In ihrer zweiten Karriere ist die schwäbische Psychologin ihrer Zeit voraus. "Was ich jetzt 2016 schon erreicht habe, war eigentlich mein Endjahresziel", erzählte sie. Und fast scheint es, als hole Spätzünderin Siegemund gerade alles das im Schnelldurchgang nach, was ihr als hochgepriesenes Talent verwehrt geblieben war.

Auch auf der Anlage La Caja Mágica in Spaniens Hauptstadt sorgt die extrovertierte Frau mit den blonden Locken derzeit für Furore. Im Achtelfinale der mit rund 4,8 Millionen dotierten Sandplatz-Veranstaltung, in dem sie am Mittwochabend auf Sorana Cirstea (Rumänien) traf, war die Nummer 44 der Welt die letzte verbliebene deutsche Spielerin. Auf dem Weg dorthin hatte Siegemund unter anderem die zweimalige Major-Siegerin Swetlana Kusnezowa (Russland) bezwungen.

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Siegemund: "Da wollte ich immer hin"

Wie in Stuttgart hatte sie sich durch die Qualifikation ins Hauptfeld gekämpft. Und wie in Stuttgart schaltete Siegemund - ganz Psychologin eben - auch in Madrid wohl manchmal in die Vogelperspektive um. Das helfe, "dann sehe ich mich auf dem Court und denke: Da wollte ich immer hin", verriet die Powerspielerin mit dem feinen Händchen eine ihrer Erfolgsstrategien. Ihre Bachelor-Arbeit schrieb sie im vergangenen Jahr übrigens zum Thema "Versagen unter Druck". Die Note: 1,3.

Überhaupt ist Siegemund eine Frau, die viel zu erzählen hat. Über interessante Blickwinkel zum Beispiel. "Wenn man mit Beduinen in der Wüste übernachtet hat, und dann holt man sich bei den Turnieren im VIP-Raum seine Lachsschnittchen - da hat man dann eine ganz andere Perspektive", sagte Siegemund, die Teile ihrer Kindheit in Saudi-Arabien und Indonesien verbrachte.

Vater Harro arbeitete damals an Entwicklungsprojekten mit, die kleine Laura ging deshalb in den englischen Kindergarten - und lernte fürs Leben. "Das alles", meinte Siegemund voller Dankbarkeit, "waren natürlich prägende Erfahrungen."

"Habe mich zu viel unter Druck gesetzt"

Die Hochbegabte hat über Umwege jetzt auch auf dem Court ihr spätes Glück gefunden, nachdem sie ihre Karriere zwischendurch aus Frust schon beendet hatte. Im Teenageralter war Siegemund bereits als neue Steffi Graf gefeiert worden. Doch sie zerbrach an den Erwartungen.

Über die damaligen Erfahrungen spricht sie ernst, aber keineswegs verbittert. "Ich war talentiert, aber habe mich früher zu sehr unter Druck gesetzt. Ich war irgendwie blockiert, weil ich die Siege zu arg wollte", berichtete Siegemund. Längst weiß sie, dass nicht nur harte Arbeit entscheidend ist: "Ein Champion ist einer, der alles hat. Es gehört so vieles dazu: Das Mentale, die Ernährung."

Das alles stimmt jetzt bei der deutschen Nummer vier, die mittlerweile auch die ehemalige Wimbledon-Finalistin Sabine Lisicki überflügelt hat - und von Olympia 2016 träumen darf. "Rio ist ein großer Traum", sagte sie. Ein Start am Zuckerhut könnte die märchenhafte Saison von Laura Siegemund krönen.

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