Barbara Schett exklusiv bei Eurosport: Darum reichte es für Alexander Zverev bislang nicht zum Grand-Slam-Sieg

In wenigen Tagen beginnen im australischen Melbourne die Australian Open und damit der erste Grand Slam des Jahres. Im exklusiven Interview äußert sich Eurosport-Expertin Barbara Schett zu den Chancen von Alexander Zverev, endlich den ersehnten Triumph zu schaffen: "Er hätte es sich wirklich verdient." Dennoch, so Schett gebe es gute "Gründe, warum es bisher nicht klappen wollte."

Schett exklusiv über Zverev und die DTB-Damen in Melbourne

Quelle: Eurosport

Auch in diesem Jahr ist die Jagd nach einem Titel bei einem der vier größten Tennis-Turniere der Welt das große Ziel der deutschen Nummer eins. Fraglich ist dabei allerdings, wie fit Zverev wirklich ist.
Der gebürtige Hamburger laborierte zuletzt an einer Bizepszerrung und musste beim United Cup zurückziehen.
Laut Schett, die Zverev einen Grand-Slam-Titel durchaus zutraut, habe es bislang noch nicht mit dem großen Wurf geklappt, weil Zverev nach seiner Niederlage im Finale der US Open 2020 gegen Dominic Thiem "wohl einige Jahre zu knabbern gehabt" habe.
Im deutschen Damen-Tennis sieht die Österreicherin allerdings eine "Krise". Aktuell befindet sich keine deutsche Spielerin in den Top 50.
Frau Schett, die vergangenen drei Jahre zeigen, dass die Australian Open für Alexander Zverev so etwas wie eine Wundertüte sind. Wohin führt ihn sein Weg in diesem Jahr?
Barbara Schett: Für Alexander Zverev ist es in dieser Saison ein vollkommen anderer Ausgangspunkt. Nach einem irrsinnig soliden Jahr startet er nun als Nummer zwei der Welt. Die große Frage ist nun natürlich: Wann kommt sein erster Grand-Slam-Titel? Er hätte es sich wirklich verdient, einige Male war er knapp dran. Die Australian Open sind vielleicht nicht das Turnier, bei dem er in der Vergangenheit den meisten Erfolg hatte, aber ich schreibe ihn keineswegs ab. In der ersten Runde beim United Cup habe ich ihm zugeschaut, das war noch vor der Bekanntgabe seiner Verletzung am Bizeps. Er will es unbedingt wissen und er kann alle schlagen. In seinem Kopf ist er wahrscheinlich auch darauf ausgerichtet, in diesem Jahr endlich den Grand-Slam-Titel zu holen. Es ist aber nicht leicht - und wird auch in Zukunft nicht einfacher, er wird nicht jünger. Es ist ein neuer, frischer Start für Zverev, Gedanken an seine vergangenen Ergebnisse wird er nicht haben.
Sie haben die Bizepszerrung, die ihn beim United Cup zum Rückzug gezwungen hat, erwähnt. Wie ist die Situation bei ihm einzuschätzen?
Schett: Ich habe ihn vor Ort mehrmals interviewt, zum letzten Mal nach seiner Partie gegen Thiago Monteiro, die er gewonnen hat. Dabei hat er schon gemeint, dass er seinen Ellbogen spürt. Ob er sich die Zerrung bei einem Schlag zugezogen hat oder sich einfach zu viel Druck aufgebaut hat - man weiß es nicht. Jedenfalls waren wir alle überrascht, dass er anschließend rausgezogen hat. Dann wussten wir, dass es ernst sein muss. Am Dienstag fand in der Rod Laver Arena in Melbourne das Showturnier The Red Bull Bassline statt, bei dem Zverev eigentlich eingeplant war. Am Abend zuvor kam dann seine Absage. Da muss also schon etwas dran sein, Zverev wird sich schonen wollen. Sascha ist eigentlich jemand, der gerne viel spielt und es braucht, viel Zeit auf dem Platz zu verbringen. Die Auslosung spielt für ihn eine große Rolle, aber am wichtigsten wird für ihn sein, dass er wieder fit wird. Bei einem Grand-Slam-Turnier spielst du innerhalb von zwei Wochen an jedem zweiten Tag ein Match, das über fünf Sätze gehen kann. Es ist alles andere als ideal, wenn der Körper ausgerechnet dann angeschlagen ist.
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Alexander Zverev beim United Cup

