Wimbledon: Jack Draper reif für das Erbe von Andy Murray? Englands Posterboy mit dem Hang zum Drama auf dem Court
Update 29/06/2025 um 19:01 GMT+2 Uhr
In Wimbledon sind die Augen auf Jannik Sinner und Titelverteidiger Carlos Alcaraz gerichtet. Hinter den beiden Superstars schielt mit Jack Draper ein Himmelsstürmer aus London auf die begehrte Trophäe. Der 23-Jährige legte in den vergangenen zwölf Monaten einen rasanten Aufstieg hin, bewies sich dabei auch gegen Sinner und Alcaraz. Ist er bereit für das Erbe von Volksheld Andy Murray?
Highlights: Draper unterliegt Lehecka - und drischt auf Bande ein
Quelle: Perform
Als Jack Draper im dritten Satz des Halbfinals im Londoner Queen's Club gegen Jiri Lehecka das Break zum 5:6 kassierte, musste sein Schläger dran glauben. Der 23-Jährige hämmerte ihn völlig frustriert auf eine Werbebande, die im Anschluss selbst nicht mehr ganz funktionstüchtig war.
Das Aus gegen Lehecka konnte Draper nachfolgend nicht mehr verhindern, der Traum vom Finale platzte nach 2:07 Stunden (6:4, 4:6, 5:7).
Auf dem Londoner Rasen erhält der englische Posterboy schon bald eine zweite Chance zum ganz großen Wurf. Zwischen 30. Juni und dem 13. Juli steigt an der Church Road das dritte Grand-Slam-Turnier des Jahres.
Als höchstgesetzter Brite in Wimbledon seit Andy Murray im Jahre 2017 tritt der Weltranglistenvierte dabei in große Fußstapfen.
Die Auslosung beschert ihm jedoch keinen leichten Weg. Zum Auftakt trifft Draper auf den Argentinier Sebastián Báez, die frühere Nummer 18 der Welt. Bereits in der dritten Runde könnte mit Alexander Bublik, dem derzeit formstarken Mann auf der ATP-Tour, eine echte Herausforderung warten.
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"Große Fußstapfen": Das sagt Draper über Vergleiche mit Murray
Quelle: Eurosport
Draper: Ein bisschen Drama muss sein
Wenn Draper über seinen Alltag auf dem Court spricht, wählt er gerne das sprachliche Bild des Drahtseilakts.
"Manchmal bewege ich mich einfach auf einem schmalen Grat", schilderte er nach seinem Aus gegen Lehecka. Dieser Umstand ist keineswegs negativ, vielmehr kitzelt er in einem Spiel auf Messers Schneide auch das letzte Quäntchen aus sich heraus.
"Ich mache mich fast absichtlich wütend, um mich selbst anzutreiben", beschrieb er seine Taktik in schwierigen Momenten. "Wenn man das tut, wenn man wirklich alles gibt, dann ist man weniger gelassen und bewegt sich eher auf einem schmalen Grat. Und wenn du dein Bestes gibst und es läuft trotzdem nicht, dann ist es leicht, dass etwas überkocht." Und genau das ist im Queen's Club passiert.
Draper, der Tennis-Rowdy - glücklich wäre er mit diesem Kosenamen wohl nicht. "Ich möchte mich eigentlich nicht so verhalten. Aber so bin ich nun mal als Wettkämpfer", meinte er und wollte es noch einmal unterstreichen. "Ich will mich wirklich nicht so benehmen."
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Die Werbebande funktionierte nach dem Ausraster von Jack Draper nicht mehr richtig
Fotocredit: Getty Images
Wilander: "Draper Wird diesen Druck zu seinem Vorteil nutzen"
Trotz aller Beteuerungen gilt es als nicht ausgeschlossen, dass sich Draper auch in Wimbledon in hitzigen Momenten von seinen Emotionen leiten lässt. Zumal der Druck kaum größer sein könnte.
"Für Draper werden soziale Medien und Zeitungen der größte Gegner sein. Das ist wirklich schlecht, weil ich glaube, dass das jeden in schlechte Stimmung versetzt", sagte Eurosport-Experte Mats Wilander, der jedoch ergänzte:
"Der Druck, mit dem Publikum im Rücken auf den Platz zu gehen - ich glaube, diesen Druck wird er annehmen und zu seinem Vorteil nutzen", so der siebenmalige Grand-Slam-Champion.
