Herr Lesser, das Casting zur Nachfolge Ihres Zimmernachbarn Arnd Peiffer – war das eine klare oder eine knappe Entscheidung?
Erik Lesser: Das war eine klare Entscheidung. Der erste, der die Chance bekommen hat, hat sie auch gnadenlos genutzt. Das war ein regelrechter Killer.
Benedikt Doll?
Östersund
Weltcup-Auftakt in Östersund: DSV gibt Aufgebot bekannt
23/11/2021 AM 15:25
Lesser: Korrekt.
Sie haben also gefragt, ob er will?
Lesser: Nein. Er hat gefragt, ob er darf.

Benedikt Doll, Erik Lesser

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Deutschlands Biathletinnen und Biathleten haben die finale Vorbereitung in diesem Jahr ungewöhnlicherweise getrennt voneinander absolviert. Warum war das so?
Lesser: Wenn man die Möglichkeit hat, im November zur Vorbereitung nach Skandinavien zu fliegen oder in die Alpen, dann gibt es nur eine Möglichkeit – und das ist Skandinavien.
Warum?
Lesser: Wir waren, wie schon im letzten Jahr, nördlich des Polarkreises in Finnland. Dort gibt es ein riesiges Schneedepot, und es hätte auch bei warmem Wetter auf alle Fälle eine Fünf-Kilometer-Runde gelegen. Das findet man so nirgendwo. In Obertilliach (wo die deutschen Biathletinnen waren, d. Red.) hat man genau das Problem, dass du dir unter Umständen bei schlechten Bedingungen das Vertrauen für den Winter holen sollst. Ich wollte zur Vorbereitung definitiv genau dort sein, wo ich war. Es gibt andere, denen es dort oben zu dunkel ist und denen das nicht so richtig gefällt. Aber am Ende zählt, zum Weltcupstart in Form zu sein. Und dann muss man die Augen halt mal ein paar Tage lang etwas weiter aufmachen, damit es heller wird.
Mit dem Rücktritt von Arnd Peiffer sei die letzte Bastion im DSV-Team gefallen, sagten Sie im Frühjahr. Was nun?
Lesser: Wir haben jetzt definitiv keinen mehr, der aus heiterem Himmel mal eine WM-Medaille holt – was Arnd seit 2019 gerne getan hat. Selbst die Spiele 2018 in Pyeongchang waren in der Form schon eine völlige Überraschung (Peiffers Goldmedaille im Sprint, d. Red.). Jetzt müssen wir im Team unser Zeug machen, dürfen uns keine Ausfälle erlauben. Ich glaube, wenn erst einmal ein gewisser Fluss drin ist, am Schießstand alle gleich gut arbeiten, kommt vieles auch ein bisschen von alleine.

