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Vier Sekunden für die Ewigkeit: "The band is on the field!!!"

Vier Sekunden für die Ewigkeit: "The band is on the field!!!"

17/10/2019 um 14:09Aktualisiert 17/10/2019 um 20:05

Am 20. November 1982 besiegt die University of California aus Berkeley ihren großen Rivalen Stanford auf dramatische und chaotische Art und Weise. Wegen seiner völlig unerwarteten Wendung in letzter Sekunde gilt das Duell heute als das größte Spiel in der Geschichte des College-Footballs - und der finale Spielzug schlicht als "The Play". Eine Geschichte, die John Elway am liebsten vergessen würde.

"Dieses Spiel war eine Beleidigung für unseren Sport. Was für eine Farce! Damit werde ich für den Rest meines Lebens zurechtkommen müssen."

Das sagte John Elway, eine Legende im American Football: einer der zehn besten Quarterbacks aller Zeiten; zweifacher "Super Bowl"-Gewinner; prämiert als wertvollster Spieler der NFL; eine der faszinierendsten Football-Persönlichkeiten, die jemals das Spielfeld betreten haben.

Elway, dieser großartige Champion, kann heute auf ein erfülltes Leben und eine erfolgreiche Karriere zurückblicken. Aber es gibt einen wunden Punkt, der ihn in den letzten 37 Jahren immer wieder heimgesucht hat. Ein Phantomschmerz, der ihn seit jenem Samstag, den 20. November 1982, dem letzten Spiel seiner College-Karriere, peinigt. Im Jahr darauf wurde Elway Profi, Ruhm und Reichtum erwarteten diesen begnadeten Quarterback, als er bei den NFL-Drafts 1983 als größtes Talent an Position Eins gezogen wurde, aber über ein Jahrzehnt lang sollte er nicht mehr über den vielleicht schmerzhaftesten Tag seiner Karriere sprechen.

Es ist der Versuch, Elway die so verstörenden Ereignisse jenes Tags, noch einmal in Erinnerung zu rufen.

Jon Elway in Aktion für Standford

Jon Elway in Aktion für StandfordGetty Images

Vier Sekunden für die Ewigkeit

Das sogenannte "Big Game" ist mehr als nur ein Spiel. Es ist das Spiel. Jedes Jahr treten die Footballteams von Stanford und der University of California in Berkeley gegeneinander an. Das Spiel wird immer im Herbst gespielt - in den geraden Jahren in Berkeley, in den ungeraden in Stanford. Bis vier Sekunden vor Schluss war Elway der strahlende Sieger und Held des Spiels. Aber das, was dann kam, in den vier verbleibenden Sekunden, ist möglicherweise das berühmteste, ganz sicher das verrückteste Ereignis in der Geschichte des amerikanischen Hochschulsports.

Vier Sekunden, die heute über einen eigenen Wikipedia-Eintrag verfügen.

Titel des Eintrags: "The Play". Gemeint ist dieser eine Spielzug, der am Ende aus einem Footballspiel ein Ereignis nationaler Tragweite machte. Es waren vier Sekunden, die für die beteiligten Spieler, Zuschauer, Fernsehzuschauer und Radiohörer ein Leben lang unvergessen bleiben sollten, vier Sekunden, die in das kollektive Gedächtnis einer ganzen Nation eingingen. Und mittendrin die Tränen der Wut eines John Elway. Eine irre Geschichte mit überraschenden Akteuren und unerwarteten Plots: eine ungeliebte Blaskapelle, ein ahnungsloser Posaunist, ein überforderter Schiedsrichter, ein brüllender Kommentator, ein glücklicher Fotograf, eine falsche Auszeit, zwei sehr spezielle Teams und am Ende ein gigantischer Fall von Fake News, lange vor ihrer Zeit.