Fotocredit: Getty Images

Boris Becker meinte zuletzt, dass Zverev innerhalb der kommenden 18 Monate den lang ersehnten Grand-Slam-Titel gewinnen müsse, weil immer mehr junge Spieler nachrücken. Wird mit seinen 27 Jahren die Zeit langsam knapp?
Schett: Heutzutage 27 Jahre alt zu sein, ist etwas ganz anderes als es 1985 oder 1990 noch der Fall war. Damals war es eher selten, dass ein Profi bis 35 auf dem Court gestanden hat. Mittlerweile ist es aber schon so, dass die meisten Spieler die 30er-Grenze durchbrechen. Zudem ist bei Zverev nicht der eigene Körper das Problem, sondern die Konkurrenz. Es kommen immer weiter junge Spieler nach, weshalb es für ihn anstrengender wird - wobei uns Novak Djokovic das Gegenteil bewiesen hat.
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Zverev: "War dieses Jahr wieder konkurrenzfähig"

Quelle: Perform

Was hat Zverev bisher zum ganz großen Wurf gefehlt?
Schett: Einen Grand-Slam-Titel hätte er sich definitiv verdient. Es gibt seine Gründe, warum es bisher nicht klappen wollte. Immer wieder fällt er in seinen Matches in eine defensive Phase, die ihm am Ende zum Verhängnis wird. Das Finale der US Open 2020 gegen Dominic Thiem, in dem er haushoch geführt hatte und letztlich doch als Verlierer vom Platz ging, war seine große Chance. Daran hat er wohl einige Jahre zu knabbern gehabt. Dann folgten die Sprunggelenksverletzung im Halbfinale der French Open gegen Rafael Nadal und ein langer Weg zurück in die Weltspitze. 18 Monate - das klingt schon nach einem Ultimatum. Hoffentlich hört er das nicht (lacht). Zverev weiß genau, zu welchen Dingen er fähig ist. Und genau das muss er einmal bei einem Grand Slam innerhalb von zwei Wochen, von sieben Partien abrufen. Ich würde den Titel nicht von einem Datum abhängig machen. Aber die Jungen kommen nach, Carlos Alcaraz und Jannik Sinner werden immer besser. Darüber hinaus zeigen auch Giovanni Mpetshi Perricard und Jakub Mensik bereits ihr Potenzial. Wir wissen, dass man Grand-Slam-Titel auch im Alter von über 30 Jahren noch gewinnen kann. Die Frage ist nur: Steckt das in Saschas Kopf?
Einen Grand-Slam-Titel hätte er sich definitiv verdient. Es gibt seine Gründe, warum es bisher nicht klappen wollte. Immer wieder fällt er in seinen Matches in eine defensive Phase, die ihm am Ende zum Verhängnis wird. Das Finale der US Open 2020 gegen Dominic Thiem, in dem er haushoch geführt hatte und letztlich doch als Verlierer vom Platz ging, war seine große Chance. Daran hat er wohl einige Jahre zu knabbern gehabt.
Während Ihrer aktiven Laufbahn haben Sie mit Steffi Graf die beste deutsche Spielerin der Geschichte miterlebt. Diese Hochzeit ist mittlerweile aber vorbei, mittlerweile sprechen viele von einer Krise im deutschen Frauen-Tennis - wie beurteilen Sie die aktuelle Situation?
Schett: Der Einblick in die deutsche Nachwuchsarbeit fehlt mir. Aber wenn man auf die Weltrangliste blickt und Laura Siegemund als deutsche Nummer eins aufscheint, fragt man sich schon: Was ist da los? Normalerweise gab es fünf, sechs Spielerinnen in den Top 100, mit Andrea Petkovic, Angelique Kerber und Julia Görges gab es zudem immer jemanden, die unter die besten der Welt vorgestoßen ist. Kerber hat 2018 den letzten Grand-Slam-Titel gewonnen, seitdem war es für ein Land mit 80 Millionen Einwohnern eine karge Ausbeute. Es kann aber auch ein generelles Problem sein.
Können Sie das konkretisieren?
