Angelique Kerber 2016 - die große Bilanz ihres besten Jahres

Die Stimme aus dem Off meldete sich wie aufs Stichwort zu den WTA-Finals. Dieses Mal stichelte Serena Williams aber nicht selbst, das übernahm ihr Coach Patrick Mouratoglou. Angelique Kerber sei ja nur die Nummer eins, weil sie in dieser Saison 22 Turniere gespielt hätte und Serena bloß acht. Bäm! Ein frecher Seitenhieb, der einzig bedeuten sollte: Serena Williams ist die wahre Nummer eins!

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Diese Taktik hatte für die US-Diva vor sechs Jahren prima funktioniert, damals stürzte sie ihre heutige Busenfreundin Caroline Wozniacki in tiefe Selbstzweifel.
Und 2010 mag Serena Williams mit ihrer Selbstwahrnehmung vielleicht sogar ein bisschen Recht gehabt haben. Denn Wozniacki war ohne Grand-Slam-Sieg an die Spitze gekommen, als Williams langzeitverletzt war. Da konnte man über die wahre Regentin zumindest diskutieren und das Ranglistensystem monieren. Aber jetzt? Da demonstriert Serena Williams nur eines: Sie ist eine schlechte Verliererin!

Kerber stand in acht Endspielen

Denn wer möchte bitte ernsthaft daran zweifeln, dass Angelique Kerber völlig verdient das Jahr als beste Tennisspielerin der Welt beendete? Richtig, niemand. Denn anders als Wozniacki damals ist Kerber nicht bloß die Fleißigste der Saison (81 Matches) und deshalb oben, sondern sie war bei den wichtigsten Turnieren erfolgreich. Williams spielte acht Turniere, Kerber stand 2016 allein in acht Endspielen - inklusive der Spiele in Rio.
Melbourne gewann sie im direkten Duell mit Williams, in Wimbledon verlor sie gegen sie auf Augenhöhe. Kerber holte Silber bei Olympia und die Trophäe in New York und schubste Williams damit zu Recht vom Thron. Denn die Amerikanerin spielte in dieser Saison viel zu selten wirklich überzeugend. Ihre Dominanz ist gebrochen, die Gegnerinnen haben die Furcht vor ihr verloren. Sogar die jungen, denn Garbine Muguruza düpierte sie in Paris, Elina Switolina in Rio und Karolina Pliskova bei den US Open.

Kerber erfindet sich neu

Nach dem knapp verpassten Kalender-Slam 2015 schien Williams noch hungriger auf große Titel. Aber ihre Taktik, mit minimalen Turnierteilnahmen maximalen Erfolg rauszuholen, ging nicht mehr auf für die 35-Jährige. Und das lag an Verletzungen, aber vor allem an Kerber. Nach der kurzen Schwächephase im Frühjahr, als ihr Überraschungscoup von Melbourne in Paris zur Last wurde, war nicht ganz klar, ob Kerber ihre neue Rolle wirklich ausfüllen könnte.
Sie verfiel wieder in alte Muster, zweifelte viel und stellte alles in Frage. Das hatte Kerber schon früher oft im Weg gestanden. Doch dieses Mal war es anders. Sie wollte aller Welt zeigen, dass sie keine Eintagsfliege ist. In Wimbledon gelang ihr tatsächlich der Befreiungsschlag, sie hatte sich endgültig als Spielerin neu erfunden. Kerber konnte konstant gute Leistungen abrufen, ihr Selbstverstrauen wuchs von Sieg zu Sieg. Enge Matches verlor sie nur noch selten. Kerber wusste nun, dass sie endlich ihr Potenzial voll ausschöpfen konnte.
Ihre beinharte Fitness, ihr immenser Wille - alles hatte sich schließlich zusammengefügt. Und so wurde Kerber zur ebenbürtigen Gegnerin für Williams, und das hatte die Amerikanerin schon seit Jahren nicht mehr erlebt. Nie hatte eine Herausforderin über Monate hinweg so konstant mit ihr mitgehalten, sie gefordert - und bezwungen.

Neue Saison, anderes Pensum?

Und nun steht Kerber ganz oben nach einer furiosen Saison, die ihr sicherlich niemand wirklich zugetraut hatte. Mit 28 Jahren und nach all den Aufs und Abs. Nach all den Selbstzweifeln. Aber sie hat es allen gezeigt, wenn auch der perfekte Abschluss auf ihrer Sahne-Saison missglückte. Wie schon in Rio ging Kerber am Ende bei den WTA Finals doch die Puste aus. Der Akku war leer, das kam kaum überraschend.
Das Pensum in dieser Saison war enorm, wohl etwas zu groß. Ab Januar wird sie nun die Gejagte sein, hat Williams und den Rest der Meute im Nacken. Und Kerber wird in der Vorbereitung genau abwägen müssen, ob sie ihre Turnieranzahl nicht doch reduziert und den Fokus noch enger auf die wichtigsten Events legt. Williams hat sich dieses Erfolgsrezept jahrelang zunutze gemacht.
Doch Kerber wird nicht bloß eine Handvoll Turniere spielen. Sie braucht den Wettkampf, um sich in Form zu spielen. Es wird eine Gratwanderung. Kerber muss also die richtige Balance finden zwischen Belastung und Entspannung. Und das könnte 2017 die größte Herausforderung für sie werden.
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