Der “Mini-Safin” hat genug gefeiert

Ernests Gulbis ist zweifellos ein spezialgelagerter Sonderfall. Talent hat er, und vielleicht würde der mittlerweile 24 Jahre alte Lette sogar in den Top Ten spielen, wäre er nicht ein bisschen verrückt.

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Natürlich ist diese Behauptung nicht psychiatrisch unterfüttert, aber Trainerlegende Niki Pilic kam schon vor sechs Jahren zu diesem Schluss, und der hatte Gulbis immerhin seit dessen 13. Lebensjahr unter seinen Fittichen gehabt.
Sogar Pilic verzweifelte an ihm
Pilic wollte ihn unter die Top 100 bringen, das schaffte er auch. Aber Gulbis kostete ihn mehr Nerven, als Pilic erübrigen konnte. So trennten sie sich Ende 2007. Da war Gulbis sogar schon die Nummer 21 der Welt gewesen. Wie das passieren konnte, ist schwer begreiflich. Denn im Vergleich zu Novak Djokovic, der seinerzeit auch in der Münchner Akademie trainierte, hatte Gulbis nie die richtige Einstellung zum Profidasein. Ihm gefiel das Playboy-Image eines Marat Safin da schon viel besser: Party nonstop, Alkohol, Nikotin und jede Menge schöne Frauen. Und Gulbis kostete alles hemmungslos aus.
Das Leben kann ja so schön sein, und nur von dieser Seite hatte es Gulbis von klein auf kennengelernt. Mutter und Großvater waren bekannte Schauspieler, und sein Vater zählt zu den reichsten Männern Lettlands. Schon zu drittklassigen Challenger-Turnieren wurde der Sohnemann als Teenager im Privatjet eingeflogen, des Geldes wegen spielt der sowieso nicht Tennis. Warum er es wirklich tut, ist unklar, und was in seinem Kopf so vorgeht, genauso. Seine Karriere verläuft abenteuerlicher als die wildeste Achterbahnfahrt, das liegt vor allem daran, dass er sie nie ernsthaft verfolgt hat. Spielte Gulbis mal eine Woche gut, folgten danach daheim in Riga einwöchige Exzesse. Landete sein Jet nachts um eins, ging es direkt weiter in den Nachtklub zu seinen Kumpels bis zum Morgengrauen. Feiern, trinken, rauchen, schlechtes Essen, kein Schlaf. In diesem Rhythmus lebte Gulbis bis Anfang 20. "Ich habe in meinem Leben schon genug gefeiert", sagte er vor anderthalb Jahren, "und ich habe absolut alles falsch gemacht, was man in einer Profikarriere falsch machen kann. Aber ich bin sehr froh, dass ich diese Fehler gemacht habe."
Party-Exzesse, Wutausbrüche und Knast
Reumütige Sätze dieser Art hatte man immer wieder von Gulbis gehört, bis zur nächsten Party. 2009 verbrachte er in Stockholm sogar mal eine Nacht im Gefängnis. Ein Missverständnis sei es gewesen, sagte er. "Das war eine witzige Erfahrung", meinte er, "jeder sollte mal eine Nacht hinter Gittern verbringen. Da sieht man eine Menge." Gulbis zahlte eine Strafe und konnte noch pünktlich beim Turnier antreten - dort verlor er aber mal wieder in Runde eins. Echte Konsequenzen zog er bisher nie, wechselte seine Trainer dafür so oft wie andere ihr Griffband. Keiner vermochte seine Gier nach dem schönen Leben zu zügeln, erschwerend kommt hinzu, dass Gulbis ziemlich intelligent ist. Seine Eltern benannten ihn nach dem Schriftsteller Hemingway, und während seine Spielerkollegen vor der Playstation hocken, liest Gulbis japanische Romane. Trotzdem umweht ihn immer die Attitüde eines verwöhnten Sprosses, der vom Leben gelangweilt ist.
Das Tennis Magazin ließ sich vor Jahren mal zu der Überschrift "Der nette Lette" hinreißen, aber sonderlich beliebt ist Gulbis nicht auf der Tour. Auch weil er eben irgendwie ein bisschen durchgeknallt ist. Oft genug dreht er auf dem Platz durch, in einer Saison zertrümmerte Gulbis einmal insgesamt 70 Schläger. Aber er kann auch anders. Am Sonntag gewann er den Titel in Delray Beach zum zweiten Mal. Gulbis spielte sich durch die Quali ins Finale, musste acht Matches in Folge absolvieren. Völlig am Ende sei er, meinte Gulbis. Es ist lange her, dass er mal so hart arbeiten musste. Monatelang dümpelte Gulbis wieder außerhalb der Top 100 herum, seit Montag ist er nun die Nummer 67. Wie gut könnte dieser Ernests Gulbis sein, wenn er zu 100 Prozent bei der Sache wäre? Vielleicht wird man es nie erfahren. Er hat Spielwitz, den nötigen Touch und brachiale Schläge - so mancher hat es mit schlechteren Voraussetzungen weit gebracht. Möglich, dass es nun Günter Bresnik gelingt, den Letten zu bändigen. Bei McEnroe und Becker hatte er es zumindest geschafft. Es kann aber auch passieren, dass Gulbis die Quali für Indian Wells in diesen Tagen schmeißt und lieber die Nachtklubs in Riga unsicher macht. Alles ist möglich. Doch zumindest eines macht auch die ernüchterten Kritiker optimistisch: Gulbis hat sich jüngst das Rauchen abgewöhnt.
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