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"Ich Narr!" Warum Mike Marsh trotz Olympiasieg nie unsterblich wurde

"Ich Narr!" Warum Mike Marsh trotz Olympiasieg nie unsterblich wurde

01/10/2019 um 23:59Aktualisiert 17/10/2019 um 11:29

1992 hätte Mike Marsh in Barcelona einen legendären Weltrekord über 200 Meter unterbieten können. Im olympischen Halbfinale dominierte Marsh das Rennen nach Belieben - doch die Ziellinie vor Augen drosselte er das Tempo, um sich fürs Finale zu schonen. Eine Entscheidung, die er bis heute bereut. Die Geschichte einer verpassten Gelegenheit auf sportliche Unsterblichkeit, die niemals wieder kam.

Die Geschichte einer verpassten Gelegenheit auf sportliche Unsterblichkeit, die niemals wieder kam.

Der 1. August 1996. Das Olympiastadion von Atlanta. Das Ende eines langen Abends, aber ein magischer Moment stand noch bevor: Das Finale über 200 Meter der Männer. Auf Bahn drei bereitet sich Michael Johnson auf das Rennen vor, mit glänzenden goldenen Spikes an seinen Laufschuhen und einer dazu passenden Goldkette um den Hals. Der Starter hebt seine Pistole zum Himmel und drückt den Abzug. Der Amerikaner schießt wie eine Kugel aus den Blöcken. Gemäß seinen Spitznamen: "Die Lokomotive von Waco" wegen seiner Schnelligkeit; "The Duck" (auf Deutsch "Die Ente") wegen seines unverwechselbaren aufrechten Laufstils.

Mit einem kurzen, fast roboterhaften Schritt trommelt er förmlich über die Tartanbahn. Seine Konkurrenten werden Johnson nie ins Visier nehmen können, dafür ist er viel zu schnell. "MJ" war bereits sechsmal Weltmeister in einem Einzelrennen, olympisches Gold war ihm bis dato verwehrt geblieben. Johnson wird nur 19,32 Sekunden brauchen, um diesen Fehler in der Statistik zu beheben. 19,32 Sekunden über 200 Meter - das hat es nie zuvor gegeben.

"19,32? Das ist keine Zeit - das ist der Geburtstag meines Vaters", lachte Ato Boldon, immerhin Bronzemedaillengewinner des Rennens, bei dem er nur eine Fußnote war. Und das trotz seiner eigenen Weltklasse-Zeit von 19,80 Sekunden. Doch in dieser Nacht hat "MJ" alle Gesetzmäßigkeiten seines Sports durchbrochen. Fünf Tage nach Donovan Baileys Überschallrennen über 100 Meter, der mit neuem Weltrekord (9,84 Sekunden) die US-Sprinter in einen Schockzustand versetzte und als Kanadier die Regentschaft über die Mutter aller Leichtathletik-Disziplinen beanspruchte, sorgte Michael Johnson für den Gegenschlag der US-Boys.

Die Energie, die er auf der Bahn erzeugte, konnte jeder sehen. Bereits im Monat zuvor bei den US-Meisterschaften hatte der Texaner den 13-Jahre alten Rekord von Pietro Mennea mit 19,66 Sekunden durchbrochen. Dieses Mal pulverisierte er ihn buchstäblich. Johnson unterbot den Italiener und dessen Rekord von 1979 um exakt vier Zehntelsekunden. Zu einer Zeit, als Usain Bolt noch keine zehn Jahre alt war, erschien diese Fabelzeit von 19,32 Sekunden für die Ewigkeit bestimmt. Tatsächlich war es ein Rekord, der "nur" 12 Jahre lang halten sollte, bis zu den Olympischen Spielen 2008 in Peking, wo Bolt ihn knapp unterbot (19,30 Sekunden). Bei der WM ein Jahr später in Berlin schlug dann ein weiterer Bolt-Blitz auf der Tartanbahn ein: seine 19,19 Sekunden sind bis heute das Maß der Dinge!

