Tour de France 2016: Langeweile? Falscher Vorwurf an Chris Froome!
Chris Froome steht in Paris ein drittes Mal als Sieger auf dem Podest der Tour de France. Wie immer gibt es Vorwürfe - doch die sehen anders aus als sonst. Bisher wurde sich an der Sauberkeitsfrage abgearbeitet, der Brite hatte es mit direkten und indirekten Doping-Vorwürfen zu tun. Diesmal ist die Anschuldigung eine andere: Langeweile! Und das scheint für einen Teil der Tour-Fans fast schlimmer.
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Chris Froome kann es den Leuten einfach nicht recht machen.
Fad und vorhersehbar sei die Tour gewesen - und er ist mit seinem Sky-Team schuld daran.
Das ist die oft gehörte & gelesene Meinung vieler Fans zur Tour de France 2016. Der Vorwurf ist nicht ganz verkehrt, aber er trifft den falschen Mann. Und er verdeckt einen ganz anderen Aspekt, der viel bedeutender ist.
Showelemente in Serie
Wenn ich Froome wäre, ich würde ratlos den Kopf schütteln. Denn seine Tour war alles, aber nicht langweilig. Im Gegenteil. Statt beängstigender Attacken am Berg hat er diesmal für ganz andere SchockStaunSchreck-Momente gesorgt:
Schon vergessen? vom Col de Peyresourde, die alle kalt erwischte. Der gegen den aufdringlichen Fan. Die im Finale nach Montpellier. Der der letzten Bergankunft, den er dann wiederum auf einem "Leih-Rad" meisterte. Vom dort ganz zu schweigen.
Wo aber bei fast jedem anderen Fahrer schon ein Hälfte dieser Auftritte zu Legendenstatus geführt hätten (Ullrich & die Leitplanke, Armstrong & die Querfeldein-Fahrt...), bleibt bei Froome das gefühlte Urteil: Kein Charisma, kaum Klasse.
Wenn aber ein Peter Sagan seinen Teil der Tour dominiert und dabei den Kampf ums Grüne Trikot zum einseitigsten "Duell" seit König Artus gegen den schwarzen Ritter bei Monty Python macht, ist das scheinbar für niemand ein Problem.
Geliebte und gerügte Dominatoren
Ich habe den Eindruck, dass beim Vorwurf der Langeweile oft eine Sympathiefrage der Hintergrund ist. Ja, auch wenn die Tour rückblickend gesehen früh entscheiden war: Wer ist dann der Schuldige? Der Sieger, der einfach sein Ding durchgezogen hat? Der Veranstalter, dessen Strecke ihn vielleicht bevorzugte? Oder die Konkurrenz, die keine echte Herausforderung war?
Dass Sportevents nicht immer durchweg hochklassig sind, hat uns die Fußball-EM erst gelehrt. Wer in jedem Spiel auf die nächste 7:1-Gala hofft, wird noch sehr oft enttäuscht werden. Und Überlegenheit (der richtigen Seite) stört regelmäßig einen Großteil der Fans gar nicht: Die Anhänger von Bayern München beschweren sich nur sehr leise über Meisterschaften, die um Ostern herum schon perfekt sind. Die Fans von Jan Ullrich haben kaum je geklagt, wie arg einseitig das Rennen 1997 doch gewesen sei.
In Frankreich hielt man die Tour 2016 natürlich auch früh für entscheiden, doch der Kampf ums Podium, die Top Ten und Etappensiege wurde als halbwegs gleichwertiger Ersatz akzeptiert - merci Romain Bardet.
Es bleibt anzuerkennen, dass Froome sich in seinen Schwachpunkten enorm verbessert hat. Schon im Vorjahr bewies er, dass er Kopfsteinpflaster und Küstenwind meistert. Jetzt greift er in der Abfahrt an und wird selbst auf der Windkante aktiv. Gleichzeitig bleibt er am Berg wie im Zeitfahren absolute Extraklasse - also eigentlich der oft geforderte komplette Fahrer, der auf jedem Terrain und mit allen Bedingungen klarkommt. Nur die damit verbundene Anerkennung wird ihm vielfach verweigert.
Spektakel um jeden Preis?
Immer wieder wurde auf den Bergetappen das Fehlen von Alberto Contador und seinem offensiven Fahrstil beklagt. Und es stimmt ja - nur an zwei der 28 schweren Anstiege, so die Statistiker der Tour 2016, kam es zu echten Attacken. Gänsehaut geht anders, keine Frage.
Aber wer "A" wie Angriff sagt, muss vielleicht auch "B" wie "Blut" sagen. Ich habe die Tour 2007 und 2008 vor Ort erlebt, wo sich Contador und Michael Rasmussen tänzelnde Duelle im Anstieg lieferten, wo ein schwer gestürzter Alexander Winokurow plötzlich Etappen gewann oder ein Riccardo Ricco den Langweilern wie Carlos Sastre oder Cadel Evans schwungvoll um die Ohren fuhr.
Da ist es mir lieber, wenn das Spektakel überschaubarer ausfällt, dafür aber nachhaltiger ist.
Was uns zum eigentlichen Vorwurf an Froome führt.
Der war schließlich 2008, damals noch unter kenianischer Fahne, auch bei der Tour dabei. Und seit seinem mirakulösen Leistungssprung bei der Vuelta drei Jahre später warten wir noch immer auf eine richtig schlüssige Erklärung für seine Metamorphose vom Mitläufer zum Meister aller Klassen. Liegt es wirklich nur an der überwundenen Bilharziose-Erkrankung und dem Osymetric-Kettenblatt? Da haben auch die Daten der Test bei GlaxoSmithKline aus dem letzten Jahr nicht endgültig für Klarheit gesorgt.
Ein Wort bringt das Dilemma auf den Punkt: Während die Fans in den Foren die Langeweile beklagen, fällt das Urteil eines Spezialisten über die Tour 2016 ganz anders aus. Floyd Landis, der 2006 mit seinem Irrsinns-Solo nach Morzine genau das lieferte, wonach sich manche heute sehnen (frühe Attacke, totales Risiko, volles Rohr), fasst das Rennen seiner Nachfolger zehn Jahr später so zusammen:
"Insane".
Die Siegeransprache von Froome in Paris:
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