Arnd Peiffer hat seine Biathlon-Karriere beendet

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Warum ist es dem DSV in den letzten Jahren nicht gelungen, die jungen Biathleten in voller Qualität auszubilden?
Lesser: Wir haben es als Biathlon-Deutschland, aus welchen Gründen auch immer, zuletzt nicht geschafft, dass alle Athleten in jedem Jahr ihre nächsten Schritte gehen. Es gab bei jedem einzelnen Sportler individuelle Probleme, wo etwas nicht umgesetzt wurde. Mein Lieblingsbeispiel sind die Schießzeiten von 35 Sekunden bei der Junioren-WM. Das ist definitiv zu langsam.
Sie selbst peilen ja eine Trainerkarriere an. Was würden Sie, wenn Sie aktuell Bundestrainer wären, grundsätzlich anders machen?
Lesser: Hm. Dazu will ich jetzt nichts sagen.
Sehr diplomatisch. So kennt man Sie gar nicht.
Lesser: Darum geht es gar nicht. Aber wenn ich die Frage beantworte, würde es so klingen, als wäre ich unzufrieden. Jeder Trainer hat seine individuellen Stärken – ich hoffe, das gilt dann auch für mich.
Von welchen Grundsätzen wird Ihre Arbeit als Trainer später getragen sein?
Lesser: Fünf Meter neben mir steht meine Xbox. Gestern Abend habe ich bis 24 Uhr noch Formel 1 gespielt, bin in Aserbaidschan noch einen Grand Prix gefahren. Das Haupttraining – bei uns beginnt das in der Regel um neun Uhr – muss laufen. Alles andere ist mir eigentlich egal. Man sollte in seiner Freizeit natürlich nicht noch mal laufen gehen – aber man soll auch mal Quatsch machen können. Von unserem Physiotherapeuten haben wir eine geile Geschichte gehört: Der bekam als Junior im Langlauf mal Ärger, weil er sich mit Kollegen mit Kameras im Wald versteckt und auf der Strecke Mehl verstreut hat. Das führt unweigerlich zu extremen Stürzen. Sie haben mit 40 km/h eine Abfahrt gemacht – und durch das Mehl bleibt dann einfach der Ski komplett stehen. Wenn man da drüber fährt, hat man das Gefühl, es reißt einem die Bindung aus dem Ski. Nicht den Schuh aus der Bindung. So etwas ist natürlich übertrieben. Aber man muss einfach auch ein bisschen Blödsinn machen.
Wird dieser olympische Winter Ihr letzter im Weltcup sein?
Lesser: Nein, das ist nicht in Stein gemeißelt. Bei einer Heim-WM (2023 in Oberhof, d. Red.) sollte man schon mehr nachdenken, ob man auf die verzichtet oder nicht. Alles ist offen, aber es wird definitiv meine letzte olympische Saison.
Was machen die Norweger besser als die Deutschen – dass sie es, wie im letzten Jahr, schaffen, einen Mann wie Sturla Holm Lägreid praktisch aus dem Nichts zum zweitbesten Biathleten im Gesamtweltcup zu machen?
Lesser: Ich denke, dass die norwegische Mannschaft vom Talent, von den Fähigkeiten her aktuell etwas mehr Möglichkeiten hat als wir. Aber vielleicht arbeiten sie auch etwas zielstrebiger an ihren Problemen oder an ihrer grundsätzlichen Leistungsfähigkeit. Sie machen keine Fehler, was zu viel Belastung angeht. Sie kommen selten in die Situation, wo sie Angst vor Übertraining haben müssen. Das ist bei uns in den letzten Jahren schon öfter mal bei einigen Athleten der Fall gewesen. Auch bei mir, im letzten Jahr im Oktober. Wo ich einfach nicht mehr konnte. Wo ich gesagt habe: Hey, ich bin fix und fertig, ich brauch‘ Urlaub. Während die Norweger sagen: Wegfahren wäre schon ganz cool – aber Training geht auch noch. Sie haben einfach immer diese Geilheit.

Sturla Holm Laegreid (Norwegen) beim Massenstart bei der Ski-WM in Pokljuka

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Klar ist, dass bei den deutschen Biathleten ein Umbruch ansteht. Entweder nach dem Heim-WM in Oberhof, oder auch schon nach Olympia – oder ist der Prozess in Ihren Augen längst im Gange, sozusagen schleichend?
Lesser: (lacht) Der Verband hätte natürlich lieber den schleichenden Umbruch. So dass er immer nur einen Athleten ersetzen muss. Aber du kannst ja nicht in die Sportler hineinschauen, wann sie nun aufhören. Wenn man sich immer nur daran misst, ums Gelbe Trikot kämpfen zu wollen, ist ein Umbruch immer etwas Schlechtes. Weil man vor etwas Ungewissem steht. Aber wenn es um den einzelnen Sportler geht und der sich verbessert, ist es doch gut. Wie Janina Hettich, die im letzten Jahr aus ihren Möglichkeiten alles herausgeholt hat. Da kann sie selbst ja nichts dafür, wenn einige Fans vielleicht noch Laura Dahlmeier hinterher weinen.
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