Das goldene Zeitalter des amerikanischen Sprints

Aber der Held dieses warmen Augustabends 1996 in Atlanta - Michael Johnson - ist nicht der Hauptdarsteller unserer Geschichte. Mike Marsh wurde im 200-Meter-Finale mit einer Zeit von 20,48 Sekunden Achter und damit Letzter. Eine unwürdige Zeit für den Titelverteidiger. Marshs einziges Privileg an diesem Abend war die Bahn, die er zugelost bekam. Von der Innenbahn aus konnte er das Schauspiel des Michael Johnson von einem Logenplatz aus genießen.

Ein Schauspiel allerdings, das Marsh nur von hinten sah, angesichts der sportlichen Kluft zwischen diesen beiden Männern. Während Marsh nicht vom Fleck kam, raste Johnson dem Horizont entgegen. Der fast 29-jährige Marsh hatte seine ganz große Zeit schon hinter sich, dekoriert mit zwei olympischen Goldmedaillen und einmal Silber. Dazu kam jetzt diese verpasste Gelegenheit, sich in die Geschichtsbücher einzutragen. Es sollte seine letzte gewesen sein.

Mike Marsh konnte bei Olympischen Spielen nicht das Maximum rausholen

Mike Marsh konnte bei Olympischen Spielen nicht das Maximum rausholenGetty Images

Anders als über die 100-Meter-Distanz war Marsh über die 200 Meter Michael Johnson auf den Fersen. Inmitten dieser ungewöhnlichen Ansammlung von Höchsttalentierten verkörperte Marsh einen Athletentypus mit menschlichem Antlitz: Marsh hatte keine hochdotierten Sponsorenverträge, er war kein Angeber und Sprücheklopfer, sondern einfach nur ein ganz normaler Typ, der schnell laufen konnte. Sehr schnell. Ein guter Typ.

Über das Timing von Geschichtsbüchern

Das Timing ist entscheidend für einen Eintrag in die Geschichtsbücher. Im Sommer 1992 war Mike Marsh jedenfalls nicht zu spät dran. Es war die Geschichte, die einen Bruchteil zu früh in seinem Leben anklopfte. Um genau zu sein, einen ganzen Tag zu früh, im 200-Meter-Halbfinale der Olympischen Spiele von Barcelona. Warum traf es ihn? Wer war er?

Mike Marsh wird am 4. August 1967 als Sohn einer Immobilienmaklerin und eines Wirtschaftsprüfers in Los Angeles geboren. Seine Kindheit ist weitgehend unauffällig, mit einer Ausnahme: Mike konnte als Kind sehr schnell laufen, das fiel sofort auf. Im Alter von sechs Jahren begann er mit der Leichtathletik. Er hatte ein natürliches Bewegungstalent, aber an der Hawthorne High School, LA war er nicht der Beste. Ein gewisser Henry Thomas war noch schneller als er.

Wem der Name Henry Thomas nichts sagt, der muss sich nicht grämen. Thomas hat es im Erwachsenenbereich nie an die Spitze geschafft und mehr Zeit hinter Gittern als auf der Strecke verbracht. Und dennoch: Anfang der 1980er Jahre war Henry Thomas der Schrecken der örtlichen Gymnasien. Thomas rannte die 100 Meter in 10,27 Sekunden und hielt zehn Jahre lang den U18-Weltrekord. Wenn man so will: Thomas' Schicksal war, er war zu früh zu gut und er hatte nicht die Geduld, auf seinen großen Moment zu warten.


Marsh, der olympische Parkwächter

Mike Marsh war schon als Jugendlicher außergewöhnlich schnell

Mike Marsh war schon als Jugendlicher außergewöhnlich schnellGetty Images

Das einzige Mal, dass Marsh aus Henry Thomas' Schatten heraustreten konnte, war der Tag, an dem Thomas an einer Blinddarmentzündung erkrankt war. Eine kalifornische Redensart besagt: Eine müde Katze lässt der Maus ihre Freiheit - und Mike Marsh gewann in dessen Abwesenheit die kalifornischen Staatsmeisterschaften über 200 Meter. Dadurch ermutigt schrieb sich Marsh in Los Angeles an der Universität von Kalifornien ein. Seine Unikarriere zeichnete sich nur durch einen einzigen Glanzpunkt aus: den dritten Platz über 100 Meter bei den nationalen Hochschulmeisterschaften 1987. Marshs schnellste dokumentierte Zeiten damals: 10,07 Sekunden über 100, 20,35 Sekunden über 200 Meter. Das war gut, aber war es gut genug?

