Wimbledon - Philipp Kohlschreiber exklusiv vor Klassiker: "Ohne Alexander Zverev wäre es eine sehr traurige Situation"
Philipp Kohlschreiber spricht exklusiv bei Eurosport.de über die Chancen, die der frischgebackene French-Open-Champion Alexander Zverev auf dem heiligen Rasen von Wimbledon hat. Die Perspektiven seien besser geworden für den Hamburger, den er inzwischen als "kreativer" auf dem Platz wahrnimmt. Schwierig sei es hingegen, die Rolle des siebenmaligen Turniersiegers Novak Djokovic einzuschätzen.
Finale: Zverev beendet deutsche Grand-Slam-Durststrecke - Highlights
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Fast auf den Tag vier Jahre ist es her, da bestritt Philip Kohlschreiber in der Qualifikation von Wimbledon sein letztes Match als Profi. Der Augsburger hat eine besondere Verbindung zum Rasenklassiker, bei dem er 2012 mit dem Einzug ins Viertelfinale sein bestes Grand-Slam-Ergebnis einfuhr. Ein Topresultat, das seitdem von keinem deutschen Mann mehr übertroffen wurde.
In dieser Saison, 14 Jahre später, rechnet Kohlschreiber fest damit, dass es dazu kommen wird. Mindestens. "Für mich ist Jannik Sinner der Topfavorit - aber direkt dahinter folgt Alexander Zverev", sagt der 42-Jährige im Gespräch mit Eurosport.de.
Da Carlos Alcaraz fehle, stünden Sinner und Zverev als Duo deutlich vor der Konkurrenz. Setzen sich die beiden Grand-Slam-Turniersieger dieses Jahres (Australian Open, French Open) ab 29. Juni im All England Club durch, treffen sie als Nummer eins und zwei der Setzliste im Endspiel aufeinander.
Der Optimismus im Hinblick auf Zverevs Chancen beim Rasenklassiker rühre aus dessen verändertem Spiel her, wie Kohlschreiber im Exklusiv-Interview erläutert.
Alexander Zverev hat sich in Paris den Traum vom Grand-Slam-Titel erfüllt. Sie kennen ihn. Überwog danach die Freude oder die Erleichterung?
Philipp Kohlschreiber: Druck ist natürlich ein Thema. Keine Frage, da ist sehr viel von ihm abgefallen. Er hat diesen Fluch abgelegt, als bester Spieler zu gelten, der keinen Grand-Slam-Titel gewonnen hat. Man könnte sagen, er hat diese Bürde wieder an Marcelo Rios zurückgegeben. Der Chilene war die Nummer eins. Ein sensationeller Spieler, der aber nie ein Major für sich entscheiden konnte. Zverev wiederum hatte seit Jahren klar kommuniziert, dass ein Grand Slam sein großer Traum ist. Das wollte er unbedingt erreichen, nun ist es passiert. Da fallen eine große Last und enormer Druck von ihm ab. Ob daraus jetzt eine neue Lockerheit entsteht, muss man sehen.
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Zverev exklusiv: "Es lag unfassbar viel Stress und Druck auf mir"
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Besteht die Gefahr, dass der Titel zur Belastung wird? Dominic Thiem und Juan Martín del Potro haben nach ihren Grand-Slam-Erfolgen berichtet, dass es ihnen sehr schwerfiel, gut damit umzugehen.
Kohlschreiber: Nein, das kann ich mir nicht vorstellen. Zverev ist ein ganz anderer Typ. Er hat nach Paris zwar Stuttgart ausgelassen, aber dann in Halle aufgeschlagen und seine Sache gut gemacht. Ich habe ihn erst am vergangenen Wochenende in Kitzbühel getroffen und wieder gemerkt: Er liebt es einfach, Tennisspieler zu sein. Dazu hat er das Glück, dass ihn die ganze Familie unterstützt und bei ihm ist. Der Faktor Heimweh fällt da nicht so ins Gewicht wie bei anderen Profis. Zverev ist ein hochmotivierter Spieler, der unglaublich viel Lust und Laune versprüht, weiterzumachen. Daher sehe ich da keine Gefahr.
Zverev ist kreativer geworden, bringt vermehrt Stopps, streut mal Serve-and-volley ein. Das könnte ihm in Wimbledon - mit einer möglicherweise neuen Lockerheit - guttun.
