Michael Rösch zieht exklusiv Bilanz der Biathlon-Saison 2025/26: "Es herrscht beim DSV keine Weltuntergangsstimmung"

Die Zahlen sind schwach, das Potenzial dennoch vorhanden: Für Michael Rösch ist die deutsche Biathlon-Saison differenzierter zu bewerten, als es die Bilanz vermuten lässt. Oft fehlten nur Kleinigkeiten zum Podium. Das Kernproblem: Die Komplexleistung aus Laufen und Schießen passt zu selten zusammen - doch gerade bei den jungen Athletinnen macht Rösch im Eurosport-Interview Hoffnung auf eine Wende.

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Quelle: Eurosport

Die deutsche Biathlon-Nationalmannschaft blickt auf eine Saison zum Vergessen zurück. Eine schwache Weltcup-Bilanz, nur wenige Podestplätze und auch bei den Olympischen Spielen blieb der große Erfolg aus.
Lediglich die Mixed-Staffel rettete mit Bronze die Bilanz, die insgesamt deutlich hinter den Erwartungen zurückblieb. Im internationalen Vergleich ist Deutschland zuletzt ins Hintertreffen geraten.
Wie ist diese Entwicklung einzuordnen? Woran hapert es im deutschen Team und wie groß ist das vorhandene Potenzial wirklich?
Olympiasieger Michael Rösch analysiert im Interview mit Eurosport die Gründe für die schwache Saison, spricht über strukturelle Probleme - und erklärt, warum er trotz allem keinen Grund für Alarmismus sieht.
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Es ist die schlechteste Weltcup-Bilanz der deutschen Biathlon-Geschichte. Kein Sieg, wenige Podien. Wie lässt sich dieser bescheidene Winter beschreiben?
Michael Rösch: Fakt ist: Es gab 30 Rennen in Einzel-Disziplinen, in denen mindestens eine DSV-Athletin oder -Athlet aufs Podium hätte kommen können. Oder auch das Damen-Einzel bei den Olympischen Spielen: Vanessa Voigt mit einer schnelleren Schießzeit, Janina Hettich-Walz mit einem Fehler weniger, Franziska Preuß mit zwei Fehlern weniger - und es hätte anders ausgesehen. Ähnlich sieht es bei den Männern aus. Das zieht sich durch die Rennen, es gibt viele Beispiele aus diesem Winter. Deshalb würde ich mich der pauschalen Aussage nicht anschließen, dass Weltuntergangsstimmung herrscht im deutschen Biathlon. Faktisch ist es natürlich die schlechteste Weltcupbilanz, aber man muss und kann an einigen Stellschrauben drehen. Das Potenzial ist generell da - bislang allerdings eher physisch als tatsächlich auf dem Papier.
Biathlon ist immer die Komplexleistung aus Schießen und Langlaufen. Im DSV-Team gibt es einige wie Julia Tannheimer im Laufbereich, die in einer Teildisziplin top sind, aber eben nicht in beiden. Wie erklärt es sich, dass es so selten geklappt hat, beides in einem Rennen zusammenzubekommen?
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Michael Rösch ist Biathlonexperte bei Eurosport

