Olympia 2026 - Biathlon: Michael Rösch traut Staffel der Männer viel zu - "Wenn sie das hinkriegen, klingelt's"
VonCorinna Horn
Publiziert 17/02/2026 um 13:15 GMT+1 Uhr
Die Männerstaffel bei Olympia verspricht ein Rennen auf Messers Schneide. Norwegen und Frankreich gehen als Topfavoriten an den Start, doch auch das deutsche Quartett rechnet sich realistische Chancen aus. Entscheidend wird vor allem die Nervenstärke am Schießstand sein. Olympiasieger Michael Rösch analysiert die Ausgangslage – und sieht für das DSV-Team mehr als nur Außenseiterchancen.
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Quelle: Eurosport
Für Deutschland gehen am Dienstag Justus Strelow, David Zobel, Philipp Nawrath und Philipp Horn in der Olympia-Staffel an den Start. Dass das Quartett konkurrenzfähig ist, hat es in diesem Winter mehrfach gezeigt.
Doch in der Verfolgung leisteten sich die vier Athleten insgesamt 18 Schießfehler – zu viele, um im Kampf um die Medaillen bestehen zu können. Soll es diesmal fürs Podium reichen, muss die Trefferquote deutlich nach oben.
"Die Jungs können alle schießen. Wichtig ist dieses Selbstverständnis, dieses Auftreten: Brust raus, heute ist unser Tag. Wenn das zusammenkommt, dann klingelt's - davon bin ich überzeugt", sagt Staffel-Olympiasieger und Eurosport-Experte Michael Rösch vor dem Rennen im Interview.
Eine Olympia-Medaille der deutschen Männer liegt inzwischen einige Jahre zurück: 2018 in Pyeongchang gewannen Erik Lesser, Benedikt Doll, Arnd Peiffer und Simon Schempp Bronze. Der letzte Olympiasieg datiert sogar aus dem Jahr 2006. Damals triumphierten Ricco Groß, Michael Rösch, Sven Fischer und Schlussläufer Michael Greis in Cesana San Sicario mit 20,9 Sekunden Vorsprung vor Russland, Bronze ging an Frankreich.
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Justus Strelow, David Zobel, Philipp Nawrath und Philipp Horn gehen in der Staffel für Deutschland an den Start. Was Sie diesem Quartett zu?
Michael Rösch: Alles. Ich war lange am Schießstand und habe mit vielen Trainern aus verschiedenen Nationen gesprochen. Der Tenor war überall derselbe: In einer Staffel kann alles passieren. Gerade bei Olympia ist vieles anders als im Weltcup-Alltag. Wenn man sich die bisherigen Ergebnisse anschaut, kann alles passieren. Aus deutscher Sicht sage ich: Warum nicht? Es hängt viel vom Startläufer ab. Justus hat das bislang gut gemacht. Für mich ist entscheidend, dass er die Staffel sauber ins Rennen bringt. Die ganz große Konkurrenz sehe ich eher auf den hinteren Positionen. Das spielt Justus in die Karten. Norwegen schickt Uldal als Startläufer, Frankreich Claude - an denen wird er sich orientieren müssen. Es sind nur siebeneinhalb Kilometer – da geht es darum, ruhig zu bleiben und gut durchzukommen. Wenn er das Rennen gut eröffnet, kann er die Staffel ins Laufen bringen.
Philipp hat in der Vergangenheit gezeigt, dass er mit Druck umgehen kann.
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David Zobel und Justus Strelow am Schießstand.
Fotocredit: Getty Images
Die deutschen Herren standen in diesem Winter einmal auf dem Podium – in Ruhpolding mit Strelow, Riethmüller, Zobel und Nawrath. Philipp Horn fehlte damals krankheitsbedingt. Nun läuft er in der Staffel auf der Schlussposition. Warum ist er aus Ihrer Sicht die richtige Wahl für diese Position?
Rösch: Ich war zunächst etwas überrascht, weil normalerweise Philipp Nawrath auf der Schlussposition läuft. Aber ich finde die Entscheidung nicht schlecht. Das hat ein bisschen Lenzerheide-Vibes von der WM letztes Jahr – und dort hat es ja funktioniert mit dem Podium. Entscheidend wird das Nervenkostüm sein. Bei der WM 2020 ist er auf Position zwei gelaufen und hat damals Martin Fourcade in Schach gehalten. Das ist zwar sechs Jahre her, aber solche Erfahrungen vergisst man nicht. Philipp hat in der Vergangenheit gezeigt, dass er mit Druck umgehen kann. Läuferisch bringt er auf jeden Fall die Voraussetzungen mit. Er gehört hier zu den Schnellsten im Feld, im Schnitt etwa Elfter. Nawrath ist nur minimal dahinter. Im Grunde hätte man beide auf die Schlussposition setzen können.