Mit Wimbledon steht schon das nächste Grand-Slam-Highlight an. Allerdings gilt Zverev auf Rasen als nicht so stark, sein Spiel passe nicht zu den Bedingungen. Stimmt das überhaupt?
Kohlschreiber: Wenn man die Statistik bemüht, steht für Sascha in Wimbledon bislang "nur" das Achtelfinale als Topergebnis zu Buche Auf den ersten Blick kommt der Rasen im All England Club seinem Spiel nicht entgegen, aber vielleicht erleben wir Alexander Zverev 2.0. Denn: Er hat sich etwas gelöst von dem Habitus, dass er einer ist, der den Ball nur reinspielt und von weit hinter der Linie agiert. Er ist kreativer geworden, bringt vermehrt Stopps, streut mal Serve-and-volley ein. Das könnte ihm in Wimbledon - mit einer möglicherweise neuen Lockerheit - guttun und dazu führen, dass er mehr reißen kann.
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Philipp Kohlschreiber (l.) und Alexander Zverev (r.) bei den US Open 2018
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Klingt vorsichtig. Wie schätzen Sie die Kräfteverhältnisse beim Rasenklassiker ein?
Kohlschreiber: Hinter Titelverteidiger Jannik Sinner ist Alexander Zverev für mich der Topfavorit, zumal Carlos Alcaraz nicht am Start ist. Sicher, es gibt ein paar Kandidaten, die auf Rasen stärker einzuschätzen sind als auf Sand. Ich denke da an Taylor Fritz. Die Konkurrenz scheint näher beisammen zu sein in Wimbledon. Trotzdem sehe ich Sinner als denjenigen, den es zu schlagen gilt. Dahinter kommt Zverev, der aus meiner Sicht derzeit einen großen Abstand zu den übrigen Rivalen hat.
Novak ist kein Topfavorit mehr, aber Dark Horse wäre zu tief gegriffen. Mit seiner Erfahrung und dem, was er Unglaubliches zu leisten imstande ist, darf er auf keinen Fall unterschätzt werden.
Der Name Novak Djokovic fiel jetzt gar nicht.
Kohlschreiber: Stimmt, aber das ist eine große und spannende Personalie. Ich fand Novak in Paris spielerisch sehr gut vor dem Hintergrund, dass er davor so wenig gespielt hat. Ich denke, dass er sich in die bestmögliche mentale und spielerische Verfassung für Wimbledon gebracht hat, wo er sich selbst die größten Chancen ausrechnet. Ganz einfach deshalb, weil die Bedingungen hervorragend zu seinem Spiel passen. Die Bälle auf dem Rasen in London bleiben flach, rutschen durch. Novak returniert am besten und die Matches sind nicht ganz so intensiv. Wenn es heiß werden sollte, strahlt der Belag dort die Hitze auch nicht so ab wie in Paris. Dazu geht meist ein Lüftchen in Wimbledon und wir haben selten die Situation, dass es zwei Wochen lang 30 Grad Celsius gibt.
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Novak Djokovic gewann bereits siebenmal den Rasenklassiker von Wimbledon
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Bedeutet für Djokovic?
Kohlschreiber: Er gehört zu den Kandidaten für den Titel. Novak ist kein Topfavorit mehr, aber Dark Horse wäre zu tief gegriffen. Mit seiner Erfahrung und dem, was er Unglaubliches zu leisten imstande ist, darf er auf keinen Fall unterschätzt werden.
Schauen wir noch einmal nach Deutschland. Welche Wirkung hat Zverevs French-Open-Titel, darf man sogar auf einen Boom hoffen?
Kohlschreiber: Das müssen wir beobachten. Ein echter Boom entsteht meiner Meinung nach meist dann, wenn ein jüngerer Spieler plötzlich einen Grand-Slam-Titel gewinnt. So, wie es bei Sinner der Fall war. Sponsoren springen sofort auf, er wird zum Gesicht des gesamten italienischen Sports. Zverev ist aber 29 Jahre alt und schon so lange erfolgreich. Er hatte nahezu alles gewonnen, jeden geschlagen. Nur der Grand-Slam-Titel fehlte. Daher glaube ich nicht, dass er einen Boom auslösen kann, wohl aber ist er das Aushängeschild des deutschen Tennis'. Ohne ihn wäre es eine sehr traurige Situation, wir würden ganz anders über diesen Sport berichten. So haben wir das Glück, dass wir verfolgen dürfen, wie er bei den Major-Wettbewerben oft bis zum Ende dabei ist. Er verzaubert die Fans, weil er eine gute Einstellung auf dem Platz hat.