Fotocredit: Getty Images

Rösch: Biathlon besteht dieser Komplexleistung. "Tanne" (Julia Tannheimer, A.d.R.) ist im Schnitt 3,2 Prozent schneller als der Durchschnitt. Damit ist sie mit 20 Jahren schon die siebtschnellste Athletin im Weltcup. Aber: Sie hat eine Schießquote von 78,3 Prozent in den Einzelrennen. Das ist das perfekte Beispiel dafür, was eigentlich möglich wäre. Auch Janina Hettich-Walz ist im Schnitt die Zehntschnellste der Welt, steht aber nur bei 82,4 Prozent Schießquote. Das ist diese Kunst. Gerade im deutschen Frauenteam ist das so komplex. Du hast mit Vanessa Voigt und Hettich-Walz zwei ältere Athletinnen und mit Selina Grotian, Julia Tannheimer sowie Marlene Fichtner drei ganz junge Biathletinnen. Bei den Jüngeren ist es absolut normal, dass die Komplexleistung nicht in jedem Rennen kommt. Bis das passt, braucht es Zeit und Geduld. Die hat in der deutschen Medienlandschaft aber kaum jemand. Am Ende steht dieses mäßige Gesamtbild, das gleichzeitig auch bezeichnend ist.
Es gibt aktuell nur Philipp Nawrath und Philipp Horn, die das Potenzial für vorne haben. Das ist für die Gruppe extrem wichtig.
Mit Philipp Nawrath scheint die DSV-Auswahl genau einen Athleten zu haben, der punktuell in der absoluten Spitze mithalten kann. Wie wichtig ist es für ein Team, dass man auch im Training Kollegen/Kolleginnen hat, die zu den Top 3 gehören, um sich zu orientieren und mitreißen zu lassen?
Rösch: Es gibt aktuell nur Philipp Nawrath und Philipp Horn, die das Potenzial für vorne haben. Das ist für die Gruppe extrem wichtig. Deshalb habe ich mich als junger Sportler immer an den Besten orientiert. Wenn du einen der Besten im Team hast, in diesem Fall Nawrath, ist es absolut wichtig, dass du dich mit dem sehr oft messen kannst. Das betrifft bei den DSV-Männern vor allem Elias Seidl, Franz Schaser und Leonhard Pfund. Ich sehe Potenzial bei den Jungs.
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Insgesamt wirkt es bedenklich, dass die Biathlon-Nation Deutschland nicht nur gegenüber einem Konkurrenten zurückgefallen ist, sondern Frankreich, Norwegen und Schweden im Dreierpack in einer anderen Liga spielen. Haben Sie dafür eine Erklärung?
Rösch: Es sieht schon brutal aus. Wenn man die einzelnen Rennen und den Gesamtweltcup betrachtet, liegt man von den Punkten her weit zurück. Du kannst eine Kurve ziehen - und die geht nach unten. Nach dieser Saison, in der das Potenzial ja vorhanden war, aufs Podium zu laufen, musst du knallhart arbeiten. Das machen die Athleten natürlich, aber es gilt dafür zu sorgen, dieses Podest-Potenzial mehr auszuschöpfen. Das ist schwierig und komplex, da gehören viele Puzzleteile dazu. Da spielt auch das Trainerkarussell und die Grundauslegung des neuen Sportdirektors Bernd Eisenbichler, wo es in Zukunft hingehen soll, eine Rolle.
Der scheidende Sportdirektor Felix Bitterling hat eingeräumt, dass der DSV die Ziele in diesem Winter verpasst hat. Biathlon ist extrem populär in Deutschland - aber wie lange noch, wenn es über Jahre keine großen Erfolge geben sollte?
Rösch: Das Biathlon-Publikum ist allgemein sehr international. Die klassische Zuschauerschaft ist älter als 60. Da muss man schauen, wie man das deutsche Publikum schon in jungen Jahren binden kann. Ich habe das Gefühl, dass die TV-Quoten an sich etwas rückläufig sind. Aber: Es gab auch im Skispringen immer mal wieder Phasen, wo der Hype weg war. Uns fehlt im deutschen Biathlon aktuell die große Strahlfigur, wie es bis vor kurzem Franziska Preuß war. Das geht uns derzeit sowohl bei den Männern als auch bei den Frauen ab. Ohne zu großen Druck aufzubauen: Ich glaube, dass mit jungen Aktiven wie Grotian, Tannheimer und Co. mit so großem Potenzial durchaus vieles möglich ist. Insgesamt bin ich der Auffassung, dass Biathlon international stark aufgestellt ist und es da keinen massiven Bruch geben wird.
Im Damen-Team fallen mit Sverre Röiseland und Kristian Mehringer zwei Coaches weg. Wen wünschen Sie sich auf diesen Positionen und ist es sogar gut, dass nun zwangsläufig neue Impulse kommen?
Rösch: Die Frage ist: Sucht der Verband wieder gezielt jemanden aus dem Ausland? Jonne Kähkönen wäre als Schießtrainer zum Beispiel frei. Oder Armin Auchenthaler, der ja schon mit Bernd Eisenbichler in den USA zusammengearbeitet hat. Oder Sandra Flunger, von der ich sehr viel halte und die in der Schweiz auch einiges bewegt hat. Oder man sagt: Wir haben gut ausgebildete Trainer hier. Da würde mir zum Beispiel Andreas Birnbacher einfallen. Das wäre die klassische, nachvollziehbare Alternative. Aber das ist natürlich eine Frage des DSV und der Führung, für welchen Schritt man sich entscheidet.
Da muss man dann vielleicht die Top 40 als Ziel setzen. Zu Beginn meiner Karriere habe ich auch permanent auf die Fresse bekommen, das ist halt so!
Bei den Männern bleiben Tobias Reiter und Jens Filbrich in der Verantwortung - allerdings sieht es da im Vergleich mit den Frauen in Sachen Talent-Pool nicht so gut aus. Welche Hebel hat man dennoch, um die Wende einzuläuten?
Rösch: Wenn man sich die Junioren-Weltmeisterschaft anschaut, sieht man etwa Athleten aus Lettland und Polen, die sowohl dort als auch bei Olympia dabei waren. Im deutschen Team ist das schwieriger, weil man viel mehr Leute hat. Ich bin immer ein Freund davon, jüngere Athleten mitzunehmen. Leonhard Pfund hat in Nove Mesto angedeutet, was er drauf hat, ist aber schnell wieder auf dem Boden der Tatsachen gelandet. Da muss man dann vielleicht die Top 40 als Ziel setzen. Das ist für den Zuschauer draußen natürlich zu wenig, aber es ist der ganz normale Weg. Da musste ich früher ebenfalls durch. Zu Beginn meiner Karriere habe ich auch permanent auf die Fresse bekommen, das ist halt so!
Welcher Athlet und welche Athletin war für Sie die große Entdeckung des Winters 2025/2026?
Rösch: Da würde ich zum einen den 17-jährigen Rihards Lozbers nennen. Der Lette ist der jüngste Athlet, der im Weltcup jemals Teil des Massenstarts war und Punkte geholt hat. Das ist krass und das hat die Biathlon-Welt so noch nie gesehen. Bei den Frauen fand ich es sehr beeindruckend, was Maren Kirkeeide mit dem Olympiasieg abgeliefert hat. Da sieht man aber auch: Über die Deutschen wird gerne viel geschimpft, aber Marens Leistungen waren bei den vergangenen drei Weltcup-Stationen etwas schwächer. Nur: Mit 23 ist es absolut normal, dass man das Level nicht durchgehend halten kann. Aus deutscher Sicht würde ich gerne Julia Tannheimer nennen. Was sie läuferisch abspult, ist in diesem Alter von einem anderen Stern.
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Botn hält Nawrath in Schach - Highlights zum Massenstart

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