Ons Jabeur hat mit 26 Jahren auf der Tennis-Tour bereits einige Erfolge erzielt - vor allem, wenn man diese im Kontext ihrer Herkunft sieht.
2011 war sie die erste Nordafrikanerin, die einen Grand-Slam-Titel bei den Juniorinnen gewinnen konnte - ein Erfolg, der in Tunesien hohe Wellen schlug.
Bei den Australian Open 2020 gelang es Jabeur zudem als erste Araberin bei einem Grand-Slam-Turnier in die Runde der letzten Acht einzuziehen.
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Aktuell steht sie auf Rang 24 der Weltrangliste - so hoch wie noch keine Spielerin aus der Arabischen Welt zuvor.
In der Serie Players' Voice auf Eurosport.de erzählt Jabeur, dass es auf dem Weg nach oben wahrlich nicht auf die Trainingsbedingungen ankommt, sondern vor allem auf die innere Einstellung. Zudem möchte sie eine starke Message an Frauen und Mädchen in der Arabischen Welt schicken - nämlich: Traut euch, euren Träumen zu folgen.
Von Ons Jabeur
Liebe Tennis-Fans,
Mit dem Tennis habe ich schon mit drei Jahren angefangen. Meine Mutter war Mitglied in einem Tennisclub. Eines Tages hat sie mich mal mitgenommen – und der Rest ist Geschichte.
Mit etwa sechs Jahren habe ich auf Landesebene meine ersten Turniere gespielt. International trete ich an, seit ich zehn bin. Als ich groß geworden bin, gab es nur wenige Tennis-Profis in Tunesien, was bedeutet, dass es nicht wirklich vorgefertigte Schritte für mich gab, um nach oben zu kommen.
Mein Idol war Andy Roddick. Ich habe so viele Spiele von ihm angeschaut, wie ich nur konnte. Mir gefiel sein Spiel, vor allem aber sein Kampfgeist. Neben meiner Familie waren es definitiv seine Spiele, die mich dazu inspirierten, auch einmal Tennis-Profi werden zu wollen.

Ons Jabeur mit ihrer Mutter Samira

Fotocredit: Eurosport

Meine Mutter, die mir als erste einen Tennisschläger in die Hand gab, war natürlich auch eine große Inspiration für mich. Sie ist eine starke Frau, ich liebe ihren Charakter; sie war es, die mir den Glauben an mich gab und den Drive, meine Ziele wirklich ernsthaft zu verfolgen und immer größere Erfolge zu feiern.
Als ich 13 Jahre alt war, haben wir gemeinsam die Entscheidung getroffen, dass ich auf eine Sportschule wechsle, um dort fortan beides zu haben – Schulbildung und Tennis. Kurz darauf habe ich meine ersten Matches auf der ITF Junior-Tour gespielt und schon drei Jahre später die French Open gewonnen, was in Tunesien für viel Aufmerksamkeit gesorgt hat.

Ons Jabeur mit der Trophäe der French Open für die Siegerin bei den Juniorinnen 2011

Fotocredit: Getty Images

Zu sehen, wie viele Leute sich mit mir freuen, obwohl ich gerade mal bei den Junioren spielte, hat mir gezeigt, welche Wirkung ich durch mein Tennis haben kann. Das hat mir sehr viel Selbstvertrauen geben. Ich wollte mein Land umso stolzer machen.
Zehn Jahre ist das jetzt her und die Unterstützung, die ich fühle, ist von Jahr zu Jahr größer geworden - vor allem aber seit ich 2020 das Viertelfinale der Australian Open erreicht habe. Ja, es fühlt sich für mich fast so an, als hätte das Tennis in Tunesien den Fußball an der Spitze abgelöst!
Es wäre schön, wenn die ganze Aufmerksamkeit letztlich dazu führen würde, dass noch mehr Leute in meiner Heimat Tennis spielen
Mir werden jedenfalls Videos zugeschickt, in denen man die Leute in den frühen Morgenstunden in Cafés meine Spiele verfolgen sieht - und ich denke, dass das dazu geführt hat, dass generell das Sportinteresse gestiegen ist, nicht nur an mir und meinen Matches.
Mich haben auch schon einige sehr wichtige Persönlichkeiten angerufen; letztes Jahr zum Beispiel der tunesische Präsident - eine tolle Geste, die mir wirklich sehr viel bedeutet hat. Ich fühle mich wirklich sehr stark mit meiner Heimat verbunden, ich spüre die Liebe, die mir entgegengebracht wird, und ich hoffe, dass ich besonders in diesen Covid-Zeiten für ein bisschen bessere Stimmung bei den Menschen sorgen kann, wenn ich gewinne.

