Eurosport
Wo geht's zu den Stones?
Von
Publiziert 29/06/2008 um 18:59 GMT+2 Uhr
Eurosport
Fotocredit: Eurosport
Wimbledon - hier wären wir also angekommen, im Mekka des Tennissports, dem ultimativen "Place to be", wenn man nicht gerade deutscher Fußballfan ist. Aber da die Briten ja eher peripher an dieser EM beteiligt sind, widmen sie sich lieber leidenschaftlich jenem Sport, bei dem sie zwar auch seit Fred Perry 1936 auf einen nationalen Champion warten, diese Tatsache jedoch geflissentlich ignorieren. Wie im Fußball eben.
Doch eines muss man ihnen lassen, sie zelebrieren dieses einheimische Heiligtum wie wohl sonst keine Nation dieser Welt. Wer würde schon, mit Ausnahme von pubertierenden Tokio-Hotel-Fans, freiwillig nächtelang zelten und sich in kilometerlangen Schlangen die Beine in den Bauch stehen, um eines der wenigen Tagestickets zu ergattern? Wohl die Wenigsten, richtig. Gerade, wo es sich speziell der Deutsche generell ja auch lieber vor dem Fernseher bequem macht. Verständlich, denn gerne regnet es zu Wimbledon passend auch noch wie aus Kübeln und die gefühlten Temperaturen tendieren gen null. Dass dieses Jahr die löbliche Ausnahme ist, konnte zwar niemand ahnen, die Hartgesottenen wären aber trotzdem gekommen.
Zeltreihen und fettige Burger
Die gut einhundert Zelte der tapferen Camper wurden schön akribisch geordnet im Wimbledon Park direkt an der Church Road aufgestellt, hier darf keiner aus der Reihe tanzen. Dafür sorgen schon die dutzenden freiwilligen Helfer, die den Andrang der Massen koordinieren. Morgens schon vor sieben Uhr heißt es dann: aufstehen und aufreihen! Und wieder geht alles unaufgeregt und gesittet zu. Daran sollte sich so manch übermotivierte Hausfrau am Kaufhaus-Wühltisch mal ein Beispiel nehmen. Bier und fettige Burger gibt es natürlich auch schon zu dieser herrgottsfrühen Stunde. Jedem das seine. Auf der riesigen Rasenfläche ist kaum noch ein Fleckchen grün zu erkennen, es sieht aus, wie bei einem Open-Air-Festival und alle warten nur auf die Stones.
Zu denen hat Andy Roddick neuerdings auch ein spezielles Verhältnis. Zumindest zog er sie nach seiner bitteren Niederlage als Parabel seiner desolaten Gefühlslage heran: "Wenn du einmal die Rolling Stones in der ersten Reihe gesehen hast und dann plötzlich stehst du nur noch in der siebten oder achten Reihe und vor dir steht ein großer Kerl, der mit den Armen rudert und du nichts mehr sehen kannst, dann macht das eben keinen Spaß mehr." Armer Andy, wir können es ihm nachfühlen. Murphys Gesetz funktioniert schließlich auch in jedem schnöden Kino. Aber ist Roger Federer nicht eigentlich gar nicht so groß gewachsen?
Schlangen, Ballkinder und Labber-Sandwichs
Um Punkt halb elf - und auch wirklich keine Sekunde eher - werden dann die Pforten der altehrwürdigen Anlage geöffnet und wer früh genug "gequeued" hat, der bekommt erstmal einen schicken Aufkleber im "Ich war in der Schlange dabei"-Stil und dann ist man endlich am Ziel: Tennis, Tennis und noch mal Tennis. Das heißt, noch nicht ganz. Vor zwölf Uhr wird hier kein Schläger geschwungen, auch das ist ein unerschütterliches Gesetz. So sind die Briten eben. 15.000 Bälle werden in den zwei Wochen verbraucht, noch mal 24.000 dazu beim Training, die dann von insgesamt 250 Ballkindern immer wieder brav aufgesammelt werden. Gelagert werden die Bälle (nicht die Kinder) in luftdichten Containern bei 20 Grad Celsius, kommen also immer frisch auf den Tisch. Oder den Platz.
Bei der Warterei bleibt den ca. 445.000 Fans, die während der zwei Wochen die Anlage bevölkern werden, natürlich genug Zeit, sich den kulinarischen - nennen wir es mal Genüssen - zu widmen: 28.000 Kilo englische Erdbeeren werden sie verzehren, für 2,25 Pfund pro Schälchen. Also 2,85 Euro, ein Schnäppchen. Hinzu kommen natürlich die obligatorischen 30.000 Portionen Fish and Chips und die berüchtigten, eingeschweißten Sandwichs, von denen auch noch mal 190.000 Stück vertilgt werden. Das ist die Kategorie von weißem, labberigen Toastbrot, dass nach dem ersten Bissen für Stunden in den Zähnen kleben bleibt. Aber was soll's - wir spülen es doch ohnehin mit einer der 17.000 Flaschen Champagner wieder runter. Klar, Wimbledon ist schließlich nur einmal im Jahr und man gönnt sich ja sonst nichts...
Werbung
Werbung