Das kalifornische Duell: "Golden Bears" gegen die "Cardinals"

Berkeley und Stanford sind die Erzrivalen im amerikanischen Football. Auf der einen Seite die staatliche Universität von Kalifornien in Berkeley, einer kleinen Stadt oberhalb der Bucht von San Francisco. Auf der anderen Seite die private Eliteuniversität von Stanford, im Herzen des Silicon Valley in Palo Alto, der Heimat von Facebook. Im Sport treten diese beiden angesehenen amerikanischen Colleges, mit all ihren Unterschieden und Befindlichkeiten, seit Jahrzehnten in einem intensiven Wettstreit gegeneinander an.

Es mag andere, vielleicht noch größere Rivalitäten im US-College-Sport geben, etwa die der Universitäten von Alabama und Auburn oder von Michigan und Ohio, die sich im Rahmen des Hochschulsportverbands NCAA (National Collegiate Athletic Association) immer wieder aufs Neue herausfordern. Aber die beiden ehrwürdigen Elite-Universitäten Berkeley und Stanford trennen kaum 50 km von einander und das macht dieses Duell zu einem echten amerikanischen Lokalderby.

Vier Sekunden wichtiger als das ganze Spiel

90 Jahre später dann jener 20. November 1982. Vor der "Farce" oder dem "Wunder", je nach Perspektive der Fans, gab es 59 Minuten und 56 Sekunden lang einen Spielverlauf, der auch ohne seinen wahnwitzigen Epilog genügend Irrungen und Wendungen geboten hatte, um sich einen Ehrenplatz unter den berühmtesten Sportduellen in der Geschichte der NCAA zu sichern. Aber alles, woran man sich heute noch erinnert, sind die letzten vier Sekunden, die alles, was davor passierte, vergessen machten. Zum großen Bedauern von John Elway, der 2007, am 25. Jahrestag des Spiels, erklärte: "Es ist, als hätte diese Schlussphase alles andere ausgelöscht, was zuvor passiert ist. Das ist eine Schande, denn bis dahin war es ein wirklich großartiges Football-Spiel."

Berkeley führte mit 19:17. Die Situation schien aussichtslos, als Elway und die Cardinals im vierten Versuch, noch 17 Sekunden auf der Uhr, immer noch an ihrer 13-Yard-Linie klebten. "Aber weil John Elway John Elway ist, wussten wir, dass es noch nicht vorbei war. Elway war ein Spieler, der alles hatte: den Touch, den Instinkt, den Mut eines Leaders. Selbst wenn er im vierten Versuch noch 40 Yards gebraucht hätte, es wäre noch nicht vorbei gewesen." Sagte "Bären"-Verteidiger Kevin Moen, als er vor 30 Jahren mit "Sports Illustrated" über die Magie dieser vier Sekunden sprach. Ausgerechnet Moen, der Elway so bewunderte, zögerte in dieser letzten Minute des Spiels einen Augenblick zu lange und erlaubte Elway damit seinen letzten Wurf abzuschließen, der Stanford vermeintlich auf die Siegerstraße brachte.

Von einem unvergesslichen Sieg zu einem unauslöschlichen Trauma

"Wegen dem Ende habe ich vieles von dem vergessen, was in diesem Spiel tatsächlich passiert ist", gibt Elway heute zu. "Aber ich erinnere mich an diesen 17 Yards-Pass im vierten Down. Es war sicherlich der schönste Pass in den vier Jahren in der NCAA und einer der unvergesslichsten meiner gesamten Karriere." Der Wurf war so präzise wie ein Schuss und überquerte die gesamte Achse des Feldes. Elway hatte als Empfänger Emile Harry ausgesucht, der von drei Verteidigern umringt war. Der Wurf war ein kleines von Elway signiertes Kunstwerk, damit verbunden ein Raumgewinn von 29 Yards, der den Spieß umdrehte. "Wir waren dem Sieg so nahe", erinnerte sich Kevin Moen, "aber als Elway dieser märchenhafte Pass gelang, mussten wir zurück in die Schlacht." Es waren jetzt noch 50 Sekunden zu spielen…

Drei Spielzüge und ungefähr 40 Sekunden später befand sich Stanford keine 20 Yards vor der Endzone der "Bears". Jetzt fehlte nur noch das Fieldgoal von Mark Harmon. Lediglich eine Formalität für den erfahrenen Kicker und Stanford ging wieder in Führung: 20:19. Auf der Bank der Cardinals spielten sich hysterische Szenen ab. Auswärts in Berkeley ein "Big Game" zu gewinnen, wäre ein Sieg für die Geschichtsbücher gewesen, das wussten alle. Daraufhin beging Stanford zwei Fehler, die einen vermeintlich unvergesslichen Sieg in ein unauslöschliches Trauma verwandelte.