Jabeur-Fans verfolgen eins ihrer Matches um 3 Uhr morgens in Tunesien (Credit: Twitter/@Sarah_bh)

Fotocredit: Eurosport

Insgeheim hoffe ich sogar, dass ich damit zukünftig noch mehr bewirken kann; es wäre schön, wenn die ganze Aufmerksamkeit letztlich dazu führen würde, dass noch mehr Leute in meiner Heimat Tennis spielen - nicht nur als Hobby, sondern dass es noch mehr wie ich schaffen, Matches und Turniere auf der Tour zu gewinnen, in die Top 100 der Weltrangliste zu kommen und um Grand-Slam-Titel zu kämpfen.
In Tunesien haben wir Malek Jaziri (war die 42 der ATP-Weltrangliste, Anm. d. Red.) und Selima Sfar (war die 75 der WTA, Anm. d. Red.) in den letzten 20 Jahren Erfolge feiern sehen, aber ich würde liebend gerne zwei oder drei weitere Spielerinnen oder Spieler aus Nordafrika beziehungsweise der Arabischen Welt auf diesem Level spielen sehen.
Wenn es mir schon gelungen ist, all das zu erreichen, obwohl ich aus einem kleinen Land komme und von einem Kontinent, auf dem mein Sport historisch nur eine untergeordnete Rolle spielt, dann können andere doch bestimmt das gleiche schaffen
Es freut mich so sehr, dass Mayar Sherif (120 der Weltrangliste aus Ägypten, Anm. d. Red.) sich in letzter Zeit so gut schlägt. Ich kenne sie schon lange, wir standen uns früher öfter bei Afrikanischen und Arabischen Meisterschaften gegenüber. Auf der Tour sehe ich immer die Französinnen und Amerikanerinnen zusammen, und obwohl Mayar und ich nicht aus demselben Land kommen, verbindet uns doch einiges und ich bin froh, wenn ich sie in meiner Nähe habe und mit ihr Arabisch sprechen kann.
Ich hoffe inständig, dass wir die nächste Generation an Spielerinnen und Spielern mit unseren Leistungen dazu inspirieren können, es auch zu versuchen, indem wir ihnen zeigen, dass es absolut möglich ist, bei einem Grand-Slam-Turnier am Start zu sein.

Mayar Sherif jubelt über ihren Erstrundensieg bei den Australian Open 2021 - als erste Ägypterin überhaupt gewann sie ein Match bei einem Grand Slam

Fotocredit: Getty Images

Ich möchte Frauen und Mädchen gerne eine starke Message senden: Wenn es mir schon gelungen ist, all das zu erreichen, obwohl ich aus einem kleinen Land komme und von einem Kontinent, auf dem mein Sport historisch nur eine untergeordnete Rolle spielt, dann können andere doch bestimmt das gleiche schaffen.
Natürlich braucht es dazu entsprechende Trainingsmöglichkeiten, am besten so viele Sporthallen und Tennisplätze wie möglich - und ich weiß, dass wir davon noch ein ganzes Stück entfernt sind. Man kann das nicht mit Europa oder den USA vergleichen, aber wir können zumindest versuchen, das maximal Mögliche rauszuholen.
Andererseits kannst du die besten Bedingungen der Welt haben - am Ende sind doch dein Mindset und deine Arbeitseinstellung das wichtigste auf dem Weg nach oben.
Für 2021 habe ich mir zum Ziel gesetzt, die Top 15 oder sogar die Top 10 der Weltrangliste anzugreifen
Ich bin zu 100 Prozent ein tunesisches Produkt, sozusagen, ich habe mein ganzes Leben in Tunesien gewohnt und trainiert und ja, ich hatte vielleicht nicht die besten Trainingsbedingungen, aber ich habe sehr hart daran gearbeitet, in der Weltrangliste so weit nach oben wie möglich zu kommen. Für mich heißt das, dass man sich weniger über die Umstände beklagen und sich dafür mehr auf sich selbst konzentrieren sollte.
Es kommt wirklich nicht darauf an, wo du herkommst, sondern wie hart du arbeitest und wie sehr du daran glaubst, dass deine Träume irgendwann in Erfüllung gehen. Wirklich an sich selbst zu glauben, ist ein großer Schritt und ich bin überzeugt, dass wenn man das einmal geschafft hat, alles andere fast wie von alleine kommen wird.
Meine eigenen Träume spinnen sich derweil immer weiter. Tokio ist dieses Jahr ein großes Ziel von mir - ich zähle die Tage schon sehr lange rückwärts runter! Ich war bereits in London und Rio am Start, aber jetzt fühle ich mich auch bereit dazu, mein bestes Tennis zu zeigen und hoffentlich sehr weit zu kommen.
Die Olympischen Spiele sind ein Event wie kein zweites. Es geht nicht nur darum, wie sonst für dich selbst zu gewinnen, sondern für dein ganzes Land. Ich finde es außerdem besonders spannend, unter all den anderen Sportlern zu sein. Ich bin mit vielen tunesischen Athleten aus anderen Sportarten befreundet und ich freue mich schon sehr darauf, sie in Tokio zu sehen, ihre Routinen beobachten zu können und all die Details aufsaugen zu können, die sie zu großartigen Sportlern machen.
Für 2021 habe ich mir außerdem zum Ziel gesetzt, die Top 15 oder sogar die Top 10 der Weltrangliste anzugreifen; mein ultimativer Traum ist, die Nummer eins der Welt werden und Grand-Slam-Turniere zu gewinnen.
Ich habe bereits gegen die besten Spielerinnen der Welt harte Matches gespielt, was mich darin bestätigt hat, dass ich das Zeug dazu habe, mit ihnen mitzuhalten und meine Träume erreichen zu können. Ich weiß, dass ich noch nicht ganz oben angekommen bin und noch hart dafür arbeiten muss, um die letzte Zutat dafür zu finden. Aber ich glaube fest daran, dass es möglich ist und dass ich es eines Tages erreichen kann.
Eure Ons
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