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Justus Strelow und Philipp Horn im Training.
Fotocredit: Getty Images
Läuferisch konkurrenzfähig, am Schießstand zuletzt aber zu anfällig – was muss im Vergleich zu den Einzelrennen besser werden, damit die Staffel im Medaillenkampf eine Rolle spielt?
Rösch: Es ist eigentlich ganz einfach: Mit so vielen Fehlern wird es nicht reichen. Wenn jeder drei, vier Nachlader braucht, wird es nicht ausreichen. Du brauchst so einen Tag wie in der Mixed-Staffel, in der bis zum letzten oder vorletzten Schießen alles aufgeht. Wenn du so einen Lauf erwischst, ist alles drin. Aber das lässt sich nicht erzwingen – es ist dieser berühmte Tag X. Natürlich weiß jeder, dass es um alles geht. Und klar, du hast die drei Nachlader im Hinterkopf, auch wenn du versuchst, nicht daran zu denken. Entscheidend ist, mit voller Überzeugung an den Schießstand zu gehen – ohne eine Millisekunde Zweifel. Die Jungs können alle schießen. Wichtig ist dieses Selbstverständnis, dieses Auftreten: Brust raus, heute ist unser Tag. Wenn sie das hinkriegen, dann klingelt’s – davon bin ich überzeugt.
Dieses unbedingte Wollen, dieses "Ich zeige euch jetzt wie der Hase läuft" am Schießstand – das hatte ich damals.
Blicken wir 20 Jahre zurück: 2006 haben Sie mit Sven Fischer, Ricco Groß und Michael Greis Staffel-Gold gewonnen. Was ist von diesem Tag noch in Erinnerung?
Rösch: Ehrlich gesagt sind es nur noch Fetzen. Damals gab es ja noch DVDs – ich habe zu Hause sogar noch eine und habe mir das Rennen später tatsächlich ein paar Mal wieder angeschaut. Erst dann kamen Erinnerungen zurück. Letzte Woche saß ich mit Sven Fischer auf dem Sofa, wir haben das Rennen für einen TV-Beitrag gemeinsam angesehen – das war fast wie eine kleine Therapie. Plötzlich waren Bilder wieder da. Was ich noch weiß: Vor dem Rennen war ich extrem nervös. Es war ein Mittagsstart, die Zeit zog sich endlos. Ich habe im Apartment Staub gesaugt, abgewaschen, alles Mögliche gemacht, nur um mich abzulenken. Als Ricco dann auf mich übergeben hat, war ich im Tunnel. Ab diesem Moment lief alles wie im Film. Vom Rennen selbst weiß ich kaum noch Details – das ist meistens ein gutes Zeichen. Man funktioniert einfach. Dieses unbedingte Wollen, dieses 'Ich zeige euch jetzt wie der Hase läuft' am Schießstand – das hatte ich damals. Daran erinnere ich mich. Und genau so ein Gefühl wünsche ich auch den Jungs heute!
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Michael Greis, Sven Fischer, Michael Rösch und Ricco Groß jubeln über Olympia-Gold 2006.
Fotocredit: Getty Images
Wie ging es weiter?
Rösch: Der Rest war ein Rausch: Zieleinlauf, Siegerehrung, Pressekonferenz, Deutsches Haus – alles Schlag auf Schlag. Es war ein geiler, emotionaler aber auch sehr stressiger Tag. Die Sonne schien, wir hatten Gold – mehr geht nicht. Die Medaille habe ich übrigens in Antholz dabei. Man sieht ihr die 20 Jahre inzwischen an, sie sieht ziemlich abgeranzt aus. Sie liegt nicht dauerhaft in der Vitrine – ich nehme sie immer wieder mit zu Kinderveranstaltungen. Für kleine Kinder finde ich das immer ganz cool. Und ja – die Zeit sieht man nicht nur in meinem Gesicht, sondern auch an der Medaille.
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Ricco Groß, Michael Rösch, Sven Fischer und Michael Greis strahlen um die Wette.
Fotocredit: Getty Images
Sie gehörten 2006 zu den Favoriten. Wie sind sie mit diesem Druck umgegangen? Und ist es vielleicht manchmal angenehmer, als Außenseiter in ein Rennen zu gehen - wie zum Beispiel die Deutschen jetzt?
