US Open: Alexander Zverev holt gegen Ben Shelton zweiten Grand-Slam-Titel - das Narrativ hat sich um 180 Grad gedreht
Von Jannik Schneider
Update 14/09/2026 um 15:47 GMT+2 Uhr
Alexander Zverev hat bei den US Open seinen zweiten Grand-Slam-Titel gewonnen - obwohl er zu Turnierbeginn mehrfach vor dem Aus stand. Wie harte Trainingsarbeit, ein Schlüsselmoment mit seinem Team und die Schwächen der Konkurrenz die Wende brachten. Und warum der Triumph den Blick auf Zverevs Karriere verändert und ihn erstmals zur Nummer eins führen könnte. Die finalen Eindrücke aus New York.
Alexander Zverev mit der US-Open-Trophäe
Fotocredit: Getty Images
Rund 30 Minuten nach diesem aus deutscher Sicht sporthistorischen Finalsieg von Alexander Zverev standen ein Dutzend TV-Reporter seitlich des Centre Courts parallel zur Doppellinie aufgereiht. Die Schlange zog sich über die gesamte Platzlänge. Der Protagonist wirkte von TV-Auftritt zu TV-Auftritt mehr "groggy". Tiefe Augenringe, müde Augen.
Der Abfall der Anspannung mündete weniger in Freude als in einen Mix aus Erleichterung und Müdigkeit. Zu verdenken ist es dem deutschen Tennisstar nicht. Musste er in Paris noch gegen die Dämonen des fehlenden Grand-Slam-Titels ankämpfen, waren es am Sonntag rund 24.000 frenetische US-Amerikaner, viele ausgestattet mit "Honey Deuce", dem Wodka-Cocktail des Turniers, sowie ein aufopferungsvoll kämpfender Ben Shelton in dessen erstem Grand-Slam-Finale.
Während Zverev sich nach dem 6:3, 7:6 (7:2), 5:7, 6:2-Sieg durch die Interviewkette kämpfte, saß Vater Alexander senior mit Zverevs langjährigem Einspielpartner Michail Ledowskich auf der rechten Spielerbank. Das ruhige Duo unterhielt sich, genoss den Moment und nahm Glückwünsche an. Doch auch die beiden wirkten ermattet.
Verständlich nach mehr als zwei Wochen, in denen Zverev und sein Team ein großes Arbeitsethos an den Tag legen mussten, damit er seine Konkurrenzfähigkeit erreichte. Gemeinsam haben sie dafür gesorgt, dass sich Zverevs Karriere-Narrativ endgültig umgekehrt hat.
Die Knieverletzung Jannik Sinners, die späte Rückkehr von Carlos Alcaraz nach dessen Handgelenksverletzung und das frühe Aus von Kontrahenten wie Taylor Fritz und Lorenzo Musetti nutzte Zverev. Er wurde vom Unvollendeten, der trotz massiven Aufwands ohne großen Titel enden könnte, zum Dominator mit drei Grand-Slam-Finals nacheinander und nun zwei Titeln.
Zverev realisiert eigenen Triumph erst gar nicht
Am Sonntag wurde viel darüber geredet, dass Zverev, ganz im Tunnel, nicht sofort realisierte, dass er gewonnen hatte. Geschockt reckte er beide Arme in die Luft. Dann joggte er zum Netz. Dort wartete sein geschlagener Kontrahent. Als er verstand, machte er sich auf zu seinem Team, das ihn mit lauten Rufen hatte wachrütteln müssen. Zverev stellte sich einen Meter vor seine Familie und sein Team und fragte ungläubig "How?", also "Wie?". Darauf folgten innige Umarmungen.
/origin-imgresizer.eurosport.com/2026/09/13/image-279758e2-71be-412a-9266-845ae45c63d3.jpeg)
Alexander Zverev kriegt seinen US-Open-Sieg erst nicht mit
Fotocredit: Getty Images
Zverevs Frage an seine Vertrauten können Beobachter der Hardcourtsaison in Nordamerika und der ersten Runden in Flushing Meadows nachvollziehen. Noch vor anderthalb Wochen sprach wenig für Zverevs nächsten großen Erfolg. In Runde eins war er gegen den Italiener Lorenzo Sonego nur zwei Punkte vom Ausscheiden entfernt. In Runde zwei musste er erneut über fünf Sätze gehen, beschwerte sich lautstark über die Ballqualität und seine fehlende Form.
Neun Tage später reckte er in Abwesenheit des verletzten Jannik Sinner die Trophäe in den New Yorker Abendhimmel und ist dem Südtiroler im Kampf um den Spitzenplatz der Weltrangliste dicht auf den Fersen. Wie hat sich die Ausgangslage so rasch gewendet?
Zverev hadert in New York lange mit seinem Spiel
In der Nacht von Donnerstag auf Freitag vor einer Woche schlurfte Zverev den Gang vom Centre Court des Arthur-Ashe-Stadions in Richtung Spielerbereich. Wenige Minuten zuvor hatte er das Aus in Runde zwei gegen den Franzosen Quentin Halys im entscheidenden Satz knapp abgewendet. Es war das zweite Fünf-Satz-Spiel innerhalb von zwei Tagen.
Weil es spät war, beraumte die Spielervereinigung ATP keine Pressekonferenz mehr an. Zverev traf eine Handvoll Reporter in einer Ecke des Gangs. Auf Englisch sprach er von der "Winning ugly"-Mentalität, also der Qualität, trotz schwacher Leistung "dreckig zu gewinnen".
Den deutschen Reportern machte er wenig Hoffnung auf spielerische Besserung. Er habe hier in New York noch nie gut gespielt, die Bälle seien "schrecklich" und er müsse sich deutlich steigern, sonst sei er bald raus. Er müsse noch essen, ins Eisbad, zur Massage. "Vor 5:30 Uhr komme ich nicht ins Bett." Dann trottete er davon.