Maria geht sehr unorthodox zu Werke, ist kompliziert zu spielen und mit ihren Slicebällen auf diesem Belag immer brandgefährlich.
Zverev gibt aus deutscher Sicht meist den Alleinunterhalter. Welche anderen Profis aus dem DTB-Lager sollte man in Wimbledon trotzdem im Auge behalten?
Kohlschreiber: Da fällt mir aktuell vor allem Daniel Altmaier ein, der mich in Halle beeindruckt hat. Rasen und Daniel, das war nicht immer die dicke Beziehung. Aber jetzt hat er mit Dustin Brown einen Rasen-Experten für die kurze Zeit verpflichtet. In Halle hat das bereits gut funktioniert, da hat er unter anderem Daniil Medvedev geschlagen. Gut möglich, dass er in Wimbledon den ein oder anderen Gegner rausnimmt. Bei den Frauen verfügen wir auf Rasen über eine außergewöhnliche Spielerin.
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Tatjana Maria 2025 in Wimbledon
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Sie sprechen von Tatjana Maria?
Kohlschreiber: Ja, Maria geht sehr unorthodox zu Werke, ist kompliziert zu spielen und mit ihren Slicebällen auf diesem Belag immer brandgefährlich. Dann ist da Laura Siegemund, die eine unglaubliche Kämpferin ist. Eva Lys hatte in der Saison 2025 ihren Durchbruch, nur steigen damit die Erwartungen. Wenn es dann nicht so läuft, du keine Siege aneinanderreihen kannst, musst du lernen, damit umzugehen. Das macht sie auch und ich wünsche ihr sehr, dass sie wieder einen Schritt nach vorne gehen kann.
Man ist zusammen in einem Sport beteiligt - und es kann nicht sein, dass die großen Turniere dann den großen Reibach machen.
Zuletzt gab es harsche Kritik vonseiten der Profis, was die prozentuale Beteiligung am Gesamtumsatz der vier Major-Turniere betrifft. Die betrage nur knapp 15 Prozent, gefordert werden um die 20 Prozent. Wie stehen Sie zu dem Thema
Kohlschreiber: Wenn man das Preisgeld für sich nimmt, stellt man fest, dass es gestiegen ist. Da sage ich als Ex-Profi: 'Wow, das hätte ich damals auch gerne bekommen.' Da hat sich etwas in die richtige Richtung bewegt - auch, weil meine Generation, unter anderem mit einem angedrohten Streik, das Thema ins Rollen gebracht. Hinsichtlich des Anteils am Umsatz, den die Grand-Slam-Turniere an die Aktiven auszahlen, geht es um Fairness. Man ist zusammen in einem Sport beteiligt - und es kann nicht sein, dass die großen Turniere dann den großen Reibach machen. Oder dass die Gelder, wie in Wimbledon, für Dinge wie monströse Trainingsstätten ausgeben werden. Da gibt es ja nicht 1000 Aktive, sodass man sagen könnte: Ok, das ist gerechtfertigt. Es geht doch vielmehr darum, dass man zusammen etwas schafft - und dann kann man diejenigen, die die Show machen, schon mit 20 Prozent beteiligen.
Zugegeben, schwere Frage, aber wie hoch muss man in der Weltrangliste stehen, um als Tennisprofi von seinem Beruf leben zu können?
Kohlschreiber: Die Top 20 oder 30 könnten natürlich in der Umsatzdebatte sagen: Das interessiert uns nicht. Wir kommen regelmäßig ins Viertelfinale bei den Major-Events. Da gibt es zwischen 500.000 und 700.000 US-Dollar an Preisgeld. Aber es geht um Respekt und ein faires Miteinander. Aktuell würde ich annehmen, dass man vom Tennis leben kann, wenn man es viermal im Jahr in ein Grand-Slam-Hauptfeld schafft.
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Der Weg zum Titel: Zverevs Top-Schläge in Roland-Garros
Quelle: Eurosport
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