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Felipe Massa im Interview: "Sebastian Vettel hat mehr Fehler gemacht als Ferrari"

Massa im Exklusiv-Interview: "Vettel hat mehr Fehler gemacht als Ferrari"

11/11/2018 um 14:49

Vor dem Großen Preis von Brasilien in Sao Paulo ist die Formel-1-Weltmeisterschaft schon entscheiden. Dabei wünschten sich die Zuschauer ein Herzschlagfinale wie 2008, sagt der Brasilianer Felipe Massa. Im Interview mit Eurosport.de in Rio de Janeiro spricht der ehemalige Formel-1-Pilot über Sebastian Vettels verpatzte Saison, Ferraris Titel-Dürre und seine eigene Zukunft in der Formel E.

Aus Rio de Janeiro berichtet Martina Farmbauer

Felipe, es ist ein sehr spezieller Moment in Ihrer Karriere: der Grand Prix in Sao Paulo an diesem Wochenende ist das erste Formel 1 Rennen in 48 Jahren ohne brasilianische Beteiligung, ein Jahr nach Ihrem Abschied, zehn Jahre nach dem WM-Titel und einen Monat vor ihrem Eintritt in die Formel E. Woran denken Sie am meisten?

Felipe Massa: Alle diese Momente sind auf ihre Art und Weise besonders gewesen. Aber jenes Finale 2008 war schon sehr speziell. Ein Sieg, der eine Niederlage war, wobei ich den Punkt, der mir fehlte, schon davor verloren hatte. Mein Abschied ebenso, den ich nie vergessen werde, auch wegen der Massen von Menschen und ihrer Reaktion.

Ähnlich wie bei der Veranstaltung eines Sponsors in Rio de Janeiro.

Massa: Es ist historisch, mit einem Formel-1-Rennwagen in der wunderbaren Stadt Rio de Janeiro zu fahren, mit all der Zuneigung der Leute, mit all der Emotion der Formel 1. Ich glaube, das wollen die Leute sehen, und für mich ist es auch sehr emotional. Und jetzt kommt der zweite Teil, meine Karriere als Pilot der Formel E fortzusetzen. Ich bin super begeistert und hoffe, dass wir Erfolg haben und viele gute Sachen passieren.

Sie begleiten die Formel 1 noch immer. Wie beurteilen Sie diese Saison und den Titel für Lewis Hamilton?

Massa: Ohne Zweifel eine unglaubliche Weltmeisterschaft bis zur Mitte des Jahres. In der zweiten Saisonhälfte hat Hamilton alle anderen massakriert. Ferrari hat viele Fehler gemacht und Sebastian Vettel noch mehr. All das hat zu der Punktedifferenz beigetragen, und jetzt ist die WM schon entschieden, nicht wahr? Das ist nicht das, was die Leute wollen, sie wollen einen Schlussspurt wie der, den es 2008 gegeben hat. Aber ich glaube, Hamilton und Mercedes kann man nur gratulieren.

Martina Farmbauer traf Felipe Massa in Rio de Janeiro

Martina Farmbauer traf Felipe Massa in Rio de JaneiroEurosport

Was für einen Tipp hätten Sie für Sebastian Vettel im Hinblick auf die kommende Saison?

Massa: Die Weltmeisterschaft besteht aus 21 Rennen. Jeder Punkt ist sehr wichtig. Ich glaube, er weiß das, ich brauche ihm keinen Tipp zu geben, er hat schon vier Titel gewonnen. Aber in diesem Jahr hat er Fehler gemacht, die ihm die Chance genommen haben, bis zum Ende um den Titel mitzufahren.

Und diese Fehler haben damit zu tun, dass Ferrari nicht gut mit dem Druck umzugehen weiß, der wiederum damit zu tun hat, hinterher zu fahren, was schon vor zehn Jahren begonnen hat?