Rösch: Klar denkt man immer: Als Außenseiter hat man nichts zu verlieren. Wenn du zu den Favoriten zählst und dann nicht ablieferst, ist das ein bitteres Höschen. Dann tut es richtig weh. Aber ich fand das damals ehrlich gesagt geil. Ich hatte richtig Lust auf diese Rolle. Ich war 22, relativ unbekümmert – und ich wollte zeigen, dass ich da zu Recht stehe. Ich habe mich oft an unseren Staffelsieg in Ruhpolding erinnert, das hat mir Selbstvertrauen gegeben. Für mich war es kein zusätzlicher Druck, sondern eher ein Ansporn. Dieser Wille, der Rolle gerecht zu werden – das hat mich gepusht. Gut - ich war 22, ich habe mir da relativ wenig Waffel gemacht. Und genau das wünsche ich mir auch für die Jungs! Sie sind keine Außenseiter. Sie gehören mit zum Favoritenkreis. Und sie sollten das auch annehmen – mit breiter Brust. Gold wird schwer, keine Frage. Aber der Anspruch muss sein: Wir gehören aufs Podium.
Wir haben es schon erlebt, dass eine Nation im Weltcup dominiert – und bei WM oder Olympia schlägt plötzlich die andere zu.
Norwegen hat drei von vier Staffeln in dieser Saison gewonnen und gilt als großer Favorit. Sind sie wirklich unschlagbar – oder lebt dieser Mythos auch von ihrem Selbstverständnis?
Rösch: Ganz ehrlich: Vom Gefühl her sehe ich sogar Frankreich als Favoriten vielleicht sogar leicht vorne. Wenn man die Starter vergleicht – bei den Norwegern Uldal, Botn, Lägreid, Christiansen, bei den Franzosen Claude, Jacquelin, Fillon Maillet, Perrot – das sind krasse Namen. Läuferisch sind die Teams extrem dicht beieinander. Jede Staffel hat vielleicht irgendwo eine kleine Unbekannte. Bei Frankreich weiß man: Jacquelin ist eine echte Wundertüte, Perrot hinten raus extrem stark. Norwegen hat alle Staffeln außer Ruhpolding gewonnen. Aber solche Serien sagen bei Großereignissen nicht alles. Wir haben es schon erlebt, dass eine Nation im Weltcup dominiert – und bei WM oder Olympia schlägt plötzlich die andere zu.
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Norwegen jubelt über Silber von Vetle Sjaastadt Christiansen und Sturla Holm Lägreid im Sprint.
Fotocredit: Getty Images
Martin Uldal durfte im Sprint nicht starten und sprach anschließend öffentlich davon, sich "betrogen" zu fühlen. Jetzt steht Uldal in der Staffel, während Johannes Dale-Skjevdal zuschauen muss. Wie hält man als Athlet solche internen Nominierungsspannungen aus, ohne die Staffel zu belasten?
Rösch: Das ist schwierig. In jeder Mannschaft gibt es Namen, die fast gesetzt sind – aber unantastbar ist am Ende niemand. Man hat es im vergangenen Jahr bei der WM in Lenzerheide gesehen: Jacquelin durfte nicht laufen und hat seinem Ärger freien Lauf gelassen. Dass jetzt Johannes Dale-Skjevdal draußen sitzt, ist schon krass. Läuferisch gehört er zu den Schnellsten im Team, eigentlich ein absoluter Garant. Andererseits haftet ihm in Staffeln ein gewisser Ruf an, weil er hier und da Strafrunden geschossen hat. Vielleicht fällt die Entscheidung deshalb so aus. Dieser Konkurrenzkampf ist enorm. Ich kenne das selbst noch von 2006: Da wär es Alexander Wolf gewesen, der eigentlich für die Staffel nominiert worden wäre. Einer muss immer in die Röhre gucken – so hart ist das Geschäft. Für den Betroffenen ist das brutal, keine Frage. Natürlich kann so etwas kurzfristig auch das Mannschaftsklima beeinflussen. Aber bei einem Großereignis relativiert sich vieles schnell. Zwei Tage später ist der Fokus wieder klar. Zu Olympia will jeder ran.
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Johannes Dale-Skjevdal darf in der Staffel nur zuschauen.
Fotocredit: Getty Images
Verraten Sie uns noch Ihren Tipp: Wer holt Gold, Silber und Bronze - und welche Nation könnte für eine Überraschung sorgen?
Rösch: Die vier Nationen, die man ganz klar auf dem Zettel haben muss, sind Norwegen, Frankreich, Deutschland und Schweden. Die haben sich in den letzten Jahren die Medaillen bei Großereignissen mehr oder weniger untereinander aufgeteilt. Italien darf man auch nicht unterschätzen. Gerade bei Heimspielen wollen sie natürlich liefern. Wenn bei ihnen zwei Athleten durchkommen, ist da einiges möglich. Und auch Finnland hat hier starke Rennen gezeigt – vielleicht nicht zwingend für eine Medaille, aber definitiv für eine Überraschung im Kampf um die Topplätze. Okay, ich lege mich fest: Gold für Frankreich, Silber für Norwegen, Bronze für Deutschland. Das wäre zumindest mein Tipp – und natürlich auch meine Wunschvorstellung.
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