Die Olympischen Spiele in Los Angeles 1984 waren die Spiele von "King Carl" Lewis, dem vierfachen Goldmedaillengewinner. Aber auch der junge Mike Marsh nahm teil, als Volunteer, genauer als Parkwächter in Long Beach, an dem das olympische Fecht- und Volleyballturnier stattfand. Bereits vier Jahre später in Seoul war Marsh als Ersatzläufer der US-Sprintstaffel dabei, die prompt in der ersten Runde disqualifiziert wurde. Marsh hatte seine Laufschuhe nicht ein einziges Mal getragen.

Wieder drei Jahre später, bei der WM in Tokio, ging Mike Marsh dann wirklich an den Start. Mit der 4 x 400 Meter-Staffel stellte er im Vorlauf einen neuen WM-Rekord auf (37,75). Bitter für ihn, dass er, der Ersatzläufer, im Finale nicht starten durfte, das die Amerikaner in neuer Weltrekordzeit von 37,50 Sekunden gewannen. Mike Marsh war inzwischen fast 25 Jahre alt, aber seine Karriere war immer noch nicht aus dem Startblock gekommen. In dieser Zeit traf Marsh die beste Entscheidung seines Lebens: Er verließ Kalifornien und seinen langjährigen Trainer John Smith und ging nach Texas, wo er sein sportliches Schicksal in die Hände von Tom Tellez legte, der die nächste Stufe der Marsh-Rakete zünden sollte.


1992: Marshs Verwandlung


Die Früchte dieser Veränderung zeigten sich im Frühjahr 1992: Marsh lief die 100 Meter in 9,93 Sekunden (der Weltrekord lag bei 9,86 Sekunden) und die 200 Meter in 19,94 Sekunden, erstmals unter der 20-Sekunden-Schallmauer. Kurz gesagt: für die Spiele in Barcelona im gleichen Jahr lief es für Mike ziemlich gut, er blieb dennoch vorsichtig. "Ich habe noch nichts erreicht", sagte er. "Das waren nur zwei Rennen. Ich muss diese Leistungen wiederholen, wenn es um eine Goldmedaille geht, gegen die großen Jungs und im Rampenlicht." Die US-Meisterschaften in New Orleans wurden 1992 zum ersten Mal als direkte und einzige Olympia-Qualifikation ausgetragen. Das erhöhte den Druck für alle Athleten, so auch für Mike Marsh.

Die Tatsache, dass er Weltjahresschnellster über die 100 Meter war, war unerheblich. Marsh erreichte nur den vierten Platz und verpasste die Qualifikation für die Spiele. Er war in prominenter Gesellschaft: auch Olympiasieger und Weltmeister Carl Lewis scheiterte als Sechster. Stattdessen kamen Dennis Mitchell, Mark Whiterspoon und Leroy Burrell unter die ersten drei der Trials und qualifizierten sich so für Olympia. Im 200 Meter-Finale machte Marsh seine 100 Meter-Pleite wieder wett. Ein günstiger Rückenwind (einen Meter pro Sekunde) half ihm und Michael Johnson, der das Rennen gewann und US-Meister wurde. Das Finale in New Orleans war eines der schnellsten 200 Meter-Rennen aller Zeiten: Johnson gewann in 19,79 vor Marsh in 19,86 Sekunden. Der nächste Showdown der beiden war für Barcelona geplant: beim olympischen Endlauf über 200 Meter.

Dennis Mitchell und Mike Marsh schauen gespannt auf die Anzeigetafel

Dennis Mitchell und Mike Marsh schauen gespannt auf die AnzeigetafelGetty Images

Lebensmittelvergiftung! Finale ohne Johnson

Aber dazu kommt es nicht. In einem knappen Finale wird Mike Marsh tatsächlich Olympiasieger, allerdings war es ein Finale ohne Michael Johnson. Zwei Wochen vor den Spielen ging Johnson, der auf die 400 Meter verzichtet hatte, um sich voll auf die 200 Meter zu konzentrieren, an seinem Trainingsort Salamanca mit seinem Agenten Clyde Hart zum Abendessen. Johnson hatte Lust auf einen Burger wie bei ihm zu Hause in Texas, aber am Ende entschieden sie sich für ein nettes spanisches Restaurant namens "El Candil", in dem sie auch schon am Abend zuvor gegessen hatten. Doch diesmal holte sich Johnson eine Lebensmittelvergiftung.