Wimbledon: Großer Druck für den Murray-Erben
Immerhin hängen an dem gebürtigen Londoner die Hoffnungen tausender Fans von der Insel, in Draper soll nach Murray der nächste Grand-Slam-Sieger aus Großbritannien heranwachsen.
Seine Entwicklung in den zurückliegenden zwölf Monaten spricht für diesen Traum - und legitimiert seinen Hang zum Drama.
Im Juni 2024 feierte er in Stuttgart seinen ersten Titel auf der ATP-Tour, vier Monate später folgte in Wien die nächste Trophäe. Zwischendrin erreichte er bei den US Open 2024 sensationell das Halbfinale. Im vergangenen März triumphierte er schließlich beim Masters in Indian Wells.
Durch den Erfolg knackte er erstmals in seiner Karriere die Top 10 der Weltrangliste, mit seinen Finaleinzug in Madrid und weitere starke Leistungen in Rom (Viertelfinale) sowie bei den French Open (Achtelfinale) ging es für Draper bis auf Platz vier.
Als vierter Brite der Open Era nach Murray, Greg Rusedski und Tim Henman steht der junge Hoffnungsträger in den Top 5 der Weltrangliste. Besser platziert war übrigens nur Murray, der das Ranking einst für insgesamt 41 Wochen angeführt hatte.
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Highlights: Wahnsinnsvolley am Netz - Draper dreht gegen Shelton auf
Quelle: Eurosport
Draper: Sinner und Courier schwärmen
Auf seinem Weg nach oben dürfte Draper auch von den regelmäßigen Trainingseinheiten mit seinem Kumpel Jannik Sinner profitiert haben. Mittlerweile wurden die gemeinsamen Sessions aus taktischen Gründen weniger, der Austausch zwischen den beiden findet nun vor allem abseits des Courts statt.
"Dieses Jahr ist er vielleicht der beständigste Spieler, den wir auf der Tour haben, weil er große Titel gewonnen hat und bei jedem Turnier weit gekommen ist", meinte Sinner auf einer Pressekonferenz bei den French Open.
Draper fühle sich auf allen Belägen wohl, seine Variabilität auf dem Platz sei erstaunlich. "Bei jedem Turnier, in jeder Situation weiß er, wie er zu spielen hat, er weiß, wie er damit umgehen muss", hob der Weltranglistenerste hervor. "Mental ist er momentan sehr gut dabei, ich freue mich sehr für ihn."
Starke Worte vom dreimaligen Grand-Slam-Sieger, dem ein weiterer klangvoller Name beipflichtet. "Draper war dieses Jahr so beeindruckend", schwärmte der viermalige Major-Sieger Jim Courier über den Linkshänder. "Seine Vorhand ist ein Monster."
Solide Ausbeute gegen Sinner und Alcaraz
Auf die großen Favoriten in Wimbledon kann Draper aufgrund seiner Position in der Weltrangliste frühestens im Halbfinale treffen.
Mit Sinner und Titelverteidiger Carlos Alcaraz bekam es der Brite in den vergangenen Jahren schon häufiger zu tun - und bestach vor allem auf Rasen.
Der direkte Vergleich mit Sinner fällt 1:1 aus. Draper warf den Italiener 2021 im Queen's Club in zwei Sätzen aus dem Turnier (7:6, 7:6), im Halbfinale der US Open 2024 war für ihn indes Endstation gegen den späteren Turniersieger (5:7, 6:7, 2:6).
Gegen Alcaraz fällt die Bilanz mit 2:4 hingegen negativ aus, das einzige Duell auf Rasen ging jedoch an Draper. Im Achtelfinale im Queen's Club 2024 stellte er Alcaraz, der nur wenige Wochen später Wimbledon in eindrucksvoller Manier gewann, mit 7:6 (7:3), 6:3 kalt.
Höhepunkte wie diese lassen den ein oder anderen englischen Fan vom Coup in Wimbledon träumen. Und mit einem gewissen Hang zum Drama könnte dieses Abenteuer ein ganz besonderes werden.
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