Weltcup Ruhpolding: Tommaso Giacomel wird zur größten Gold-Hoffnung Italiens - Trentiner liefert historische Saison ab
Update 19/01/2026 um 17:30 GMT+1 Uhr
Zweieinhalb Wochen vor dem Auftakt der Olympischen Spiele 2026 in Mailand und Cortina d'Ampezzo steht ein Name im italienischen Wintersport besonders im Fokus: Tommaso Giacomel. Der Biathlet aus dem Trentino führt den Gesamtweltcup als erster Azzurro seit 1992 an und gilt plötzlich als die große Goldhoffnung im Stiefelstaat. Eurosport-Experte Michael Rösch erklärt den Aufstieg des 25-Jährigen.
"Grande, Grande, Grande": Giacomel gewinnt Fehlerfestival in Oberhof
Quelle: Eurosport
Seinen Schwachpunkt wusste der Biathlet der Stunde selbst zu benennen.
"Das Liegendschießen ist ein bisschen meine Achillesferse", räumte ein sichtlich geknickter Tommaso Giacomel nach der Verfolgung im Interview mit "Fondo Italia" ein. "Das kann ich nicht verneinen, das war schon immer so."
Dreimal vergab der Trentiner liegend, stehend ließ er an jenem windstillen Sonntagnachmittag in der Chiemgau Arena sogar zwei Scheiben stehen - darüber war Giacomel "sehr enttäuscht". Zur Wahrheit gehört aber auch: Der fünfte Platz in Ruhpolding war seine schlechteste Platzierung aus den jüngsten fünf Rennen. Ein Luxusproblem also.
Der italienische Gesamtweltcupführende bestreitet eine historische Saison, die nicht nur bei den olympischen Wettkämpfen in Antholz (6. bis 22. Februar live und on-demand bei HBO Max) einen Höhepunkt finden soll.
Rösch zu Giacomel: "Kunst der ganz Großen"
Als erster Italiener seit Andreas Zingerle im Jahre 1992 führt Giacomel nämlich die Gesamtwertung an, sein Vorsprung auf den Franzosen Eric Perrot beträgt 82 Punkte. Eine beispiellose Leistungsexplosion zum Jahreswechsel brachte ihm das Gelbe Trikot ein.
Drei Siege in Folge feierte der 25-Jährige, den Massenstart in Annecy-Le Grand Bornand sowie Sprint und Verfolgung in Oberhof entschied er in eindrucksvoller Manier für sich.
"Und das ausgerechnet nach den Dämpfern im Sprint und in der Verfolgung von Annecy", spielte Eurosport-Experte Michael Rösch auf die Plätze 24 und 15 in den französischen Alpen an. "Aber das ist die Kunst der ganz Großen, sich mit einem Sieg zurückmelden."
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Highlights: Giacomel siegt - Nawrath mit Pech am Schießstand
Quelle: Eurosport
In Italien gilt Giacomel als eine der größten Hoffnungen auf eine Goldmedaille bei den Heimspielen, noch vor den Superstars Lisa Vittozzi und Dorothea Wierer.
14 Podestplätze bejubelten die azurblauen Biathleten im laufenden Weltcup-Winter, sieben davon (inklusive Staffeln) tragen die Handschrift von Giacomel. Viermal grüßte er sogar von der obersten Stufe des Treppchens.
Eine unheimliche Bilanz des Italieners, der ziemlich genau vor einem Jahr in Ruhpolding seinen ersten Weltcupsieg feierte und in der laufenden Saison sein Potenzial endlich voll ausschöpft. Optimale Voraussetzungen für das erste italienische Olympia-Gold der Biathlon-Geschichte.
Giacomel und die Last der Heimspiele
Die Erwartungen an Giacomel, der im Einzel der WM 2025 in Lenzerheide seine bis dato einzige individuelle Medaille bei einem Großereignis holte, könnten also kaum größer sein.
"Antholz ist zwar nicht sein Wohnzimmer, aber es sind trotzdem Heimspiele. In Peking vor vier Jahren war er zwar dabei, das ist aber eine ganz andere Hausnummer", meinte Rösch. "Andere würden an seiner Stelle unter Druck geraten, er will es aber allen jetzt erst recht zeigen. Ganz nach dem Motto: Mein Stadion, meine Winterspiele - ich bin hier der Chef."
