Peng Shuai nach Missbrauchsvorwürfen in China gegen Ex-Vizepremier verschollen - WTA reagiert
Die Tennisspielerin Peng Shuai ist offenbar in China verschollen, nachdem sie eine Affäre mit dem Ex-Vizepremier des Landes bei "Weibo" öffentlich gemacht und dabei auch den Vorwurf der Vergewaltigung in mindestens einem Fall erhoben hatte. Seit 2. November gibt es keine Spur mehr von der 35 Jahre alten Peng. Nun reagierte die WTA und fordert China in einem Statement um Aufklärung.
Peng Shuai ist seit 2001 auf der WTA Tour aktiv
Fotocredit: Getty Images
Die Vorwürfe waren klar und unmissverständlich. Peng Shuai, 35, machte am 2. November auf dem in China so beliebten Microblogging-Dienst "Weibo" eine Affäre mit einem älteren Mann öffentlich. Das Problem: Bei dem Mann, Zhang Gaoli, handelt es sich um den ehemaligen Vizepremier (2013-2018) des Landes.
Peng erklärte in dem Post, vor sieben Jahren erstmals Sex mit dem ehemaligen Mitglied des Ständigen Ausschusses des Politbüros Chinas gehabt und danach Gefühle für Zhang entwickelt zu haben.
Vor drei Jahren jedoch soll sie Zhang nach einer Partie Tennis in seinem Haus in Peking zum Sex gezwungen haben. "Ich war an diesem Nachmittag so voller Angst, ich hätte mir nie vorstellen können, dass so etwas passieren könnte", schilderte die Tennisspielerin. Peng schrieb jedoch auch, dass sie keinerlei Beweise für ihre Anschuldigungen habe.
Die Ausführungen der Tennisspieler passen zur seit 2018 auch in China immer lauter werdenden #MeToo-Bewegung, in der bereits mehrere Fälle, unter anderem aus den Bereichen der Wirtschaft und Wissenschaft, ans Licht gebracht worden - jedoch waren bis dato noch keine Politiker betroffen.
Peng Shuai vermisst - Chris Evert und Co. in Sorge
Zhang ist zwar seit 2018 im Ruhestand und lebt mittlerweile zurückgezogen. Dennoch wurden Pengs Äußerungen auf "Weibo" rund eine halbe Stunde nachdem sie erhoben wurden, schon wieder gelöscht - und mit ihnen gleich alle Inhalte, die Peng jemals auf "Weibo" veröffentlicht hatte. Dass der Microblogging-Dienst in China von Staatsorganen gelesen und Inhalte immer wieder zensiert werden, ist bekannt.
Das Problem: Seit diesem Posting hat die Tennis-Welt nichts mehr von Peng gehört. Und ist deshalb in Sorge. "Diese Vorwürfe sind sehr verstörend", twitterte Tennis-Legende Chris Evert am Sonntag: "Ich kenne Peng, seit sie 14 ist; wir sollten alle besorgt sein; das ist ernst, wo ist sie? Ist sie in Sicherheit? Für jede Information wären wir dankbar."
Unter dem Hashtag #WhereIsPengShuai drückten unter anderem auch die Profi-Spielerin Alize Cornet ("Lasst uns nicht dazu schweigen") und der Profi Nicolas Mahut ("Wir sind alle besorgt") ihre Sorge aus. Liam Broady schrieb: "Ich kann nicht glauben, dass sowas im 21. Jahrhundert noch passiert."
Auch der Weltranglistenerste Novak Djokovic sei "schockiert", wie er bei den ATP Finals in Turin sagte: "Ich hoffe, dass sie okay ist. Es ist schrecklich. Ich kann mir kaum vorstellen, wie sich ihre Familie fühlen muss."
WTA-Boss äußert sich klar
Am Sonntag meldete sich dann auch die Damen-Tour WTA zu Wort. Deren Vorsitzender Steve Simon sagte den "New York Times", ihm sei von mehreren Stellen, "darunter der chinesische Tennis-Verband, versichert worden, dass sie in Sicherheit und keiner physischen Bedrohung ausgesetzt ist".
In einem Statement forderte die WTA dennoch eine "vollständige, faire und transparente" Untersuchung und "das Ende der Zensur" in Bezug auf Peng.
