Rösch exklusiv: Final-Sturz von Jeanmonnot "eine Katastrophe" - Abschiedsparty für Bö "kompletter Abriss"
Update 25/03/2025 um 14:27 GMT+1 Uhr
Johannes Thingnes und Tarjei Bö haben sich am Sonntag von der großen Biathlon-Bühne verabschiedet. Nach den sportlichen Höhepunkten am Holmenkollen in Oslo wurden die norwegischen Ikonen gebührend gefeiert. "Das war ein kompletter Abriss", gab Eurosport-Experte Michael Rösch einen Einblick in die exklusiven Feierlichkeiten, bei denen auch Franziska Preuß und Lou Jeanmonnot im Mittelpunkt standen.
Bö-Brüder im großen Interview: "Don't drink and drive"
Quelle: Eurosport
Zwei Kronen für zwei Könige. Johannes Thingnes und Tarjei Bö rückten zum Abschluss ihrer illustren Karrieren am Holmenkollen in Oslo noch einmal ins Rampenlicht. Die Biathlon-Welt lag den beiden Legenden zu Füßen - daher musste auch die anschließende Party etwas Besonderes sein.
"Das war ein kompletter Abriss, die haben sich da abgeschädelt", erinnerte sich Eurosport-Experte Michael Rösch an den Festakt am Sonntagabend. "Irgendwann kamen Tarjei und Johannes mitsamt Kronen und Umhang dazu, zudem wurde extra ein norwegischer Rapper eingeflogen. Und dann standen die auf dem LKW oben - das war wirklich krass."
Im Mittelpunkt standen an diesem Tag auch Gesamtweltcupsiegerin Franziska Preuß und die tragisch gescheiterte Lou Jeanmonnot.
In der Loipe waren die beiden erbitterte Rivalinnen, abseits der Strecke konnten sie gemeinsam feiern. "Die eine hat verloren, die andere triumphiert - und trotzdem lagen sich alle in den Armen, waren froh, dass es vorbei ist", so Rösch.
Johannes Thingnes und Tarjei Bö verabschieden sich aus dem Weltcup. Wurde am Sonntag in Oslo die Nacht zum Tag gemacht?
Michael Rösch: In meiner langen Karriere habe ich schon viele Abschiedsfeiern erlebt. Man muss sich das folgendermaßen vorstellen: Da sind jeweils etwa 100 Athletinnen und Athleten, dazu noch wahrscheinlich dieselbe Anzahl an Betreuern und Technikern. Die Athleten verzichten zwischen November und März auf Alkohol, haben immer Druck, sind im Tunnel. Und an diesem einen Abend entlädt sich eine Energie, das kann man sich als Außenstehender kaum vorstellen. Sportlerpartys sind die geilsten Partys. Das norwegische Team hat die Feier zwischen den LKW der Mannschaften organisiert. Das war ein kompletter Abriss, die haben sich da abgeschädelt. Irgendwann kamen Tarjei und Johannes mitsamt Kronen und Umhang dazu, zudem wurde extra ein norwegischer Rapper eingeflogen. Und dann standen die auf dem LKW oben - das war wirklich krass. Diese komplette Energie, die sich entladen hat … einfach nur Wahnsinn. Plötzlich stand auch Franzi (Preuß, d. Red.) in einer Franzosen-Jacke da, Lou (Jeanmonnot, d. Red.) lief in einer Deutschland-Jacke rum. Die haben sie noch ausgetauscht, es war alles sehr freundschaftlich. Es war einfach nur geil. Der Holmenkollen im Rücken, die Sonne ging gerade unter, Barbecue war an, Bier überall und gute Laune. Es war phänomenal, eine der besten Partys, die ich je erlebt habe.
/origin-imgresizer.eurosport.com/2025/03/23/4112685-83391353-2560-1440.jpg)
Champagner zum Abschied: Bö-Brüder in Oslo gefeiert
Quelle: Eurosport
Wie hast du das letzte Weltcup-Wochenende der Bö-Brüder erlebt?