Das California Memorial Stadium

Das California Memorial StadiumGetty Images

Das unmögliche Comeback

Der erste Fehler war eine zu früh genommene Auszeit. Es waren noch acht Sekunden zu spielen, als John Elway auf Befehl seines Trainers Paul Wiggin den Schiedsrichtern signalisierte, dass Stanford seine letzte Auszeit nutzen wollte. Hätte er die Uhr vier oder fünf Sekunden länger laufen lassen, wäre das Match nach Mark Harmons Fieldgoal zu Ende gewesen. So aber feierte Stanford, für den Geschmack der Schiedsrichter, dieses vermeintlich entscheidende Tor zu sehr und bekam beim anschließenden Kickoff eine 15-Yard-Strafe für unsportliches Verhalten aufgebrummt.

Die "Bären" hatten aus dem Nichts eine günstige Position auf dem Feld erobert. Diese beiden kleinen, scheinbar unbedeutenden Fehler, die in einem normalen Spiel niemals bestraft würden, waren der Auslöser für das scheinbar Unmögliche. In der Zwischenzeit hatten einige Hundert der 75.662 Zuschauer im California Memorial Stadium von Berkeley damit begonnen, sich auf den Heimweg zu machen. Einige dieser verärgerten "Bären"-Fans würden erst am nächsten Morgen aus der Zeitung vom Sieg ihres Teams erfahren. Sie waren überzeugt davon, dass das Match gelaufen war. So wie Joe Starkey.

Vier Sekunden, die am Ende zwanzig Sekunden dauerten

Seit 1975 hatte Joe Starkey die Matches der "Golden Bears" fürs Radio kommentiert. So wie er später 20 Spielzeiten lang (von 1989 bis 2008) die Spiele der San Francisco 49ers übertragen hat. War der 41-jährige Starkey 1982 bereits eine kleine lokale Berühmtheit in San Francisco, dann war er mit Ende dieses Spiels eine nationale Berühmtheit. Nach Elways 29-Yard-Pass kommentierte Starkey, was er für sein endgültiges Urteil zum Ausgang des Spiels hielt: "Für John Elway wird es, da keine Minute mehr zu spielen ist, sein bemerkenswertestes Finish werden. Nur ein Wunder könnte die "Bären" jetzt noch retten."

Tatsächlich waren noch vier Sekunden auf der Uhr. Was in diesen vier Nettosekunden passieren sollte, streckte sich tatsächlich über zwanzig Sekunden - exakt die Zeit, die zwischen Harmons Feldtor und dem siegreichen Touchdown der "Bären" verging. Zwanzig Sekunden, in der nichts mehr seinen Gesetzmäßigkeiten folgte. Oder warum waren plötzlich nur noch zehn "Bären" auf dem Spielfeld für diesen so wichtigen, allerletzten Spielzug, einer weniger als es den Regeln entsprach? Stanford entschied sich beim Kick-Off für einen sogenannten "Squib-Kick", einem kurzen, harten Pressschlag, der einem Grubberkick im Rugby ähnelte.

Ein "Squib" kullerte mehr über das Feld, als dass er im weiten Bogen flog. Er gab der gegnerischen Mannschaft die Möglichkeit, sich den Ball in einer günstigeren Position auf dem Spielfeld zu schnappen, während er der eigenen Mannschaft genug Zeit gab, ihre Defensive zu ordnen. Kevin Moen schnappte sich den Ball auf seiner 45-Yard-Linie, aber er war umgehend von vier Stanford-Defensivleuten umringt. Für die "Bären" gab es vor allem eine Option: Bloß nicht mit dem Ei in Händen auf dem Boden landen, das Spiel würde damit umgehend unterbrochen werden.