Schett: Österreich mag zwar eine kleinere Nation sein, dort haben wir aber mit derselben Entwicklung zu kämpfen. Viele Mädchen wollen mittlerweile nicht mehr Leistungssport betreiben. Sie haben andere Dinge im Kopf, teilweise fehlt ihnen auch die Disziplin. Im Grunde wollen sie eines Morgens aufwachen und plötzlich reich und berühmt sein - ohne dafür etwas zu tun. Das ist eine generelle Einstellung in unserer Zeit. Das geht nicht. Gerade im Tennis steckt harte Arbeit hinter dem Erfolg, der Weg an die Spitze ist extrem schwer. Viel zu oft wird das unterschätzt. Tennis ist eine Weltsportart, das kann man nicht mit Skifahren, Schwimmen oder Skispringen vergleichen. Elf Monate auf Achse sein, jede Woche stehen Turniere auf dem Programm und die Konkurrenz ist riesig. Ich würde mir wünschen, dass in Deutschland eine Generation nachkommt. Auch wenn es bereits jetzt Talente mit zehn oder zwölf Jahren gibt, steht ihnen noch ein weiter Pfad bis zum Durchbruch bevor. Vor allem bei den Mädchen hört ein Großteil im Alter von etwa 16 Jahren auf, dazu kommen auch die hohen Kosten, die ohne Sponsoren und Unterstützung vom Verband nur sehr schwer zu stemmen sind. Daher würde ich schon von einer kleinen Krise sprechen.
Viele Mädchen wollen mittlerweile nicht mehr Leistungssport betreiben. Sie haben andere Dinge im Kopf, teilweise fehlt ihnen auch die Disziplin. Im Grunde wollen sie eines Morgens aufwachen und plötzlich reich und berühmt sein - ohne dafür etwas zu tun. Das ist eine generelle Einstellung in unserer Zeit. Das geht nicht. Gerade im Tennis steckt harte Arbeit hinter dem Erfolg, der Weg an die Spitze ist extrem schwer.
Novak Djokovic will weiter an der eigenen Legende stricken - aber wie realistisch ist der 25. Grand-Slam-Titel?
Schett: Es wird immer schwieriger. Mittlerweile muss er es auch an seiner Physis spüren. Und dahingehend haben wir bereits in der vergangenen Saison gewisse Anzeichen gesehen. Für seine Verhältnisse war es ein bescheidenes Jahr. Er hat wenig gespielt, ist nur bei ausgewählten Turnieren angetreten - hat aber trotzdem mit der Goldmedaille bei den Olympischen Spielen sein großes Ziel erreicht. Einen Novak Djokovic schreibe ich im Kampf um einen Grand Slam nie ab. Es wird schwer, im Vergleich zu Alexander Zverev sinken seine Chancen. Aber der Mann hat es schon 24 Mal geschafft und in zwei Wochen kann viel passieren - warum also nicht?
Wie kann man Djokovic in Australien einschätzen?
Schett: Man muss ihn genauestens unter die Lupe nehmen. Im vergangenen Jahr war er bei den Australian Open leicht verletzt, seine Niederlage im Halbfinale gegen Jannik Sinner war eine große Enttäuschung. Mit Andy Murray an seiner Seite bekommt er womöglich einen zusätzlichen Boost. Ab sofort arbeitet er mit jemandem zusammen, der bis vor kurzem gespielt hat und selbst Grand-Slam-Titel gewonnen hat. Ob Ernährung, Schläger, Training oder Mentalität: Murray ist ein Mensch, der auf jedes Detail eingeht und jedes Prozent herausholen will. Auf dieser Ebene verstehen sich die beiden sehr gut, Novak kann viel daraus ziehen. Zudem darf nicht vergessen werden: Murray und Djokovic trafen auf dem Court häufig aufeinander. Und einem Menschen, der denselben Weg jahrelang beschritten hat und selbst auf dem Platz stand, hört man nun mal lieber zu. Murray weiß, wo Djokovics Schwächen vergraben liegen. Es wird sicher sehr viel kommuniziert zwischen den beiden. Eine Frage, die ich mir selbst stelle: Wie ist die Dynamik zwischen den beiden? Beide nehmen auf dem Platz kein Blatt vor den Mund.
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Tennis : Murray coaching Djokovic

