Nun ist Belinda Bencic also Mitglied im Klub der Schweizer Tennis-Ikonen.
Mit Roger Federer, Martina Hingis, Stan Wawrinka oder Marc Rosset hat die Alpen-Republik eine erstaunliche Zahl an Champions hervorgebracht. "Dass mein Name nun immer wieder in einem Atemzug mit diesen tollen Profis fällt, daran muss ich mich aber erst noch gewöhnen", gibt Bencic bei Eurosport zu.
Verständlich, war es doch auch für die 24-Jährige selbst eine große Überraschung, dass es in Tokio mit Gold und Silber geklappt hat.
Tennis
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29/01/2021 AM 12:01
Bei den derzeit laufenden US Open in New York startete Bencic mit einem 6:4, 6:4-Erfolg gegen die Niederländerin Arantxa Rus. In Runde zwei wartet nun Martina Trevisan aus Italien.
In der Serie Players' Voice auf Eurosport.de erzählt Bencic, warum der Weg zur Olympiasiegerin so steinig war und auf welchen Glücksbringer sie sich einmal mehr verlassen konnte.

Von Belinda Bencic

Hallo liebe Tennis-Fans bei Eurosport.de,
unglaublich, aber ich bin Olympiasiegerin - und das, obwohl die Saison für mich so schlecht begonnen hat. Im Januar musste ich direkt nach der Landung in Melbourne für zwei Wochen in Quarantäne, weil es in unserem Flugzeug einen Corona-Fall gab. Das mag nicht wirklich dramatisch klingen, aber ich war somit nicht bereit für die Australian Open und habe bestimmt zwei, drei Monate lang gebraucht, um wieder Anschluss an das Niveau der anderen Spielerinnen zu finden.

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Ab dem Event in Stuttgart im April fing es an, besser zu werden, auch wenn die Ergebnisse nicht gleich da waren. Das erste wirklich stärkere Turnier habe ich kurz darauf in Madrid gespielt, wo ich ins Viertelfinale kam. Wenn du gut und hart arbeitest, zeigt sich das eben nicht gleich in der kommenden Woche, sondern meist erst zwei bis sechs Monate später. Insofern war es super, dass ich mich dann ausgerechnet bei den Olympischen Spielen in Tokio mit Gold belohnen konnte.
Aber eins könnt ihr mir glauben: Vor dem Olympia-Finale gegen Marketa Vondrousova habe ich gar nicht geschlafen, dazu war ich viel zu nervös. Mir gingen wahnsinnig viele Gedanken durch den Kopf. Ich hatte ja schon Unglaubliches erreicht, eine Medaille war mir sicher - aber Gold ist halt Gold, diese Chance bekommst du extrem selten. Mit der Nervosität wurde es erst besser, also ich auf den Platz kam und es dann losging.

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Und ich hatte dank meiner Hündin Paula wieder einen Glücksbringer dabei. Bei mir zuhause liegen überall Tennisbälle herum und als sie gesehen hat, dass ich meine Tasche packe, hat sie mir einen zerbissenen Ball reingelegt. Das habe ich dann erst vor Ort bemerkt, von da an konnte eigentlich nichts mehr schiefgehen :-)
Es war sehr schade, dass ich nicht zusammen mit Roger Federer im Mixed-Doppel antreten konnte. Aber ich habe für seine Situation volles Verständnis, die Gesundheit geht immer vor. Wir sind Kollegen und auch Freunde, stehen in regem Austausch. Er hat mich dann angerufen und wir haben darüber gesprochen. Ich kann seine Situation sehr gut nachvollziehen, mir ging es bei meiner Absage der Olympischen Spiele 2016 in Rio de Janeiro ganz ähnlich.
So habe ich in Tokio dann zusammen mit Vicki Golubic Doppel gespielt. Wir sind beide in erster Linie Einzelspielerinnen, darauf liegt unser Fokus.
Aber es ist eine Ehre, bei Olympia spielen zu dürfen. Und: Niemand hat etwas von uns erwartet, wir konnten nur gewinnen. Das war Freude pur für uns, wir hatten so viel Spaß und durften am Ende auch noch die Silbermedaille mit nach Hause nehmen. Roger hat das alles von zuhause verfolgt, hat uns vor und nach jedem Match geschrieben. Eigentlich war er dabei.

Roger Federer (l.) und Belinda Bencic

Fotocredit: Getty Images

Ich bin neulich gefragt worden, wie Roger denn als Doppelspieler so ist? Was er im Einzel kann, muss ich niemandem mehr erklären. Im Doppel war für mich überraschend, wie einfach er mir das Spielen gemacht hat. Vor unseren Matches, zum Beispiel beim Hopman Cup, war ich etwas nervös – aber Roger hat eine unglaubliche Übersicht und Spielintelligenz. Er weiß genau, wo man stehen muss, sein Volley ist unfassbar, der Aufschlag auch. Ich bin sicher, er könnte mit jedem zusammenspielen und gewinnen.
Roger steht natürlich sehr zentral im Fokus der Medien. Bei mir ist das auch nach Tokio im Rahmen geblieben, was mich freut. Ich kann mein Leben ganz normal führen und bin froh, dass es nicht so ist wie etwa bei Kei Nishikori, der in Japan kaum mehr auf die Straße gehen kann. Ich finde es aber auch schön, wenn man mich in der Öffentlichkeit mit dem Tennissport verbindet.

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Das nicht immer einfache Verhältnis zwischen den Medien und den Spielerinnen und Spielern wurde in den vergangenen Monaten stark thematisiert, was gut ist. Naomi Osaka hat einiges dazu gesagt. Letztlich hängt es immer an der persönlichen Wahrnehmung und daran, wo du herkommst und wie berühmt du bist.
Für mich war es wichtig, dass wir bei der WTA schon im Alter von 14 bis 16 Jahren Medienschulungen bekommen und gelernt haben, damit umzugehen. Welche Fragen kommen auf dich zu, wie bleibst du cool, wie funktioniert das Geschäft? Darüber haben wir gesprochen und so konnte ich immer gut damit umgehen. Denn: Kritische Fragen gehören dazu, das macht es auch interessant und das mediale Interesse hat dafür gesorgt, dass Tennis ein Weltsport geworden ist.

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Dass mein Name nun immer wieder in einem Atemzug mit tollen Schweizer Profis wie Martina Hingis, Stan Wawrinka und natürlich Roger fällt, daran muss ich mich aber erst noch gewöhnen. Die Drei haben so viele Grand-Slam-Titel geholt, das ist schon eine andere Kategorie. Die Schweiz ist wirklich verwöhnt mit tollen Tennisprofis und ich bin sehr glücklich, dass ich das zusammen mit Vicki Golubic und Jil Teichmann weiterführen darf.
Nun freue ich mich auf die US Open, wobei ich mich in New York nicht zu den Favoritinnen zähle. Daran ändert auch die Goldmedaille nichts. Außerdem: Wer im Vorfeld zu den Favoritinnen gezählt wird, gewinnt das Turnier meistens nichts. Das Feld bei den Frauen ist so offen, einzig Naomi Osaka und Ash Barty haben sich in der Vergangenheit mit konstanten Erfolgen abgehoben. Ich gehe nicht mit dem Ziel, ins Halbfinale oder Finale zu kommen, in den Wettbewerb. Das ist ein Mindset, das nicht zu mir passt.
Eure Belinda
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