Aus Football wurde Rugby

In den letzten, entscheidenden Sekunden verwandelte sich dieses American Football- in ein Rugbyspiel. Moens einziger Ausweg, den Ball weiter durch die eigenen Reihen laufen zu lassen, war kein vertikaler Wurf, wie sonst üblich, sondern ein seitlicher Pass wie er im Rugby stilbildend ist. Die "Bären" sollten dieses ungewöhnliche taktische Mittel insgesamt fünfmal versuchen:

1. Kevin Moen auf Richard Rodgers (46 Yard-Linie der Cals)
2. Richard Rodgers auf Dwight Garner (44-Yard-Linie der Cals)
3. Dwight Garner auf Richard Rodgers (48-Yard-Linie der Cals)

Mit diesen drei ersten, aus der Not heraus geborenen Pässen, gelang den Spielern aus Berkeley praktisch kein Raumgewinn, sie waren immer noch in ihrer eigenen Hälfte. Aber Rodgers fand plötzlich eine Lücke. Es war die Lücke, die das sportliche Wunder erst ermöglichte:

4. Richard Rodgers auf Mariet Ford (47-Yard-Linie der Cardinals)

Ford schlüpfte 20 Yards durch einen Pulk von Cardinals hindurch, die zunehmend nervöser wurden. Was dann kam, war der Gnadenstoß:

5. Mariet Ford auf Kevin Moen (26 Yard-Linie der Cardinals)

Möglicherweise war das der spektakulärste Pitchback in der Geschichte der NCAA - blind zurückgeworfen, über Fords rechte Schulter, während er fällt. Nichts sollte die "Bären" bis zur Endzone von Stanford jetzt noch aufhalten können. Zwanzig Sekunden, fünf Pässe, und ein Jahrhundert-Touchdown aus dem Nichts.

Es war Kevin Moens erster und zugleich letzter in seiner College-Karriere. Das aber war noch längst nicht alles, was geschah. Würde man die Geschichte dieses epischen Spiels hier beenden, wäre es nur die halbe Geschichte und keiner würde verstehen, warum dieses wahnwitzige Spiel bis heute im Gedächtnis haften geblieben ist.

Traube aus roten Jacken und weißen Hüten

Im selben Moment, als Dwight Garner Rodgers den Ball zuwarf, wurde er von fünf Stanford-Verteidigern überwältigt. Dabei schien er ein Knie auf dem Boden des Spielfeldes abgesetzt zu haben. Das jedenfalls glaubte ein Großteil der Ersatzbank der Cardinals, von der mehrere Spieler auf das Feld rannten, um einen, wie sie glaubten, süßen Sieg zu erringen. Einer der Schiedsrichter zeigte auch das Ende des Spiels an. Aber nicht Hauptschiedsrichter Charles Moffett.

"Als ich aufstand, war ich verwirrt, weil ich überall auf dem Feld Stanford-Spieler jubeln sah. Ich dachte erst, das Match sei vorbei. Aber dann sah ich, wie Richard (Rodgers) mit dem Ball weiter rannte", erzählte Dwight Garner in einer Dokumentation aus Anlass des 30-jährigen Jubiläums von "The Play". Die Stanford-Spieler waren nicht die einzigen, die das Feld betreten hatten. Gleiches galt für die 144 Musiker der Stanford-Blaskapelle, die nicht mehr zu halten waren.

Auch sie glaubten, dass das Match vorbei war und begannen zu spielen. Die gesamte Kapelle rückte in Reih und Glied auf das Spielfeld vor, einige bis zur 20-Yards-Linie. Ehe Kevin Moen den entscheidenden Ball zum Touchdown fing, musste er im Slalom durch eine Menschentraube aus roten Jacken und weißen Hüten hindurch, an den Bandmitgliedern vorbei in die Endzone der Cardinals. Eine surreale Szene.

Die Stanford Band

Die Stanford BandGetty Images

"Aber was macht er? Das Spiel ist vorbei!"

