Tony Martin im Exklusiv-Interview über Tour de France, Olympia, sein Katusha-Team und Vaterfreuden

Tony Martin im Exklusiv-Interview über Tour de France, Olympia, Schmerzen bei Paris-Roubaix, sein Katusha-Team und Vaterfreuden, die einen Radprofi verändern. Der vierfache Zeitfahr-Weltmeister zieht im ausführlichen Gespräch auch eine kritische Bilanz seines Klassiker-Frühjahrs, spricht über den Aufschwung des Radsports in Deutschland und verrät, welches seine drei schönsten Erfolge waren.

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Das Interview führte Thomas Janz
Wie zufrieden sind Sie mit Ihrer Frühjahrs-Bilanz, von Highlights bis Tiefschlägen war alles dabei…
Tony Martin: Es war ein sehr ein sehr durchwachsenes Frühjahr. Es hat mit einem sehr frühen Saisonsieg begonnen, aber dann folgten Rückschläge mit Defekte und Stürzen. Die Rennen sind nicht so verlaufen, wie ich mir das vorgestellt hatte - die ganz großen Ergebnisse sind ausgeblieben. Insofern kann ich mit der Bilanz nicht zufrieden sein.
Die Form war aber Größtenteils sehr gut und das gibt mir Zuversicht mit Blick auf den Tour-Start mit dem Zeitfahren in Düsseldorf gibt.
Wie sieht der Fahrplan bis zur Tour de France aus?
Martin: Nach Frankfurt folgt dann die Belgien-Rundfahrt Ende Mai und Mitte Juni die Dauphiné in Frankreich [beides live im Eurosport Player]. Kurz vor dem Tour-Start stehen dann noch die deutschen Meisterschaften auf dem Programm.
Können Sie sich vorstellen, bei der Tour noch einmal einen Angriff auf die Gesamtwertung zu starten?
Martin: Nein, das ist vorbei. Das war vor Jahren mal ein Ziel, als ich auch längere Zeit das Weiße Trikot des besten Nachwuchsfahrers getragen hatte. Da kamen schon Hoffnungen auf, die Gesamtwertung ins Visier zu nehmen. Doch nach einigen Rückschlägen und Enttäuschungen musste ich dieses Ziel aber verwerfen. Das ist realistisch nicht möglich.
In Düsseldorf sind alle Augen auf Sie gerichtet, wie gehen Sie mit diesem Druck um?
Martin: So wie mit jedem Druck - ich versuche, ihn in etwas Positives umzumünzen. Den öffentlichen, medialen Druck lasse ich gar nicht an mich ran. Ich bin auch niemand, der endlos Meldungen und Zeitungsberichte liest. Ich weiß, was ich will und von mir selbst erwarte - das ist meine Messlatte. Wenn ich am Ende sagen kann, dass ich alles herausgeholt habe, es aber nur zu Platz zwei oder drei gereicht hat - dann kann ich das akzeptieren, wenn mich meine Leistung zufriedengestellt hat.
Ich kann allen Fans garantieren, dass ich mich bestmöglich vorbereiten werde, dass ich 110 Prozent geben werde! Gelb ist das Ziel - in Utrecht vor zwei Jahren war ich Zweiter im Auftakt-Zeitfahren, das lief etwas unglücklich - hier sollte mir die Strecke etwas mehr entgegenkommen und ich werde mich noch etwas besser vorbereiten. Ich gebe mir beste Chancen, das Ziel ist realistisch - aber auf 13 Kilometern kann viel passieren.
Bei Paris-Roubaix hat Sie ein Defekt um ein besseres Ergebnis gebracht. Was sind aber allgemein die Lehren aus diesem Rennen?
Martin: Es war erst mein zweites Roubaix und ich habe feststellen müssen, dass man sich darauf anders vorbereiten muss als etwa auf die Flandern-Rundfahrt. Ich denke, da ist ein Training wie für ein Zeitfahren von Vorteil, während man für die Ronde im Training eher kurze, harte, schnelle Belastungen braucht. Das war eine Erfahrung. Ich werde mich nächstes Jahr noch konsequenter auf Roubaix vorbereiten und Flandern etwas mehr außer Acht lassen werde.
Wie können Sie die besonderen Schmerzen beschreiben, die das Kopfsteinpflaster verursacht?
Martin: Es ist wirklich extrem. Man hat vor allem Schmerzen in den Fingern - so, wie ich mir Gicht vorstelle. Alles ist entzündet und angeschwollen. Die Arme tun sehr weh, wesentlich intensiver als der Schmerz in den Beinen. Ich spüre jetzt, Wochen nach dem Rennen, noch immer meine Finger von Roubaix, wenn auch nicht mehr so stark. Eine solche Extrembelastung sollte man nicht allzu oft im Jahr machen.
Sie sind im Januar Vater geworden: Wie sehr hat das Ihr Leben, auch als Rad-Profi, verändert?