Rösch: Wenn man das ganze Wochenende betrachtet, waren die Situationen der beiden komplett unterschiedlich. Johannes griff noch einmal in allen Rennen an, Tarjei bekam einen Tag zuvor Fieber und musste darum bangen, sein Abschiedsrennen noch geben zu können. Der Sprintsieg von Johannes war sehr beeindruckend. Ich fand es krass, dass er bis zum letzten Meter seiner Karriere nichts hergegeben hat. Im Schlusssprint mit Fak hat man bei Johannes gemerkt: Selbst ihm wird nichts geschenkt. Da ging es bis aufs Messer. In der Hinsicht ging sein Abschied ein bisschen unter, Tarjei hat sich zumindest mit der Flagge auf der Zielgeraden verabschiedet.
35 Goldmedaillen haben Johannes und Tarjei bei Weltmeisterschaften gesammelt – mehr als Schweden und Italien in der Geschichte. Wie kann man diese Ära zusammenfassen?
Rösch: Das sind unfassbare Zahlen. Dass ein Brüderpaar auf diesem Niveau über Jahre hinweg alles abräumt – das ist einzigartig. Zwar gab es mit Martin und Simon Fourcade zwei weitere Brüder im Weltcup, an Johannes und Tarjei kommen sie aber nicht heran. Für mich ist es auch schön, ein Teil dieser Ära gewesen zu sein.
Die Bö-Brüder warfen auch einen Blick in die Zukunft, auf ihr neues Leben. Wie kann man sich diese Umstellung von Profisport auf normalen Alltag vorstellen?
Rösch: Tarjei meinte noch, dass sie richtig fett werden und man sie in sechs Monaten nicht mehr wiedererkennt. (lacht) Bei der Abschiedsparty habe ich mit beiden noch etwas gequatscht und beiden etwas angemerkt, was bei mir einst auch der Fall war. In dieser Welt hat man unterschwellig permanent Druck. Die Athleten wissen jetzt schon: "In vier Wochen geht es wieder los, ich muss trainieren. Das darf ich nicht machen, das ist schlecht für meine Fitness." Und mit einem Schlag ist das alles weg. Am Montag nach meinem Karriereende vor sechs Jahren bin ich von Ruhpolding heimgefahren und da fiel mir auf: "Krass, du kannst machen, was du willst. Es interessiert keinen mehr." Dieses Gefühl ist unbeschreiblich geil. Dieser Rucksack, den du jahrelang mit dir rumschleppst, ist plötzlich weg.
/origin-imgresizer.eurosport.com/2025/03/23/4112706-83391768-2560-1440.jpg)
Bö-Brüder scherzen nach letztem Rennen: "Wir werden bestimmt dick"
Quelle: Eurosport
Was folgt nach dieser Realisierung?
Rösch: Ein kleiner Plan B schadet nach der Karriere nicht. Aber mir hat es damals auch gutgetan, für ein halbes Jahr einfach mal loszulassen. Johannes und Tarjei können sich nun um ihre Familien kümmern, sind finanziell abgesichert und können ihr Leben ab sofort genießen. Dann geht es darum, zurück in die Normalität zu finden. Den beiden ergeht es nun wie auch mir damals: Wir haben über 20 Jahre Hochleistungssport betrieben - und da draußen wartet nun das Leben.
Was wären Beispiele für kleine Sünden, die plötzlich erlaubt sind?
Rösch: Bei einem Essen ein Bier oder ein Glas Wein trinken. Unterbewusst hatte man immer Angst, dass die eine kleine Sünde dich im Training wieder zurückwirft. Nach der Karriere kann man so etwas mehr genießen. Zudem kann man sich auch in komplett anderen Bereichen verwirklichen. Ich habe zum Beispiel meine Liebe zum Endurosport entdeckt, eine risikobehaftete Sportart. So etwas durfte ich auch jahrelang nicht machen. Aber das Schönste ist: Wenn jemand krank ist, neben dir hustet und niest – dann kann dir das scheißegal sein. Diese permanente Angst, krank zu werden, ist weg.