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Tommaso Giacomel
Fotocredit: Getty Images
Eine solche Kampfansage vernimmt man von Giacomel äußerst selten. In der Mixed Zone lässt er kaum bis gar nicht hinter die Fassade blicken, selbst nach starken Ergebnissen geht er mit seinem Lächeln in Interviews sehr sparsam um.
Anstelle von Worten oder seiner Mimik lässt er viel lieber Taten sprechen - und das mit Erfolg. "Es fasziniert mich, wie Tommaso diesen Schalter umlegt. Er wirkt immer etwas ruhig und grübelnd, nur um im Rennen zur absoluten Waffe zu werden", unterstrich Rösch.
In dieser Hinsicht ähnelt Giacomel der Norwegerin Maren Kirkeeide, die in den zurückliegenden Monaten ebenso einen kometenhaften Aufstieg hinlegte. "Sie ist auch eher introvertiert und mutiert in der Loipe zur Maschine. Es steckt so viel Wille und Kampfgeist in seiner Person. Dieser Switch ist krass."
Giacomel trauert um Freund Bakken
Anfang Januar gab jedoch auch Giacomel Einblick in seine Gefühlswelt. In einer Medienrunde im Vorfeld des Weltcups von Oberhof sprach er unter Tränen über den schockierenden Tod des norwegischen Biathleten Sivert Guttorm Bakken.
"Es geht auf und ab. Ich habe viele negative Gedanken, vor allem abends, wenn ich ins Bett gehe und die Augen zumache", sagte er damals. "Ich werde mein Bestes geben, um ihn stolz zu machen."
Seine darauffolgenden Siege im Thüringer Wald widmete er schließlich seinem verstorbenen Freund, der ihn auch bei den anstehenden Herausforderungen der Saison im Hinterkopf begleiten wird.
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Giacomel nach Sieg: "Sivert wäre stolz auf mich"
Quelle: Eurosport
Doch wohin führt ihn diese Reise? Die jüngere Vergangenheit gibt schon mal einen ersten, starken Hinweis. In sieben der letzten zehn Saisons gewann der beste Sprinter des Weltcup-Winters auch die große Kristallkugel. Der aktuelle Führende in dieser Disziplinenwertung hört natürlich auf den Namen Tommaso Giacomel.
"Die Stärke im Sprint hat er auf jeden Fall", so Rösch. "Hier und da unterläuft ihm aber ein kleiner Fehler zu viel. Das ist seine einzige Schwäche - unter großen Anführungszeichen. Wenn er seine Quote am Schießstand in Richtung 89 oder 90 Prozent verschieben könnte, wäre er praktisch unschlagbar."
Rösch: "Andere lesen vielleicht einen Krimi"
Hinter seinem Aufstieg im wichtigsten Winterseiner bisherigen Laufbahn steckt ein beispielloser Einsatz.
"In den Sozialen Medien sieht man immer wieder, wie sehr er sich in verschiedenste Thematiken einliest und sich optimieren möchte", weiß Rösch. "Im Flugzeug lesen andere vielleicht einen Krimi, er stöbert in Literatur und lernt, wie man sich verbessern kann."
Der enorme Aufwand, den er betreibt, wurde in den zurückliegenden Monaten belohnt. Diese Verbissenheit weist - zumindest bis jetzt - keine Nebenwirkungen auf.
"Es ist beeindruckend, dass ihm das nicht auf die Füße fällt oder er sich verkrampft. Selbst nach einem schlechten Ergebnis kann er sich selbst daraus befreien", führte Rösch weiter aus. "Er ist sich seiner Stärken bewusst, mental ist er krass drauf."
Diese Qualität will Giacomel auch am kommenden Wochenende in Nove Mesto zum Besten geben. Der Weltcup in Tschechien ist die große Generalprobe für die Olympischen Spielen - bei denen sein Stern am hellsten erstrahlen soll.
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Highlights: Spannung pur auf letzter Runde im Ruhpolding-Verfolger
Quelle: Eurosport
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