Später in der Nacht saß er bei einer dieser Tätigkeiten mit seinem Team zusammen und riss Witze darüber, wie schlecht er gespielt habe. Halys ist immerhin die Nummer 52 der Weltrangliste, nicht irgendein Spieler. Aber Zverev hatte aus seiner Perspektive als Nummer zwei der Welt und Nummer eins der Setzliste derart schlecht gespielt, dass er den Sieg als Glück empfand. "Dieser Moment mit meinem Team tat mir irgendwie gut. Am nächsten Tag war ich im Training viel entspannter", beschrieb er das später.
/origin-imgresizer.eurosport.com/2026/09/14/image-dd21b10f-c549-42da-aaf3-b72d7ba74458-85-2560-1440.jpeg)
"Unglaublich": Zverev feiert US-Open-Sieg und erklärt kuriose Finalszene
Quelle: SNTV
Shelton huldigt Trainingsweltmeister Zverev
Dieser Schlüsselmoment in Kombination mit vielen Trainingsstunden vor und während des Turniers brachte Zverev in eine konkurrenzfähige Situation. Ben Shelton bestätigte Zverevs Trainingseifer nach der Niederlage bei seiner Rede auf dem Platz: "Kaum einer trainiert so hart und investiert so viele Stunden wie du auf dem Trainingsplatz. Du bist der härteste Arbeiter auf der Tour."
Bei Siegerehrungen werden Komplimente ausgetauscht, doch Shelton trainierte oft parallel zu Zverev, der eine Art Platz-Hopping betrieb. Zwei lange Einheiten mit mindestens drei Stunden Training vor und während des Turniers waren das Minimum. Am Tag vor dem Endspiel trainierte Zverev fast zwei Stunden, 30 Minuten davon wiederholte er Aufschlagroutinen.
Auf Sheltons Aussage angesprochen, entgegnete Zverev: "Ich glaube, ich gehöre auf jeden Fall zu den härtesten Arbeitern dazu. Ich halte mich in keiner Weise für den Talentiertesten. Ich glaube nicht, dass ich ein von Gott gegebenes Talent habe, wie es bei manchen anderen der Fall ist." Sein Tennis beruhe größtenteils auf harter Arbeit, vielen Stunden auf dem Platz, im Fitnessstudio und auf der Laufbahn. "So spiele ich Tennis."
/origin-imgresizer.eurosport.com/2026/09/14/image-53a50e8c-6d3e-41b8-9638-40b8769c3f8f-85-2560-1440.jpeg)
Alexander Zverev mit der US-Open-Trophäe
Fotocredit: Getty Images
Bester Spieler der Welt? Zverev nimmt Stellung
Ein australischer Reporter fragte Zverev unverblümt, ob er sich als bester Spieler der Welt fühle. Zverev hatte mehr als ein Dutzend TV-Interviews gegeben und war fast drei Stunden nach Matchende zur Pressekonferenz gekommen. Er überlegte fast zehn Sekunden, starrte ins Mikrofon. Er wisse nicht, wie er darauf antworten solle.
"Angesichts der Tatsache, dass Jannik Sinner verletzt ist und Carlos Alcaraz nach vier Monaten Verletzungspause zurückkehrte - im jetzigen Moment: wahrscheinlich ja. Wenn beide gesund wären und in Topform spielten - vielleicht nicht", sagte Zverev.
Vor vier oder fünf Monaten, als beide gesund waren, sei das nicht der Fall gewesen. "Da habe ich ständig gegen Jannik verloren. Wenn also alle gesund sind, liegt Jannik meiner Meinung nach immer noch vorn. So einfach ist das."
/origin-imgresizer.eurosport.com/2026/09/14/image-947c2ec2-1518-4677-a08a-062436860f6e-85-2560-1440.jpeg)
Jannik Sinner spürt Alexander Zverev in der ATP-Weltrangliste zunehmend in seinem Nacken
Fotocredit: Getty Images
Erst Davis Cup, dann Jagd auf die Nummer eins?
Diese realistische Selbsteinschätzung ist ebenso Teil der Zverevschen Erfolgsformel wie die anderen Komponenten. Nun geht es auch um den Spitzenplatz der Weltrangliste. Noch liegt Zverev hinter Sinner. Im Liveranking, das nur die Zeit seit Januar berechnet, liegt er bereits vorne und hat angesichts Sinners Knieverletzung realistische Chancen auf die Nummer eins.
Unter normalen Umständen wäre nun eine Erholungsphase angesagt, um anschließend in Asien auf Punktejagd zu gehen. Eine Problematik: Zverev hat für den Davis Cup gegen Kroatien in Halle/Westfalen am kommenden Wochenende zugesagt. Über die Teilnahme wolle er am Montag entscheiden. Er sei dafür. "Alle im Team sind dagegen und sagen, ich solle mich ausruhen."
Als die Pressekonferenz zu Ende war, erinnerte der Pressesprecher der ATP Zverev daran, die Trophäe nicht zu vergessen. Es sei ein langer Tag gewesen. "Aber den Pokal würde ich niemals hierlassen", sagte er, lachte und verließ den Raum, um mit seinem Team zu feiern.
Das könnte Dich auch interessieren: Nach 99 Wochen: Rybakina löst Sabalenka als Nr. 1 ab
/origin-imgresizer.eurosport.com/2026/09/13/image-4b74435b-6f00-44c3-aded-ff6abc342063-85-2560-1440.jpeg)
US-Open-Triumph: Rybakina auf den Spuren von Williams
Quelle: Perform
Ähnliche Themen
Werbung
Werbung