Die Formel 1 versteht sich gerne als große Familie, und wie zum Beweis für die Richtigkeit dieser heimeligen Bezeichnung geht es schon mal drunter und drüber. An diesem Wochenende in Silverstone, wo die Königsklasse ihre 70-jährige Historie feiert, sind die Dinge allerdings etwas aus dem Ruder gelaufen.
Die Kopier-Affäre um Racing Point spaltet den PS-Zirkus, es droht eine monatelange Schlammschlacht. Es geht dabei nicht nur um richtig oder falsch, sondern auch um die DNA der Rennserie.
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Ferrari-Teamchef Binotto verärgert: "Nur die Spitze des Eisbergs"

Der Groll richtet sich einerseits gegen Racing Point, das den Weltmeister-Mercedes von 2019 komplett abgekupfert und damit nach Ansicht vieler zumindest mal die Ingenieursehre mit Füßen getreten hat - wenn nicht gar einen illegalen Vorteil ergaunert hat. Andererseits hat sich der Weltverband FIA keine Freunde gemacht mit seinem Urteil gegen den "pinken Mercedes", in dessen Zentrum bislang der illegale Designprozess technisch legaler Bremsbelüftungen steht.
Diese Modelle aus der Ideenfabrik von Mercedes seien "nur die Spitze des Eisbergs", meint Ferrari-Teamchef Mattia Binotto. McLaren-Boss Zak Brown wetterte: "Sie (Racing Point; d.Red.) haben behauptet, dass sie den Mercedes mit Fotos kopiert haben. Wenn man das FIA-Dokument liest, wird klar, dass das Bullshit ist. Jetzt müssen wir dieses Auto als Ganzes hinterfragen."

Racing Point gegen den Rest: Lange juristische Auseinandersetzung droht

Fünf der zehn Rennställe haben ihre Absicht bekundet, gegen das verhängte Strafmaß (400.000 Euro Geldstrafe, 15 Punkte Abzug in der Konstrukteurs-WM) in Berufung zu gehen. Dies sind neben Ferrari und McLaren auch der ursprüngliche Kläger Renault sowie Williams - und auch Racing Point selbst, das sich gar zu hart bestraft sieht.
Macht auch nur eine dieser Parteien bis Mittwoch 10:30 Uhr Ernst, würde der Fall vor dem internationalen Berufungsgericht der FIA verhandelt. Dies würde Wochen bis Monate in Anspruch nehmen und keine guten Schlagzeilen für die Formel 1 produzieren. Dabei wären diese durchaus willkommen.
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Concorde Agreement noch ohne Unterschrift

Inmitten der Corona-Pandemie sind die Tribünen gezwungenermaßen leer, auf der Strecke fährt Mercedes in einer eigenen Liga, und dann gibt es da noch die Deadline durch FIA und Formel-1-Management für die Unterzeichnung des neuen Grundlagenvertrags ab 2021. Diese läuft Mitte kommender Woche aus, noch hat kein Team unterschrieben.
Der unzufriedene Branchenprimus Mercedes ließ stattdessen die Muskeln spielen. Motorsportchef Toto Wolff erklärte, er fühle sich "derzeit nicht bereit, das Concorde Agreement zu unterzeichnen". Mercedes sei "das größte Opfer von Einnahmeverlusten", so der Österreicher: "Wir haben das Gefühl, dass wir nicht so behandelt wurden, wie wir hätten behandelt werden sollen."
Allerdings seien "alle Teams der Meinung, dass es Themen gibt, die kritisch sind", behauptete Wolff. Zumindest beim Blick in die Zukunft herrscht bei den Rennställen also so etwas wie Einigkeit. Ganz anders sieht es in der Gegenwart aus.

Racing-Point-Teamchef: "Denken, dass wir alles befolgt haben"

"Wir haben das Regelwerk genau gelesen und denken, dass wir alles befolgt haben", sagte RP-Teamchef Otmar Szafnauer. Mercedes stützt die These von Racing Point, kein Wunder. Den weiteren Parteien geht die Strafe nicht weit genug, zumal Racing Point die umstrittenen Bremsbelüftungen weiterhin einsetzen darf. "Wenn du illegal bist, kannst du nicht halb illegal sein", sagte Haas-Teamchef Günther Steiner.
Die FIA hält es allerdings für "nicht realistisch, von Racing Point zu erwarten, die Bremsbelüftungen neu zu designen, was im Endeffekt bedeuten würde, dass sie Dinge vergessen müssten, die sie bereits kennen".
Die Regelhüter wollen das Reglement zur neuen Saison dahingehend einschränken, dass Autos maximal in Teilen, aber nicht mehr als Ganzes kopiert werden dürfen. Bis dahin darf eifrig philosophiert, diskutiert und gestritten werden.
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(SID)

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