Massa: In Wirklichkeit ist es ein Druck, den Ferrari und Vettel wegen des Wunsches haben, endlich einmal wieder zu gewinnen. Bei Mercedes ist es umgekehrt. Man hat die vergangenen vier Weltmeisterschaften gewonnen, der Druck ist sehr viel niedriger als der, den Ferrari hat. Der letzte Titel, den Ferrari gewonnen hat, war der 2008 (die Konstrukteurs-WM, d. Red.). Ich habe verloren, aber als Team haben wir gewonnen. Dieser Druck steigert noch die Wahrscheinlichkeit, einen Fehler zu machen. Das ist leider passiert.

Was ist ihre eigene Erwartung für die Saison in der Formel E, die demnächst beginnt. Sie haben schon Autos getestet…

Massa: Ja, aber ich muss noch viel lernen. Etwas mehr eine Idee davon bekommen, wie ein Formel-E-Wagen funktioniert. Das ist eine andere Welt als die Formel 1. Und noch etwas: Ich kenne keine einzige Strecke, auf der ich fahren werde, auf der ich Wettkämpfe bestreiten werde. Das wird noch ein größerer Lerneffekt sein. Und die Strecken sind völlig anders als jene, die mir bekannt sind. Letztlich glaube ich, dass die Veranstaltung in Rio mit der Strecke an diesem wunderbaren Ort schon einen Eindruck davon gegeben, was auf mich zukommt. Aber ich bin super begeistert. Ich hoffe, dass ich so schnell wie möglich lerne und wir wettbewerbsfähig sind.

Was ist das für ein Gefühl, ein Formel 1-Auto an einem Ort wie diesem zu lenken?

Massa: Es ist einmalig, in Rio de Janeiro, dieser wunderbaren Stadt, in diesem Ambiente zwischen Zuckerhut und Christusstatue. Ich denke, die Leute haben das auch sehr genossen. Ein unglaubliches Gefühl, die Runden zu drehen, den Rauch zu produzieren, das war ein besonderer Tag. Und die Zuneigung der Leute, die ich gefühlt habe - ich glaube, das zeigt, Brasilien braucht einen Fahrer in der Formel 1, um unsere Fahne hochzuhalten, und ich hoffe, dass das so bald wie möglich passiert. Die Leute vermissen das.

Felipe Massa in Rio de Janeiro

Felipe Massa in Rio de JaneiroGetty Images

Man konnte den Eindruck bekommen, dass Sie das Klima selbst etwas vermissen.

Massa: Ich vermisse das Gefühl des Wettbewerbs. Ich vermisse das Adrenalin. Deswegen möchte ich weiter Rennen in der Formel E fahren, ich liebe das. Hoffentlich können wir auch ein Rennen in Brasilien haben, das wäre mir am liebsten, ein Rennen in einer Stadt, um dieses Gefühl zu vermitteln, in einer wunderbaren Stadt wie Rio de Janeiro.

Wie sehen Sie die Chancen für die jungen brasilianischen Fahrer in der Formel 1? Brasilien hat eine starke Basis, McLaren hat Sérgio Sette Câmara als Testpiloten verpflichtet. Wann erwarten Sie, dass ein Brasilianer in die Formel 1 zurückkehrt - bald oder erst nach Änderung des Reglements 2021?

Massa: Um ehrlich zu sein, ich glaube eher danach. Sérgio Sette Câmara ist an der Grenze, er wird nicht mehr in der Formel 2 fahren, aber ich denke, in die Formel1 zu kommen, wird für ihn nicht einfach. Als dritter Pilot ja, aber als Stammfahrer glaube ich nicht, dass das so bald passiert. Wenn ich einen Namen nennen sollte, dann wäre das Caio Collet. So intelligent und schnell wie er ist und was er für sein Alter schon gemacht hat, zeigt, dass er ein perfektes Talent hat, um ein wettbewerbsfähiger Pilot zu sein. Das ist es, was interessiert. Aber man muss abwarten, wie er sich entwickelt, er ist noch sehr jung. Ein anderer Name, den ich nennen würde, ist Emerson “Emo” Fittipaldi - aber was es am Ende braucht, sind Ergebnisse.

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