Der Musiker Gary Robinson war der Bandleader der Stanford-Marschkapelle. "Wir waren sicher, dass das Spiel zu Ende war", erinnerte er sich. "Also sind wir spontan aufs Feld. Ich muss die 20-Yard-Linie erreicht haben, als ich einen Windstoß hinter mir spürte. Es war dieser "Cal"-Typ, der mit dem Ball auf- und davonlief. Ich dachte nur: 'Aber was macht er? Das Spiel ist vorbei! " Der fragliche Typ war Kevin Moen, der sich nicht beirren ließ. "Ohne wirklich zu verstehen, was los war, rannte ich mitten durch die Band. Ich war einfach nur besessen davon, die Endzone zu erreichen, um den entscheidenden Punkt zu holen.

Einige der Musiker sahen panisch aus und rannten in alle möglichen Richtungen weg, andere haben sich gar nicht bewegt. Es war verrückt, aber ich spielte einfach weiter". Die totale Verwirrung wurde noch dadurch verstärkt, dass die Dämmerung hereinbrach. Es war Ende November, damals hatte das Berkeley California Memorial Stadium noch kein Flutlicht. Das Match hatte sich in die Länge gezogen und just im Moment des finalen Touchdowns verblasste das Licht und hüllte diese letzte Aktion in einen beinahe gespenstischen Stimmung.

"Oh, the band is on the field!"

Am Mikrofon war Joe Starkey beinahe in Trance. Das Drehbuch seines fiebrigen und emotionalen Kommentars war so bemerkenswert, dass er einige Tage später in den Zeitungen und seitdem immer wieder für Bücher und das Internet vollständig abgeschrieben wurde. Starkeys Kommentar war zweigeteilt: Zum einen das umwerfende Spiel selbst, und dann zum Verhalten der Schiedsrichter, die erst endlos lange Diskussionen führten, ehe sie den Touchdown offiziell gaben. (Charles Moffett, der Hauptschiedsrichter, der an dem Tag sein letztes offizielles Spiel leitete, gab später zu, dass ihm der Wirbel um seine Entscheidung vorkam, als hätte er "den dritten Weltkrieg begonnen").

Legendär wurde Starkeys Kommentar in dem Moment, als er selbst realisierte, dass die Musiker das Spielfeld betraten. Zu diesem Zeitpunkt hatte Moen den Ball in der Hand, auf dem Weg in die Endzone der Cardinals. Starkey brüllte:

"Oh, die Band steht draußen auf dem Spielfeld! Er wird in die Endzone laufen! Er ist in der Endzone!"

Als Moffett später die Arme hob, um den Touchdown und damit den Sieg der University of California zu bestätigen, legte Starkey jede Zurückhaltung in der Stimme ab:

"Es sind die Bären! Die Bären haben gewonnen! Die Bären haben gewonnen! Oh mein Gott! Das ist das überraschendste, sensationellste, traumatischste, aufregendste Ende in der Geschichte des College-Footballs! Die Uni von Kalifornien hat gewonnen …, das Big Game … über Stanford … Entschuldigen Sie meine Lautstärke, aber ich habe so etwas noch nie in meinem Leben gesehen."

Starkey und die Präsidenten

Sein mitreißender Kommentar sorgte dafür, dass Starkey in die amerikanische Sportfolklore einging. Seine beiden Wendungen "Oh, die Band steht auf dem Feld" und "Die Bären haben gewonnen" fingen die Emotionen und die Absurdität des Augenblicks perfekt ein. Starkeys Worte erinnerten an Al Michaels "Glaubst du an Wunder?" am Abend des "Miracle on Ice", dem Sensationssieg des amerikanischen Eishockeyteams über die als unschlagbar geltende Sowjetunion während der Winterolympiade in Lake Placid von 1980 - mit einer Ausnahme vielleicht, nämlich dass Starkey noch viel stärker improvisieren musste. Starkeys Reportage gilt heute als der berühmteste Sportkommentar in der Geschichte des amerikanischen Fernsehens.

