French Open 2018 - Marco Cecchinato und der dunkle Schatten: Hinweise auf Wettbetrug
Marco Cecchinato steht sensationell im Halbfinale der French Open. Über der Erfolgsstory des Italieners liegt jedoch ein Schatten: 2015 soll er zweimal absichtlich bei Challenger-Turnieren verloren, ein Bekannter mit Wetten auf seine Niederlagen Geld verdient haben. Die italienische (Sport-)Gerichtsbarkeit bestreitet das gar nicht - lediglich ein Formfehler verhinderte eine monatelange Sperre.
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Spricht man Marco Cecchinato darauf an, verfinstert sich sein Blick.
"Darüber möchte ich nicht reden", sagte er dieser Tage bei den French Open.
Es ist ein unrühmliches, dunkles Kapitel, das den Überraschungshalbfinalisten von Roland-Garros verfolgt, ja dieser Tage förmlich einholt.
Marco Cecchinato: Ermittlungen wegen Wettbetrugs
Es geht um Wettbetrug, von ihm 2015 begangen - so sah es zumindest der italienische Tennisverband, der einige Beweise dafür eingesammelt hatte.
Als die Beweisführung abgeschlossen war, entschied der Verband im Sommer 2016: 18 Monate Sperre und 40.000 Euro Geldstrafe - das Italienische Olympische Komitee (CONI) widerrief das Urteil im Dezember 2016 jedoch wegen eines Formfehlers wieder. Und jetzt steht Cecchinato im French-Open-Halbfinale.
Der Italiener ist deshalb nicht zwangsläufig schuldig. Aber unschuldig ist er höchstwahrscheinlich auch nicht. Er hatte einfach nur sehr viel Glück. Und schweigt sich seither über die Vorwürfe aus.
Verlockend große Summen
"Match-fixing" ist im Sport ohnehin ein oft übersehenes und gerne verschwiegenes Thema - dabei sind die mit Spielmanipulationen zu verdienenden Summen verlockend groß, ebenso die dahintersteckende kriminelle Energie richtiger Banden auf dem ganzen Erdball.
Die Tennis Integrity Unit (TIU) hat es sich zur Aufgabe gemacht, komisch erscheinende Matchergebnisse im Tennis auf hohe Wettsummen hin zu untersuchen.
Im Tennis stehen dabei meist Partien abseits des großen Rampenlichts im Fokus, Partien bei zweitklassigen Challenger-Turnieren zum Beispiel.
Diese wurden nun auch dem Argentinier Nicolas Kicker, immerhin die 84 der Welt, zum Verhängnis: Der 25-Jährige wurde erst kurz vor den French Open wegen Spielmanipulationen bei Challenger-Turnieren in Padua/Italien und Baranquilla/Kolumbien aus dem Jahr 2015 bis auf weiteres gesperrt. Auch, weil er bei den Ermittlungen nicht kooperiert hatte.
47 Seiten Beweisführung gegen Cecchinato und Co.
Auch bei Cecchinato drehen sich alle Vorwürfe um das Jahr 2015. Auch Cecchinato verweigerte seine Kooperation.
Hinweise für eine Beteiligung des 25-Jährigen an Wettbetrügereien fanden sich genug; die Tennis Integrity Unit hat mit dem italienischen Tennis-Verband (FIT) zu den Vorkommnissen sogar ein 47-seitiges Schreiben veröffentlicht.
TIU und FIT sahen es demnach als erwiesen an, dass Cecchinato bei einem Challenger in Mohammedia/Marokko betrogen hatte, als er als damals Weltranglisten-82. im Viertelfinale überraschend gegen den an über 250 Positionen schlechter gerankten Polen Kamil Majchrzak mit 1:6, 4:6 verlor.
Gelöschter WhatsApp-Chat im Fokus
Hellhörig wurden die Ermittler, als sie herausfanden, dass Cecchinatos Bekannter Riccardo Accardi, ebenfalls ein (nicht bei der ATP gerankter) Tennis-Spieler, mit dem der Sizilianer als Jugendlicher im selben Tennisklub gespielt hatte, und dessen Vater Fabrizio als einzige in ganz Italien mit mehreren Accounts und auf mehreren Wett-Plattformen auf eine Zweisatz-Niederlage Cecchinatos gesetzt hatten.