Martin: Die Geburt unserer Mia hat viel relativiert. Vor der Geburt meiner Tochter war ich jemand, der sehr ausschließlich auf den Sport fokussiert war, ohne Rücksicht auf Verluste. Jetzt bin ich entspannter geworden, es gibt etwas im meinen Leben, das wichtiger ist als der Sport. Wenn meine Tochter mich braucht, und sei es für eine kleine Kuscheleinheit vor dem Training, dann wird eben das Training verschoben. Früher war mir pünktliche Abfahrt extrem wichtig, inzwischen habe ich gemerkt, dass es mit gut tut, dass ich da entspannter geworden bin.
Ich habe auch festgestellt, dass mal ein Tag Pause mehr durchaus sinnvoll sein kann. Oft will man da zu viel und dieser Schuss kann nach hinten losgehen. Mir hat es geholfen, relaxter zu werden und ausgeruhter in die Wettkämpfe zu gehen.
Was sind die größten Unterschiede zwischen Ihrem neuen Katusha-Team und den Rennställen, in denen Sie bisher gefahren sind?
Martin: Der größte Unterschied ist die enge Zusammenarbeit mit den einzelnen Partnern bei Katusha. Sei es mit Canyon als Radhersteller oder mit Katusha bei der Bekleidung. Ich bin mehr in die Entwicklungsprozesse eingebunden. Bei den früheren Teams hieß es eher "Friss oder stirb!", was gar nicht negativ gemeint ist, denn ich war immer optimal versorgt. Aber es ist schön, jetzt involviert zu sein und Einfluss nehmen zu können.
Ansonsten bin ich von allen Seiten positiv aufgenommen worden, fühle mich sehr wohl und nach jetzt fünf Monaten habe ich eher den Eindruck, schon fünf Jahre dabei zu sein. Das war aber bei Etixx und Highroad genauso. Ich bin aber sehr froh über meinen Schritt, er bedeutet neue Motivation, neue Ziele, aber es ist nicht wesentlich anders als bei den früheren Mannschaften.
Wie sehen Sie die Entwicklung von Nils Politt, Ihrem deutschen Teamkollegen: Können Sie sich vorstellen, dass er mit im Tour-Aufgebot steht?
Martin: Nils ist ein toller Teamkollege und en sehr großes Talent, gerade mit Blick auf Zeitfahren und Klassiker. Er ist ein sehr intelligenter Fahrer, kein Fachidiot: Es macht Spaß, mit ihm auf einem Zimmer zu sein und über andere Dinge als den Radsport zu reden. Die Auswahl für die Tour wird ja erst noch getroffen, aber ich sehe ihn im Aufgebot. Er hätte das auf jeden Fall verdient, gerade nach dem starken Frühjahr, das er gezeigt hat.
Wie sehen Sie die Diskussion um den Einsatz von Scheibenbremsen statt Felgenbremsen in Rennen?
Martin: Ganz schwieriges Thema. Beide haben ihre Vor- und Nachteile. Aktuell würde ich bei einem Großteil der Rennen zur Felgenbremse tendieren, bei Nässe hat die Scheibenbremse Vorteile. Es ist wirklich eine Anwendungsfrage.
Man hat den Eindruck, dass der Radsport in Deutschland wieder salonfähig ist…
Martin: …Ja, definitiv! Der Tour-Start in Düsseldorf ist da das beste Beispiel. Als ich 2008 Profi geworden bin, wäre das undenkbar gewesen. Da wurden wir beim Start von Rennen in Deutschland mit Plakaten wie "Scheiß Doper" o.ä. empfangen. Seitdem ist viel passiert, jedes Jahr haben wir uns ein Stück erholt und Vertrauen bei den Fans, der breiten Öffentlichkeit und den Medien zurückgewonnen. Der Grand Départ ist die Krönung dessen, aber ich glaube, dass da noch mehr geht: Da können Rennen, die verschwunden sind, wiederbelebt werden - die Rückkehr der Deutschland-Tour ist da ein Anfang. Ich bin inzwischen wieder stolz, mich in der Öffentlichkeit in Deutschland als Radsportler präsentieren zu können.
Von Ihren vielen Siegen, Medaillen, Erfolgen, Trikots: Welche drei Highlights ragen für Sie aus Ihrer Karriere besonders heraus?
Martin: Da kann ich auf Anhieb tatsächlich drei nennen: Das ist der erste WM-Titel im Zeitfahren in Kopenhagen 2011, das war ganz groß für mich. Dann die Eroberung des Gelben Trikots bei der Tour de France 2015 - eine ganz große Ehre für mich, gerade auch wie das gelungen ist. Und schließlich die Silbermedaillen bei Olympia in London 2012, das war ein tolles Erlebnis: Das ganze Spektakel Olympia zu erleben und auch auf dem Podium zu stehen - das war grandios. Die Ehre, dort dabei gewesen zu sein, war ganz speziell. Eine Tour de France ist für mich inzwischen Alltag, Olympia aber, völlig losgelöst von einer Platzierung, ein absolutes Highlight. Deshalb ist auch Tokio 2020 ein großes Thema für mich.
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