Ende der 90er Jahre belegte Starkeys Spruch "The band is on the field" in einer Liste der berühmtesten Sätze des 20. Jahrhunderts in Amerika den dritten Platz. Vor ihm waren nur Roosevelts "Das einzige, was wir fürchten müssen, ist die Angst selbst" und Kennedys "Fragen Sie nicht, was Ihr Land für Sie tun kann - fragen Sie, was Sie für Ihr Land tun können". Starkey in direkter Gesellschaft zweier US-Präsidenten - wer hätte das gedacht? Klar, bei ihm war es nur Sport, es hatte nicht die gleiche Relevanz, aber es zeigte doch, wie prägend Worte für eine ganze Nation sein konnten.

Ein ungewöhnlicher Ort, um eine Bekanntschaft zu machen

Gary Tyrell sagte an diesem 20. November kein einziges Wort. Obwohl er wahrscheinlich der bekannteste Protagonist dieser letzten vier Sekunden ist. Und gar nicht deshalb, weil er etwas zu sagen gehabt hätte. Er war der Posaunist in der Stanford-Band, die einzige Person, an die sich heute noch jeder erinnern kann. Als die 144 Musiker das Feld betraten, blieb Tyrell ahnungslos in der südlichen Endzone stehen und blies in seine Posaune. Auf den Bildern ist er der Mann, mit dem Kevin Moen im Augenblick des Touchdowns zusammenprallte. Ein wahrlich ungewöhnlicher Ort, um eine Bekanntschaft zu machen.

Das berühmteste Bild dieser ikonischen Schlussphase wurde von Bob Stinnett aufgenommen, der ganz zufällig anwesend war. Stinnett war nur deshalb da, um am Ende des Spiels den Pokal für die "Oakland Tribune" zu fotografieren. Er wartete klugerweise am Ende des Feldes, als er den Zusammenstoß von Kevin Moen mit dem Posaunisten direkt vor seinen Augen festhielt. Er war zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Sein Foto, das im "Time Magazine" und in "Sports Illustrated" erschien, wurde später viele tausend Mal als Poster gedruckt und verkauft.

Moen und Tyrell sind seit diesem Zusammenprall biographisch miteinander verbunden. Eine zufällige Begegnung, die ihr Leben verändert hat. "Es waren so viele Leute auf dem Spielfeld, dass ich nicht einmal sagen konnte, ob ich die Endzone wirklich erreicht hatte", sagte Moen 2006 der "Los Angeles Times". "Deshalb bin ich in der Endzone immer weiter gerannt, auch als ich schon mit dem Jubel begann. Ich habe Gary gar nicht gesehen. Ich bin vor Freude auf und ab gesprungen und bin dann in ihn reingerannt."

"Ich habe nichts gesehen", gestand Gary Tyrell. "Ich bin nicht sehr groß und mittendrin in der Menge hatte ich keinen freien Blick mehr auf das Feld. Ich erinnere mich, dass ich auf die Uhr geschaut und mich umgedreht habe, um all die Leute zu beobachten, die auf das Feld stürmten. Kevin sah ich erst in dem Moment als er mich umrannte. Als ich das Foto von uns am nächsten Tag in der Zeitung sah, dachte ich: "Wow, wie hat er das geschafft, genau diesen Moment zu erwischen?"

Eine einzigartige Verbindung

Das Bild von Gary Tyrell, wie er sich völlig entgeistert von dem Kunstrasen erhebt, erinnerte an einen Tex Avery-Cartoon oder einen Monty Python-Sketch. Glücklicherweise wurde Tyrell bei dem Zusammenprall nicht verletzt und er verlor auch seinen Musikerstolz nicht. "Irgendwie habe ich es geschafft, meine Posaune festzuhalten!"

Die Posaune in der Hall of Fame

Die Posaune in der Hall of FameGetty Images

Heute ist das Instrument, wenngleich ziemlich verbeult, in der Collegefootball-Hall of Fame in South Bend, Indiana ausgestellt. Moen und Tyrell wurden sogar Freunde. Die gemeinsame Erinnerung amüsierte die beiden noch viele Jahre später, auch wenn der Stanford-Posaunist lange brauchte, um seine Rolle in diesem starken Stück Sport zu finden. "Anfangs war es nicht sehr lustig", erinnerte sich Tyrell. "Die Band war zu dieser Zeit ziemlich unbeliebt, weil wir hauptsächlich Rockmusik und keine traditionellen Stücke mehr gespielt haben. Das kam nicht gut an. Für viele Leute waren wir daran schuld, was Stanford auf dem Spielfeld zugestoßen war."

