Biathlon in Östersund - DSV-Coach Jens Filbrich im exklusiven Interview: Schießen bei Männern wichtiger

Jens Filbrich spricht vor seiner ersten Saison als Co-Trainer der deutschen Biathlon-Männer im Weltcup im exklusiven Interview mit Eurosport. Der Gewinner von mehreren olympischen Medaillen im Langlauf erklärt dabei, wieso die norwegischen Athleten bei den ersten Testrennen bereits dominierten und warum der Wechsel vom Langlauf zum Biathlon bei den Frauen einfacher ist.

Biathlon-Bundestrainer Jens Filbrich in Aktion

Fotocredit: Imago

Vor 18 Monaten wechselte der frühere Langläufer Jens Filbrich, 2002 und 2006 olympischer Bronze- und Silbermedaillengewinner mit der deutschen Staffel, von den Spezialisten zum Biathlon.
Nach nur einer Saison im zweitklassigen IBU-Cup startet der 44-jährige Thüringer nun als Co-Trainer der DSV-Skijäger in seinen ersten Weltcupwinter.
Dort wollen Benendikt Doll und Co. nach einem eher mageren Winter 2022/23 wieder vorne angreifen, auch wenn die Norweger um Dominator Johannes Thingnes Bö sich augenscheinlich bereits in starker Frühform befinden.
Vor den Auftaktrennen am Samstag in Östersund (live bei Eurosport 1 und bei discovery+) spricht Filbrich im exklusiven Interview mit Eurosport über seinen rasanten Aufstieg, die immer schnelleren Schießeinlagen im Männerbereich und einen gewaltigen Vorteil der norwegischen Konkurrenz.
Herr Filbrich, Ihr Wechsel vom Langlauf zum Biathlon im vergangenen Frühjahr kam für viele überraschend. Was war für Sie ausschlaggebend bei dieser Entscheidung?
Jens Filbrich: Ich habe nach einer neuen Herausforderung gesucht. Und ich bin natürlich extrem froh, dass das im letzten Jahr dann auch geklappt hat. Wobei ich nicht im Argen mit dem Langlauf auseinandergegangen bin. Ganz im Gegenteil. Außerdem bin ich ja auch familiär ein bisschen vorbelastet: Mein Vater war Biathlontrainer, meine Frau war Biathletin. Von daher ist das für mich fast ein normaler Weg.
Es gab in der Vergangenheit sehr viele sehr erfolgreiche Wechsel vom Langlauf zum Biathlon, Magdalena Forsberg, Kati Wilhelm und Denise Herrmann-Wick zum Beispiel. Auffallend dabei ist, dass das im Grunde ausschließlich bei Frauen so gut klappt und kaum ein Mann diesen Wechsel wagt. Woran liegt das?
Filbrich: Wenn ich das jetzt sagen würde… das ist natürlich ein Haifischbecken.
Steigen Sie ruhig hinein.
Filbrich: Ich sage mal ganz vorsichtig: Die Leistungsdichte im Langlauf oder auch im Biathlon ist bei den Damen nicht ganz so extrem wie im Männerbereich. Deshalb ist es im Frauenbereich, wenn man vom Langlauf zum Biathlon wechselt und dort auch mit Talent an der Waffe arbeiten kann, vielleicht schneller möglich, erfolgreich zu sein. Der Männer-Biathlon ist skiläuferisch und von den Laufgeschwindigkeiten inzwischen gar nicht mehr so weit weg vom Langlauf. Ein extrem gutes Schießen ist da noch wichtiger - weil sowieso alle schnell laufen. Deshalb geht es mittlerweile hauptsächlich wirklich um ein ganz, ganz schnelles Schießen.
Sie haben ein Jahr als Langlauf- und Athletik-Trainer für die deutschen Biathletinnen und Biathleten im zweitklassigen IBU-Cup gearbeitet, jetzt sind Sie schon Co-Trainer des Weltcup-Teams. Das ging schnell, finden Sie nicht?
Filbrich: Ja. Natürlich bin ich da sehr demütig und auch dankbar, diese Möglichkeit innerhalb einer so kurzen Zeit bekommen zu haben. Ich weiß, das ist sehr besonders, vor allem im Biathlongeschäft. Das macht mich auch ein Stück weit stolz. Aber klar: Es ist eine große Herausforderung, eine große Aufgabe.
Ein wichtiger Grund, warum es für Sie persönlich so schnell aufwärts ging, sind die Defizite im Laufbereich, die Sportdirektor Felix Bitterling angemahnt hat. Haben Sie denn schon Fortschritte ausgemacht?
Filbrich: Laufökonomisch haben wir Fortschritte gemacht, das haben wir über Laufbandanalysen festgestellt. Und die Hauptschwerpunkte im Technikbereich - beim Johannes Kühn zum Beispiel sollte bei der Führarmseite der Arm nicht zu weit außen eingesetzt werden, sondern immer mehr nach innen gerichtet sein - das sind kleine schleichende Prozesse. So eine Technik wurde millionenfach gelaufen, das ist so manifestiert im Kopf des Athleten, gerade bei den älteren. Das dauert lange, um so etwas zu verbessern. Das muss man ganz bewusst immer und immer wieder angehen. Aber ich bin als Mensch ziemlich positiv gestrickt. Deshalb sage ich: Lauftechnisch machen wir eigentlich keinen schlechten Eindruck.
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Quelle: Eurosport