Als Zuschauer kann man sich diese Leben kaum vorstellen.
Rösch: Es ist das schönste und privilegierteste Leben, das man haben kann. Manchmal ist es aber auch brutal, ein Gesicht mit zwei Seiten. In Oslo war Justine Braisaz-Bouchet zum Beispiel einige Zimmer von mir entfernt untergebracht, gemeinsam mit ihrer Tochter, die etwas kränklich unterwegs war und schlecht geschlafen hat. An einem Tag war ich zeitig unterwegs und bereits um 6:30 Uhr beim Frühstück, Braisaz-Bouchet war da schon eine Stunde wach. Das hat natürlich Auswirkungen. Wenn deine Liebsten krank sind - nach der Karriere gibt es da keine Schwellen, keine Zurückhaltung mehr.
Die Geschichte rund um Jeanmonnot und Preuß sorgte gleichzeitig für die tragischsten aber auch die schönsten Bilder des Wochenendes. Wie hast du den Kampf um die große Kristallkugel vor Ort erlebt?
Rösch: Es war ein Krimi mit einem Drehbuch, das man nicht hätte besser schreiben können. Das Rennen kann sich nicht dramatischer zuspitzen. Das Problem war, dass Elvira in der Schlussrunde noch zu Franzi und Lou aufgeschlossen hat, aus zwei wurden plötzlich drei Anwärterinnen auf den Sieg. Die Konstellation änderte sich, die Strecke wurde etwas enger. Beim letzten Anstieg war Franzi spritzig, Lou attackierte in der Kurve - und ich musste sofort an die Staffel in Antholz denken [als Ingrid Landmark Tandrevold im Duell mit Hanna Öberg kurz vor der Zielgerade zu Sturz kam]. Die Situation war unangenehm, das hat man gespürt. Die Freude war nicht zum Greifen, der Vorfall hat es getrübt. Ich habe sehr gelitten. Die darauffolgenden Bilder waren aber umso schöner.
/origin-imgresizer.eurosport.com/2025/03/23/4112637-83390388-2560-1440.jpg)
Sturz und Emotionen im Ziel: Preuß tröstet Jeanmonnot
Quelle: Eurosport
Wie war die Stimmung zwischen den beiden Lagern?
Rösch: Die eine hat verloren, die andere triumphiert - und trotzdem lagen sich alle in den Armen, waren froh, dass es vorbei ist. Vor drei Jahren habe ich Franzi noch vor den Winterspielen [nachdem sie von einer Corona-Infektion zurückgeworfen worden war] per Nachricht alles Gute gewünscht. Und am Sonntag meinte sie zu mir, dass ihr all das am Tag zuvor noch einmal durch den Kopf gegangen ist. Vielleicht sollte das Finale eben auch so verlaufen, vielleicht gewinnt Lou den Gesamtweltcup im nächsten Jahr auf eine ähnliche dramatische Weise. Letzten Endes haben sich alle füreinander gefreut. Das Bild, dass Franzi und Lou mit der Jacke der jeweils anderen rumliefen, hat gezeigt, dass das ein Kampf auf Augenhöhe war. Es war großartig, dass zwischen den Teams keine Missgunst herrschte.
/origin-imgresizer.eurosport.com/2025/03/23/4112640-83390448-2560-1440.jpg)
Besondere Geste: Preuß bittet Jeanmonnot zu sich aufs Podest
Quelle: Eurosport
Mit etwas Abstand betrachtet: Wie ordnest du die Szene ein? Wen trifft die Schuld am Sturz?
Rösch: Die Kurve war eng und Lou macht in der Hektik den kleinen Fehler. Sie sticht sich mit dem Stock selbst hinten auf den Ski. Die Franzosen haben keinen Protest eingelegt, wollten nur die Bilder anschauen. Wenn so ein Ding am grünen Tisch entschieden werden würde, wäre das auch blöd. Das ist Sport, es ging um viel. Darüber hinaus meinte Lou, dass sie es andersherum genauso gemacht hätte. Es sah unglücklich aus, Franzi kann man aber keinen Vorwurf machen.