"Gary ist einer der wenigen Stanford-Typen, die ich kenne, die das, was passiert ist, aus einem anderen Blickwinkel sehen können", so Kevin Moen. "Viele sind immer noch sehr verbittert, aber er kann das, was passiert ist, auch mit einem lachenden Auge betrachten. Er weiß, dass er Teil eines denkwürdigen Moments war. Und es ging auch nicht um Leben oder Tod." Das gelang John Elway und Chefcoach Paul Wiggin nie.

Stanfords Niederlage markierte das Ende der Collegekarriere des Quarterbacks. Im Falle eines Sieges wäre Stanford zu einem Bowl-Auswahlspiel eingeladen worden, was Elway trotz seiner großartigen College-Karriere nie gelang. "Das Spiel hat ihm wahrscheinlich auch die "Heisman Trophy" für den besten NCAA-Spieler gekostet. Und auch ich habe es nie verdaut", gab Wiggin zu. "Das Leben musste natürlich weitergehen. Ich habe Stanford ein weiteres Jahr trainiert, aber das hätte ich nicht tun sollen, es war kein sehr glückliches Jahr." Die Cardinals gingen mit 1:10 Siegen/Punkten in die nächste Saison, woraufhin Wiggin gefeuert wurde. Mit der Zeit konnte er das Spiel gelassener sehen. "An diesem Tag ist schließlich niemand gestorben. Wir sind alle Teil der Geschichte. Fragen Sie die anderen, ich kann jetzt darüber lachen."

Fake News von "Stanford Daily"

Stanford rächte sich zweimal für die erlittene Schmach. Das erste Mal, vier Tage nach dem Spiel. Federführend waren eine Handvoll Studenten, darunter Adam Berns und Mark Zeigler von der Studentenzeitung "The Stanford Daily", die sich folgendes ausgedacht hatten: In Rekordzeit gelang es ihnen, 7.000 gefälschte Exemplare von Berkeleys Studentenzeitung, "The Daily Californian", zu drucken. Die Aufmachergeschichte behauptete, die NCAA habe unter Berufung auf die fiktive Regel 55 (Abschnitt C) beschlossen, die Schiedsrichterentscheidung zu überstimmen und Stanford den Sieg zuzuerkennen. In der Zeitung, die die Stanford-Studenten auf dem Campus in Berkeley verteilten, gab es eine Reihe von erdachten Artikeln, darunter ein großes Interview mit "Cal"-Coach Joe Kapp, der darin wie folgt zitiert wurde: "Ich schwöre bei Gott: Das Leben ist nicht fair."

Vor einigen Jahren sprach Zeigler in der "Stanford Daily" darüber, wie der Rachestreich zustande kam. "Adam hatte es schwer, mich zu überzeugen. Ich war nach der Niederlage sehr deprimiert und hatte für meine Collegearbeit noch viel zu tun. Dann sagte er zu mir: 'In 20 Jahren, wenn wir beide auf meiner Yacht in Griechenland sitzen, wirst du dich nicht mehr an die versäumten Abgabefristen erinnern, aber an diese Zeitung wirst du dich ein Leben lang erinnern. ' Das hat mich schließlich umgestimmt. Auch wenn ich nicht sicher bin, wie er auf diese Yachtgeschichte kam. Tatsächlich sind wir nie nach Griechenland gefahren, ich warte immer noch auf seine Einladung ... "

Griechenland oder nicht, Adam Berns behielt recht. Die Sonderausgabe von "The Daily Californian" vom 24. November 1982 machte Schlagzeilen im ganzen Land und blieb im Gedächtnis haften. 2010 widmete eine HBO-Dokumentarfilmreihe über die größten Fangeschichten im Sport diesem frühen Beispiel von Fake News eine ganze Episode.