Bei jungen Athleten fallen solche technischen Veränderungen naturgemäß leichter. Aber mit dem Nachwuchs sieht es gerade im männlichen Bereich des DSV ja ziemlich schlecht aus.
Filbrich: Ganz so schlecht finde ich es jetzt nicht. Wir haben im März immerhin auch Juniorenweltmeister*innen gehabt und die erfolgreichste Junioren-WM aller Zeiten. Es gibt schon Nachwuchs - aber wir müssen zusehen, dass da schnell größere Schritte gemacht werden. Damit wir auch in die Weltcup-Mannschaft wieder einen richtig guten Zug reinkriegen. Dass junge Talente nachrücken und auch gleich Gas geben. Das ist ja der Riesenvorteil, den Norwegen hat: Die haben dort eine unglaubliche Masse an Leuten, die Feuer unters Dach bringen. Klar, bei uns ist da eine Lücke aufgegangen. Aber ich denke, wenn wir mit den Junioren-WM-Medaillen im Rücken jetzt schnell Anschluss finden, muss man das in zwei, drei Jahren gar nicht so negativ sehen.
Der langjährige Männer-Bundestrainer Mark Kirchner, der jetzt als übergreifender Nachwuchscoach für den DSV arbeitet, findet, der Leistungsgedanke müsste hierzulande wieder mehr in den Mittelpunkt rücken.
Filbrich: Ich glaube, ich weiß in welche Richtung Mark Kirchner da will. In die Kraftausdauersportarten muss man brutal investieren, hartes Training mögen, durch viele Tiefs gehen, sich immer wieder aufrappeln, bei Wind und Wetter rausgehen. Das ist nicht jedermanns Sache. Und vielleicht ist die deutsche Gesellschaft in den vergangenen Jahren immer etwas weicher geworden. Aber im letzten Jahr im IBU-Cup und jetzt mit dem Weltcupteam - bei den Jungs muss ich kein Feuer anzünden. Die sind alle heiß. Das sind Athleten, die vor entscheidenden Jahren stehen und sehr motiviert sind.
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Quelle: Eurosport

Bei den ersten Testrennen der Saison vor knapp zwei Wochen in Sjusjoen sind die norwegischen Biathlet:innen der internationalen Konkurrenz in der Loipe regelrecht davongeflogen. Waren Sie da etwas geschockt, als Sie das gesehen haben?
Filbrich: Geschockt ist vielleicht der falsche Ausdruck. Es war für uns eine erste Standortbestimmung, wo wir leistungsmäßig und materialtechnisch stehen. Nach dem Fluorverbot war für uns erst mal wichtig zu wissen, dass wir absolut fluorfrei sind und bei den Kontrollen keine Probleme haben. Und dann war natürlich auch wichtig zu sehen, wie wir den neuen Wachsen im Materialvergleich zu den anderen Nationen dastehen. Es ist ein bisschen schwierig einzuschätzen, da bin ich ehrlich. Bei den Rennen hatten wir Bedingungen mit minus zwei Grad, teilweise starkem Schneefall. Ich will die Stärke der Norweger nicht nur auf das Material schieben. Aber das hatte schon einen sehr großen Einfluss, dass sie so geballt vorneweg gelaufen sind.
Was wäre für Sie in der aktuellen Situation ein erfolgreicher Winter?
Filbrich: Ich kenne das aus meiner aktiven Zeit und weiß auch, wie man im DSV denkt. Wir haben natürlich schon das Ziel, bei Weltmeisterschaften Medaillen zu gewinnen. Es wäre auch falsch, das nicht als Ziel auszugeben. Warum sollte man das, wenn man so viele erfolgreiche Jahre hatte, zurückschrauben? Es ist ja auch wichtig, was im Kopf passiert. Und mit einem Quäntchen Glück, das im letzten Jahr hie und da fehlte, ist man auch ganz schnell wieder auf dem Podest. Und das würde ich beiden deutschen Teams zutrauen, definitiv.
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