Noch bevor die olympische Flamme im Montjuïc-Stadion von Barcelona angezündet worden war, hatte Michael Johnson seinen olympischen Kampf um Gold verloren. Zu Beginn, während des Vor- und Zwischenlaufes, konnte er seinen Kraftverlust noch kompensieren. Aber im Halbfinale war Schluss: Johnson wurde in einer für ihn indiskutablen Zeit von 20,78 Sekunden Sechster und schied aus. Die "Lokomotive von Waco" war buchstäblich entgleist, für Mike Marsh dagegen schien das Ziel seiner Träume zum Greifen nah.

Die schnellsten ersten 190 Meter aller 200 Meter-Läufe

Mike Marsh rannte im ersten Halbfinale auf Bahn 5 um sein Leben. Er lief eine nahezu perfekte Kurve und bog vor allen anderen auf die Zielgerade ein. Linford Christie, der frischgebackene und überraschende Gewinner der 100 Meter, konnte ihm nicht folgen. Aber es gab ein Problem, von dem Marsh nicht wusste, dass er es hatte: die Geschichtsbücher waren an diesem 5. August 1992 für ihn nicht aufgeschlagen. Marsh also lag so weit in Führung, dass er vor der Zielgerade abbremste und ins Ziel trudelte. Dort richtete er seinen Blick auf die Anzeigetafel, auf der seine Zeit stand: 19,73 Sekunden. 19,73 Sekunden? Im Ernst? Immer wieder schaute Marsh auf die Anzeige, so als konnte er nicht glauben, welche Zahlenfolge er da las: 1 9 7 3.

Wie magnetisiert starrte er auf die Zahlen, die er nicht verstand. Ohne es zu ahnen, hatte Mike Marsh, das kalifornische Vollblut, einen der größten 200 Meter-Läufe in der Geschichte absolviert. Und er hatte dabei nicht irgendeinen Rekord, sondern den Weltrekordmythos von Pietro Mennea um eine winzige Hundertstelsekunde verpasst. 13 Jahre lang hatte die Rekordmarke des Italieners gehalten, die Michael Johnson erst vier weitere Jahre später unterbieten sollte. Mennea selbst hatte einmal gesagt:

"Ich hätte nie gedacht, dass mein Rekord so lange halten würde. Und auch während des Rennens hatte ich nie gedacht, dass ich so schnell unterwegs sein würde. "

Mike Marsh ging es ganz genauso.


Warum Carl Lewis den Mennea-Rekord nie knacken konnte

Eigentlich wollte Carl Lewis derjenige sein, der den Rekord des Italieners unbedingt brechen wollte. Keine andere Referenzmarke hatte so lange bestanden und hatte auf ihn einen solchen Reiz ausgeübt wie Menneas 200 Meter-Weltrekord. Diese 19,72 wurden für Lewis zu einer Obsession, ähnlich wie die 8,90 Meter von Bob Beamon im Weitsprung. Beamon hatte den Rekord 1968 bei den Olympischen Spielen in der Höhe von Mexiko-City aufgestellt. Carl Lewis aber weigerte sich gezielt in die Höhe zu gehen, wo der Luftwiderstand geringer und deshalb die Chancen größer waren, Beamons Weltrekord zu überbieten.

1983 ließ er deshalb sogar ein US-Meeting in Colorado Springs auf 1.839 Metern über dem Meeresspiegel aus. Calvin Smith nutzte seine Abwesenheit und stellte einen neuen 100-Meter-Weltrekord in einer Zeit von 9,93 Sekunden auf. Evelyn Ashford tat dasselbe bei den Frauen in einer Zeit von 10,79 Sekunden. Wieder auf Meereshöhe wollte Lewis im gleichen Jahr bei den US-Meisterschaften in Indianapolis die Zeit von Mennea schlagen. Fünf Meter vor dem Ziel ließ sich der Sprinter von der Menge feiern, zu früh wie sich herausstellte. Lewis nahm die letzte Pace aus seinem Rennen, was ihm als Arroganz ausgelegt wurde und ihm letztlich den Weltrekord kostete: Lewis gewann in 19,75 - ein neuer US-Rekord war es dennoch.

