murray hat mir natürlich Auftrieb für den Rest des Turniers gegeben. In der zweiten und dritten Runde waren die Spiele etwas leichter, aber dann kam das Achtelfinale gegen Gasquet. Für mich war er zu diesem Zeit der beste Spieler aus Frankreich. Ich habe in vier hart umkämpften Sätzen gewonnen.
Im Viertelfinale war Mikhail Youzhny mein Gegner. Über dieses Match spricht niemand, aber es war meine beste Leistung in dem Turnier. Mikhail war in großartiger Form; beim Vorbereitungsturnier in Doha hatte er Rafael Nadal 6:1, 6:0 geschlagen. Es war ein "Ping-Pong"-Match, weil es ständig hin und her ging. Dieses Spiel hat mir die Augen geöffnet. Ich konnte drei Stunden lang ununterbrochen mit maximaler Intensität spielen.
Das Halbfinale gegen Nadal? Ich hatte an jenem Tag das Gefühl, nichts falsch machen zu können. Ich hatte dieses Unbewusste des Augenblicks, das mich Dinge tun ließ, die ich bei Bewusstsein nicht hätte tun und nie hätte wiederholen können. Ich habe unfassbare Schläge gemacht und zu mir selbst gesagt: 'Was ist hier los? Ich spiele perfektes Tennis, ich bin nicht mehr zu stoppen. Hier bin ich - ich stehe im Finale.' Das ist so etwas wie der Heilige Gral für einen Tennisspieler.
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Die Jubelpose wurde zu seinem Markenzeichen: Jo-Wilfried Tsonga nach dem Sieg im Halbfinale 2008 gegen Rafael Nadal
Fotocredit: Getty Images
"Ich habe mich im Finale gegen Djokovic ein bisschen verzettelt"
Grand-Slam-Viertelfinale, -Halbfinale, -Finale - es war für mich immer das erste Mal. Emotional war es für mich eine andere Belastung als für meinen Gegner Novak Djokovic. Er hatte schon ein Grand-Slam-Finale gespielt. Ich dagegen bin nach den Siegen in den Runden zuvor auf den Platz gefallen und dachte jedes Mal: 'Das ist jetzt der beste Tag meines Lebens.‘
Novak hatte dieses Gefühl schon öfter. Er war ein Top-10-Spieler, Masters-1000-Sieger und hatte schon mehrere große Matches bei den Grand Slams absolviert. Er war es gewohnt - ich nicht.
Ich fing sehr gut an und gewann den ersten Satz, im zweiten gelang mir ein Break. Danach wurde ich ein bisschen von meinen Emotionen eingeholt. Ich hatte meine Chancen, dieses Finale zu gewinnen. Es waren Details, die mich daran gehindert haben. Ich weiß nicht warum, aber ich habe mich von Dingen beeinflussen lassen, die nicht direkt etwas mit dem Match zu tun hatten. Ich habe mich ein bisschen verzettelt.
Angesichts Novaks 21 Titeln bei Grand-Slam-Turnieren muss man die Dinge aber auch in die richtige Perspektive rücken. Gerade in Australien war er so oft nicht zu schlagen.
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Australian-Open-Finale 2008: Jo-Wilfried Tsonga (l.) und Sieger Novak Djokovic
Fotocredit: Getty Images
"Die Anwesenheit meiner Eltern hat mir Energie genommen"
Meine Eltern sind für das Finale extra aus Frankreich angereist. Sie saßen 24 Stunden im Flugzeug - verrückt. Ich stamme aus einer bescheidenen Familie mit drei Kindern. Meine Eltern haben mich an den Wochenenden 300, 400 Kilometer zu den Turnieren gefahren. Sie haben viel Zeit für mich geopfert - auch im Vergleich zu meinem Bruder und meiner Schwester.
Vielleicht war ihre Anwesenheit beim Finale emotional etwas zu viel für mich. Sie hat mir etwas von meiner Kraft, von meiner Energie genommen. Heute würde ich vielleicht zu ihnen sagen: 'Mom, Dad, bitte bleibt zu Hause, ich werde dieses Spiel gewinnen und den Pokal nach Hause bringen.' Wir werden nie erfahren, ob es wirklich einen Einfluss auf das Finale hatte, aber ich würde es heute wahrscheinlich anders machen.
Nichtsdestotrotz hat mir dieses Finale für meine weitere Karriere geholfen. Die Erfahrung war goldwert. Ich habe am Ende des Jahres das Masters 1000 in Paris gewonnen, dort übrigens auch Djokovic bezwungen. Die Final-Niederlage in Melbourne hat mich dennoch sehr lange beschäftigt. Ich habe mich immer wieder gefragt: 'Warum habe ich dieses Match gegen Novak verloren, wenn ich ihn danach fünf Mal in Folge geschlagen habe?‘
Man hört nie auf zu denken. Man fällt hin, man steht wieder auf, man macht weiter - das ist Teil der Spielerkarriere. Dieses Finale ist Teil meiner. Ich war noch sehr jung und es war eine ganz außergewöhnliche Reise. Ich habe meinen Traum gelebt.
Euer Jo-Wilfried Tsonga
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Quelle: Eurosport
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