Preuß kündigte an, in den kommenden Wochen im Urlaub abschalten zu wollen. Danach wird sich der Fokus wohl schnell auf den Olympia-Winter richten. Wirkt die große Kristallkugel dahingehend befreiend?
Rösch: Ich hoffe es! Nach ihren zahlreichen Interviews habe ich das Gefühl, dass Franzi den Gesamtweltcup noch höher einordnet als eine olympische Goldmedaille. Für sie ging ein Kindheitstraum in Erfüllung. Dafür musste sie auch viel mehr investieren als für einen Olympiasieg, immerhin dauern Winterspiele nur zwei Wochen. Im Weltcup herrscht an jedem Wochenende Leistungsdruck, Konstanz auf höchstem Niveau ist gefragt und Niederlagen müssen schnell weggesteckt werden. Olympia ist eine andere Nummer - aber natürlich auch schwierig.
Wie geht es nun weiter?
Rösch: Der Druck hinsichtlich der großen Kristallkugel ist schon mal weg. Jetzt stellt sich nur die Frage, wie sehr sie das belastet hat. Es kann sich nämlich auch ganz schnell in die andere Richtung auswirken und die darauffolgende Saison geht in die Hose, weil man mental und körperlich einfach leer ist. Ich glaube und hoffe, dass sie von diesem Erfolg beflügelt wird und der Fokus nun auf Olympia liegt.
Jeanmonnot hingegen unterlag im Gesamtweltcup zum zweiten Mal mit einem marginalen Rückstand, dieses Mal reichte es trotz acht Saisonsiegen nicht. Wie geht man mit einem solchen Rückschlag um?
Rösch: Letztes Jahr war es eine andere Situation, da kam sie noch wie Kai aus der Kiste in den Kampf um das Gelbe Trikot. In dieser Saison haben sich Lou und Franzi von Anfang an nichts geschenkt. Aus diesem dramatischen Erlebnis wird sie meiner Meinung nach gestärkt hervorgehen, mit dem unbedingten Willen, die große Kristallkugel endlich zu holen. Vielleicht sind aller guten Dinge drei und es passiert schon im nächsten Winter.
/origin-imgresizer.eurosport.com/2025/03/23/4112864-83394928-2560-1440.jpg)
Drama im letzten Akt: Jeanmonnot stürzt - Preuß holt Gesamtweltcup
Quelle: Eurosport
Sturla Holm Lägreid hat sich bei den Herren den Gesamtweltcup gesichert. Wer kann dem Norweger in den kommenden Jahren gefährlich werden?
Rösch: Da gibt es so einige Kandidaten, aber am Ende kommt es auf die Distanz an. Für mich ist das Eric Perrot, er hat das Zeug dazu. Ihm habe ich am Flughafen in Oslo noch einen schönen Urlaub gewünscht, doch er meinte nur zu mir: "Nächstes Jahr - volle Attacke." Für mich ist Perrot ein Typ, der das Gelbe Trikot gewinnen kann. Campbell Wright fehlt noch die Konstanz, für sein Alter ist er aber bereits extrem weit. Wenn Quentin Fillon Maillet sein Problem beim Liegendanschlag in den Griff bekommt, kann auch er wieder ganz vorne mitmischen. Tommaso Giacomel ist oben angekommen, muss aber auch noch an der Konstanz feilen. Isak Frey darf man ebenso nicht vergessen. Über eine ganze Saison seine Leistung zu bringen, ist aber eine andere Hausnummer.
Das könnte Dich auch interessieren: Preuß erklärt Sturz-Drama: "Dumme Situation" - Jeanmonnot reagiert
/origin-imgresizer.eurosport.com/2025/03/23/4112728-83392213-2560-1440.jpg)
Lägreid neuer Biathlon-König: Norweger am Ziel der Träume
Quelle: Eurosport
Ähnliche Themen
Werbung
Werbung