Zu diesem Zeitpunkt war Lewis gerade einmal 22 Jahre alt. Jeder im Publikum hatte das Gefühl, dass er es sein würde, der den 200-Meter-Rekord eines Tages brechen würde. Tatsächlich aber würde er Menneas Rekord in seiner ganzen Karriere niemals unterbieten, und er würde auch nie weiterspringen als Bob Beamon, dessen Rekord am Ende von einem gewissen Mike Powell abgelöst wurde. Powell sprang bei der Weltmeisterschaft 1991 in Tokio zur Überraschung aller 5 cm weiter als Beamon und hält den Rekord bis heute – nunmehr seit 28 Jahren. Zu große Arroganz konnte man Mike Marsh in Barcelona nicht vorwerfen.

Er tat, was jeder Athlet an seiner Stelle getan hätte. Er lag vorne, er wollte sich für das Finale qualifizieren, er wollte für das entscheidende Rennen noch genug Saft im Tank haben, also trat er auf die Bremse. Ein Jahr nach seinem verrückten Lauf sagte Marsh der Los Angeles Times: "Ich habe einfach die Anweisungen von Trainer Tellez befolgt. Es war klar: Wenn ich vorne lag, sollte ich langsamer werden, um noch etwas zurückzuhalten. Wie hätte ich wissen können, dass ich kurz vor Menneas Rekord stehe? Ich hatte keine Ahnung, dass ich so schnell unterwegs war." Bereut er, dass er einen Weltrekord hergeschenkt hat? "Manchmal denke ich zurück und sage mir: Warum bist du nur langsamer geworden, du Narr? Aber so ist das Leben. Ich kann es nicht mehr ändern."

Olympiagold statt Weltrekord

Heute weiß man: Auf den ersten 190 Metern des Rennens war Marsh zum damaligen Zeitpunkt der Schnellste, der je über 200 Meter gemessen wurde. Unter Berücksichtigung eines leichten Gegenwindes von - 0,2 m/s zeigten spätere Analysen, dass Marsh mit einer Zeit von 19:65 Sekunden ins Ziel gekommen wäre, hätte er seinen Lauf nicht abgebremst. Am 6. August 1992, dem Tag des olympischen Finales von Barcelona, stieg Mike Marsh mit einer fixen Idee im Kopf den Montjuïc-Hügel zum Olympiastadion hinauf: Hol dir den Titel und wirf Mennea von seinem Podest, das war sein Plan. Michael Johnson war im Halbfinale ausgeschieden, nur Frankie Fredericks, der Silbermedaillengewinner über die 100 Meter, konnte ihm noch gefährlich werden.

Marsh kam nicht so gut aus den Blöcken wie am Vortag, aber am Kurvenausgang lag er wieder an der Spitze des Feldes. Und dieses Mal bremste er nicht, zog durch und lief als Erster über die Ziellinie. Er stemmte die Hände in die Hüften und schaute gebannt auf die Anzeige. Sein Gesicht zeigte kein Lächeln, keinerlei Emotionen, obwohl er sich jetzt Olympiasieger nennen durfte. Seine Zeit: 20,01 Sekunden. Der Gegenwind von einem Meter/Sekunde, ließ keine bessere Zeit zu.

Mike Marsh, Olympiasieger über 200m von 1992

Mike Marsh, Olympiasieger über 200m von 1992Getty Images

"Ich habe viele Jahre in dieses Rennen investiert und es hat sich ausgezahlt", sagte er nach dem Finale. "Ich bin nicht so schnell gelaufen, wie ich es gerne wollte, aber ich habe die Goldmedaille gewonnen und das ist das Wichtigste. Nach meine 19,73 im Halbfinale dachte ich natürlich, dass ich heute den Weltrekord brechen könnte. Aber ich war viel müder als ich dachte. Sehr schade, dass ich im Halbfinale nicht konsequent durchgelaufen bin und einen Weltrekord erzielt habe. Aber Weltrekorde kommen und gehen, ich habe jetzt Olympiagold in meiner Tasche."

Mit dem Olympiasieg ging Mike Marsh in die Geschichte ein. Aber die sportliche Unsterblichkeit war ihm innerhalb einer Hundertstelsekunde entglitten.

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