Quelle: SNTV

Diese Zusammenarbeit ist in vielerlei Hinsicht besonders. Dürfen wir uns in Melbourne einen neuen Djokovic erwarten?
Schett: In Brisbane war Djokovic noch alleine, Murray befand sich da noch mit seiner Familie im Skiurlaub. Im technischen Bereich werden kaum Unterschiede zu erkennen sein, dafür aber bei seinem mentalen Ansatz. Wenn du jemanden in deinem Team hast, der dir Selbstvertrauen gibt, stehst du ganz anders auf dem Platz. Der Kopf kann Berge versetzen. An seiner Präsenz auf dem Court und an seiner Taktik können wir womöglich Differenzen festmachen. Vielleicht kommt er häufiger ans Netz, spielt aggressiver - das kann man nach seinem Auftakt besser einschätzen.
Djokovic hat nach den jüngsten Dopingfällen um Jannik Sinner und Iga Swiatek die Funktionsweise des Systems infrage gestellt, Nick Kyrgios sprach davon, dass alles unter den Teppich gekehrt wird. Muss sich im Umgang mit dem Thema Doping im Tennis etwas fundamental ändern?
Schett: Ich sehe das genauso. Es muss einfach Klarheit herrschen. Gewisse Entscheidungen lassen die Konstanz vermissen. Iga Swiatek kann sich im Grunde aussuchen, wann sie ihre Sperre absitzt. Zuerst setzt sie zwei der vier Wochen aus, dann spielt sie die WTA Finals, bevor sie dann die restlichen zwei Wochen abarbeitet. Jannik Sinner wurde hingegen gar nicht gesperrt, da steht noch eine Entscheidung vom CAS aus. Simona Halep ist wieder ein komplett anderer Fall. Es gibt keinen roten Faden - und das ist unverständlich. Mir persönlich tut es weh, da der Sport in ein derart negatives Rampenlicht gerückt worden ist. Ich habe immer daran geglaubt, dass Tennis ein reiner Sport ist. Diese Fälle schaden seinem Ruf.
Es gibt keinen roten Faden - und das ist unverständlich. Mir persönlich tut es weh, da der Sport in ein derart negatives Rampenlicht gerückt worden ist. Ich habe immer daran geglaubt, dass Tennis ein reiner Sport ist. Diese Fälle schaden seinem Ruf.
Für das Image des Sports setzt sich in dieser Hinsicht auch Nick Kyrgios ein. Er ist nicht nur der "Bad Boy" der ATP Tour, sondern fungiert in vielerlei Hinsicht als ein Lautsprecher. Sie leben in Australien, Ihr Bezug zum Land ist besonders: Wie schaut man Down Under auf Kyrgios?
Schett: Ganz unterschiedlich. Es gibt niemanden, dem er egal ist. Entweder mag man ihn oder eben nicht. Die jüngeren Fans finden ihn cool, weil er anders ist und kein Blatt vor den Mund nimmt. Die ältere Generation findet ihn teilweise respektlos, weil er sich immer wieder bei anderen einmischt. Kyrgios ist häufig der erste in den Sozialen Medien, der etwas beizutragen hat. Viele denken sich, dass er lieber vor seiner eigenen Tür kehren sollte. Immerhin ist er auch kein unbeschriebenes Blatt. Aber er ist wichtig für das Tennis - auch weil er polarisiert. Eines steht fest: Wenn Kyrgios spielt, ist das Stadion voll. Solche Typen muss es genauso geben.
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Highlights: Djokovic and Kyrgios knocked out in entertaining doubles clash

Quelle: SNTV

Wie tickt dieser Kyrgios?
Schett: Mein Mann hat ihn vor einigen Jahren für sechs Monate trainiert und meinte damals schon, wie unfassbar talentiert Kyrgios ist. Und das war zu einer Zeit, als er nicht viel trainiert, sondern viel durch sein Talent entschieden hat. Während seiner Verletzungsphase ist ihm wohl bewusst geworden - auch wenn er eigenen Aussagen zufolge nicht so gern Tennis spielt - dass die Zeit zu schnell verläuft. Er wollte sich noch einmal die Chance geben, für Schlagzeilen zu sorgen und selbst über den Zeitpunkt seines Abgangs zu entscheiden.
Australien hatte in seiner Geschichte viele großartige Tennis-Spieler vorzuweisen. Wo reiht sich Kyrgios angesichts seiner Prominenz ein?
Schett: Australien ist die Tennis-Nation schlechthin. Rod Laver, John Newcombe, Lleyton Hewitt - es gibt so viele große Namen. Es ist fast schade, dass niemand an diese grandiosen Erfolge anschließen konnte. Kyrgios meinte selbst: Wenn er Tennis geliebt und gelebt hätte, dann wäre er zum Grand-Slam-Champion aufgestiegen. Meiner Meinung nach ist das auch ein gewisser Schutz seinerseits. Bis auf seinen Einzug ins Finale von Wimbledon hat er es nicht ganz nach oben geschafft. Physisch war er nie zu 100 Prozent austrainiert, hat sich nie richtig auf einen Coach eingelassen und ist mit einem Freund an seiner Seite rumgereist. Ich hoffe, dass er sich nicht irgendwann einmal Vorwürfe macht, nicht alles für den ersehnten Grand-Slam-Titel getan zu haben. Jeder ist anders, er muss damit leben und glücklich damit sein. Kyrgios ist wichtig für das Tennis, ob man ihn mag oder nicht.
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Highlights: De Minaur upsets Alcaraz in thrilling exhibition clash

Quelle: Eurosport


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