Stanfords genüssliche Rache von 1990

Auf dem Spielfeld musste Stanford acht Jahre auf eine Wiedergutmachung warten. In diesem "Big Game" führte Berkeley kurz vor Schluss mit 25:18, ehe Stanford in den letzten 12 Sekunden des Spiels neun Punkte erzielte. Und als wäre das wieder nicht genug, rannten diesmal die Fans der "Bären" vorzeitig auf das Spielfeld, weil sie dachten, sie hätten schon gewonnen. Es war wie acht Jahre zuvor, nur mit umgekehrten Vorzeichen, als die Standford-Band begann, aufs Feld zu marschieren…

Mit jedem Sieg, mit dem Stanford mit der Siegertrophäe nach Hause zurückkehrte, wurde das Endergebnis von 1982 auf "20:19, Stanford" auf der Plakette umgraviert. Es war, als ob es diese vier verdammten Sekunden nie gegeben hätte. Dass Stanford das Duell mit Berkeley seit 2009 nicht mehr verloren hat, empfanden viele als späte Genugtuung und höhere Gerechtigkeit. Der Pokal steht somit seit einem ganzen Jahrzehnt in Stanford in der Vitrine, mit einem Ergebnis von 1982, das so gar nicht stimmt. Auch das, Fake News!

Die Plakette "The Axe"

Die Plakette "The Axe"Getty Images

Dieser letzte Spielzug oder wie die Amerikaner ihn nennen, "The Play", ist heute eine amerikanische Sportlegende. Von den Sportlern selbst haben es nur wenige ganz nach oben geschafft. Neben Elway, der zu einem NFL-Superstar wurde, hatten nur Gary Plummer und insbesondere Ron Rivera, ein Verteidiger der "Bären", dauerhaften Erfolg als Profi. Als Spieler gewann Rivera mit Chicago den "Super Bowl", bevor er ein angesehener Trainer wurde. Bis heute Cheftrainer der Carolina Panthers, wurde Rivera zweimal zum besten Trainer der NFL gewählt. Kevin Moen hörte ziemlich bald nach dem College mit Football auf und wurde Immobilienmakler. Mariet Ford, von dem Moen seinen entscheidenden Touchdown-Pass bekam, wurde 1997 wegen Mordes an seiner schwangeren Frau und seinem dreijährigen Sohn zu 45 Jahren Gefängnis verurteilt.

Kollektive Inspirationsquelle

Die Geschichte des American Football wurde durch das Spiel vom 20. November 1982 unwiderruflich verändert. "Das Spiel - The Play" war letztlich der Grund dafür, warum flächendeckend Video-Schiedsrichter eingeführt wurden und es erinnerte die Mannschaften, die gegen Ende einer Partie zurücklagen, als permanente, kollektive Inspirationsquelle, dass ein Wunder immer noch möglich war. Auch hat es niemals zuvor ein Football-Spiel in den USA gegeben, in dem es so auffallend viele Quer- und Rückpässe gegeben hatte. 37 Jahre hat es gedauert, ehe in der letzten NFL-Saison Miami mit einer ähnlichen Taktik an das Spiel gegen New England heranging.

Aber den verrücktesten Spielzug gab es 2007 in der dritten Collegeliga zwischen den Trinity Tigers und den Millsaps Majors: 15 Querpässe in 63 Sekunden für ein Spiel, das mit dem Titel "The Mississippi Miracle" geadelt wurde – Wikipedia-Eintrag inklusive.

Wie Gary Tyrell einmal zu Recht betonte: "Es wird andere verrückte Spielzüge geben in anderen aufsehenerregenden ‚Big Games‘, aber wir werden es mit Sicherheit nie wieder erleben, dass ein Dutzend Menschen auf dem Spielfeld stehen, die da nichts zu suchen haben." In dieser Hinsicht wird der Samstag, 20. November 1982, für immer der Maßstab bleiben. Denn immer, wenn etwas ähnlich Spektakuläres passieren wird, werden alle amerikanischen Fernsehsender Filmmaterial von "The Play" aus den Archiven kramen. Dieses Spiel hat sich seinen Ruf der Unsterblichkeit hart erarbeitet.