"Die jüngsten Ereignisse in China, die die WTA-Spielerin Peng Shuai betreffen, sind sehr besorgniserregend. Wir erwarten, dass diese Angelegenheit ordnungsgemäß behandelt wird", teilte Simon in einer Erklärung mit: "Peng Shuai und alle Frauen verdienen es, gehört und nicht zensiert zu werden. Ihre Anschuldigung über das Verhalten einer ehemaligen chinesischen Führungsfigur muss mit größter Ernsthaftigkeit behandelt werden."
Auch die ATP, die Männer-Tour, äußerte sich. "Wir sind zutiefst besorgt über den Verbleib von Peng Shuai", ließ der Vorsitzende Andrea Gaudenzi verlauten. Man werde die Lage weiter genauestens verfolgen. Die ATP stehe an der Seite der WTA und unterstütze den Ruf nach einer "umfassenden, fairen und transparenten Untersuchung der von Peng Shuai vorgebrachten Vorwürfe eines sexuellen Übergriffs."
WTA expandiert in China
WTA-Chef Simon lobte Peng für ihre "bemerkenswerte Courage und Kraft". Sie sei ein Beispiel für andere Frauen, gegen Ungerechtigkeit einzutreten. Die absolute Priorität der WTA sei es, für die Gesundheit und Sicherheit ihrer Spielerinnen einzutreten: "Wir sprechen das aus, damit Gerechtigkeit geübt werden kann."
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Peng Shuai war mal die Nummer eins der Doppel-Weltrangliste
Fotocredit: SID
Für die WTA ist ein Konfrontationskurs mit China durchaus heikel, hatte sich die Damen-Tour in der vergangenen Dekade doch stark Richtung Fernost orientiert und dort viele Gelder akquiriert. 2019 fanden neun WTA-Turniere in China statt, inklusive der Tour-Finals mit einem Gesamt-Preisgeld von 30,4 Millionen Dollar.
Die WTA erklärte zudem, dass die Finals von 2022 bis 2030 wieder in Shenzhen stattfinden sollen, so es denn die Coronalage zulässt.
Die Wahrheit gehört ans Licht
"Ich denke, jeder versteht, was hier auf vielen verschiedenen Ebenen auf dem Spiel steht", sagte Simon deshalb auch im Gespräch mit den "New York Times" am Sonntag. Dennoch gäbe es keine zwei Meinungen darüber, dass die Wahrheit ans Licht gehöre.
Peng ist die frühere Nummer 1 der Doppel-Weltrangliste und damit die erste Chinesin, die überhaupt jemals an der Spitze eines Tennis-Rankings stand.
Sie hat 23 Doppel-Titel gewonnen, darunter Wimbledon (2013) und die French Open (2014). Im Einzel stand sie 2014 bei den US Open im Halbfinale und wurde als höchstes auf Rang 14 geführt.
China hält sich bedeckt
Vonseiten des chinesischen Außenministeriums kamen am Montag keine Hinweise. Ein Sprecher gab an, von der angesprochenen Thematik "nichts gehört" zu haben. Er fügte hinzu, dass es sich um "keine diplomatische Frage" handelt und äußerte sich entsprechend nicht weiter.
Schon in der Vergangenheit hat China empfindlich auf Kritik aus dem Ausland reagiert. Im NBA-Konflikt 2019 stellten die staatlichen TV-Sender zeitweise die Übertragungen ein, weil sich Houston-Rockets-Manager Daryl Morey mit den protestierenden Menschen in Hongkong solidarisiert hatte. Auch ein Tweet von Mesut Özil, der sich für die muslimische Minderheit der Uiguren einsetzte, sorgte für schwere Verstimmungen und ein Verschwinden seines damaligen Arbeitgebers FC Arsenal aus dem Fernsehprogramm.
Nun wird auch der Fall Peng immer mehr zu einem Politikum und könnte die Wahrnehmung der Olympischen Winterspiele ab 4. Februar in Peking weiter beeinflussen. Schon zuvor kritisierten Experten immer wieder massiv die Vergabe an China mit Verweis auf die fragwürdige Menschenrechtssituation.
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(mit SID)
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