Auf Cecchinatos Handy fanden die Ermittler keine Absprachen; auf dem Handy von Accardi jedoch konnten sie einen gelöschten WhatsApp-Chat rekonstruieren, in dem sich Cecchinato zunächst beklagt haben soll, er hätte mit dem Serie-A-Spiel Carpi gegen Napoli (0:0) 1770 Euro verdienen können.
Danach erzählte Cecchinato laut den Ermittlern, er könne sich vorstellen, den Verlust in Marokko wettmachen zu können. Cecchinato hoffte dabei auf einen schwachen marokkanischen Gegner mit Wildcard.
Cecchinato bekam letztlich keinen marokkanischen Gegner zugelost, doch für eine Niederlage gegen Majchrzak stand die Quote bei 7 zu 1 - und die Accardis schlugen zu.
Heimflug schon gebucht, Doppel-Niederlage, Hinweis über Seppi
Für Cecchinatos Schuld sprach laut TIU und FIT auch, dass er bereits vor der Niederlage gegen Majchrzak sein Heimflug-Ticket gebucht hatte.
Manipuliert erschien den Ermittlern ferner das Ergebnis einer Doppel-Partie bei einem Challenger in Prostejov/Tschechische Republik zu sein, das Cecchinato mit seinem Partner Luca Vanni verloren hatte.
Er habe den Drang, nach Hause zu fahren, soll Cecchinato zuvor laut WhatsApp-Rekonstruktion seinem Bekannten geschrieben haben.
Außerdem hatte Cecchinato seinem Bekannten während der French Open 2015 gesteckt, dass sich Landsmann Andrea Seppi nicht wohlfühle - Accardi setzte folgerichtig auf einen Dreisatz-Sieg des Seppi-Gegners John Isner (und gewann).
Tennis-Verband hält Frist nicht ein
Alles in allem genug für den italienischen Verband, um gegen Cecchinato vorzugehen.
Der Verband hatte zuvor schon Daniele Bracciali und Potito Starace mit lebenslangen Sperren aus dem Verkehr ziehen wollen - bei Bracciali wurde diese Sperre jedoch in den gerichtlichen Instanzen auf ein Jahr reduziert, Starace kam letztlich ganz ohne Strafe davon.
Und so wählte auch Cecchinato den Gang über die Instanzen: Erst wurde seine Strafe auf zwölf Monate und 20.000 Euro Geldstrafe reduziert, ehe sie das CONI im Dezember 2016 wegen eines Formfehlers ganz aufhob - der Tennis-Verband FIT hatte schlicht eine Frist nicht eingehalten.
Äußert sich Cecchinato nach den French Open?
Cecchinato durfte wieder spielen, die Vorwürfe aber blieben.
Der Vorsitzende des CONI-Sportgerichts, Franco Frattini, sah sich eine Woche später sogar genötigt, per Pressestatement zu deklarieren, dass man das Urteil nicht als Freispruch für Cecchinato ansehen könne - es habe schlicht ein Formfehler vorgelegen, weshalb das Verfahren eingestellt werden musste.
Cecchinato schweigt seither zu allen Vorwürfen, was den Wettbetrug angeht; er sagte lediglich über den angeblichen Tipp bei den French Open zu Seppi, dass dessen Gesundheitszustand der Öffentlichkeit bekannt war und er sich deshalb als nicht schuldig ansehe.
In Paris dieser Tage mit den Vorwürfen konfrontiert, wich er aus. "Jetzt will ich einfach diesen Moment genießen", sagte er Reportern auf Italienisch. "Ich will nur an die Gegenwart denken. Vielleicht können wir nach dem Turnier darüber reden, aber jetzt will ich diesen fantastischen Moment genießen. Und ich denke, dass ist auch richtig so."
Ein fader Beigeschmack bleibt jedoch.
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