Sebastian Vettel verstand die Welt nicht mehr.
Über zwei Sekunden hatte der Ferrari-Star im Qualifying zum Großen Preis von Großbritannien Rückstand auf Pole-Setter Lewis Hamilton. Zwei Sekunden sind in der Formel 1 nicht mal mehr ein Klassenunterschied, es sind Lichtjahre.
Formel 1
Vettel im Elektroauto? Das sagt der Formel-E-Chef zu den Wechsel-Gerüchten
05/08/2020 AM 16:22
Bereits in den drei Trainingssessions zuvor hatte der 33-Jährige mit seinem Auto zu kämpfen. Technische Probleme sorgten dafür, dass der Deutsche kaum Runden drehte und so nie seinen Rhythmus fand. Das Ergebnis: Rang zehn im Qualifying, eine Sekunde langsamer als Teamkollege Charles Leclerc auf Platz vier.
"Viel schlimmer kann es nicht werden", sagte Vettel im Anschluss bei "Sky". Er sollte unrecht behalten. Denn es wurde noch viel schlimmer.

Silverstone: Vettel fährt im Ferrari nur hinterher

Während Vettels ewiger Rivale Lewis Hamilton (Mercedes) das Rennen in Silverstone an der Spitze diktierte und einen Start-Ziel-Sieg bei seinem Heimspiel feierte, gurkte der Ferrari-Pilot im Mittelfeld herum. Anstatt ums Podium zu fighten, duellierte sich der Heppenheimer mit Esteban Ocon (Renault) und Pierre Gasly (AlphaTauri) um Platz zehn - und verlor.
Ohne die Reifenschäden von Valtteri Bottas (Mercedes) und Carlos Sainz (McLaren) in der Schlussphase des Grand Prix, wäre Vettel gar gänzlich ohne Punkte geblieben. So rettete er zumindest einen WM-Zähler.
"An diesem Wochenende fanden das Auto und ich nicht zusammen. Es ist grundlegend was faul, entweder bei mir oder im Auto", ließ der vierfache F1-Weltmeister am "RTL"-Mikrofon zum ersten Mal in diesem Jahr ordentlich Dampf ab. Vettels Frust ist zu verstehen.
Vor allem, weil Teamkollege Leclerc mit Platz drei bereits zum zweiten Mal in dieser Saison auf das Podest raste. Den Abstand zwischen ihm und dem Monegassen konnte sich auch Vettel kaum erklären.
"Auf dem Papier sind beide Autos ziemlich ähnlich, also kann es nicht das Set-up sein. Es gibt auch über eine Runde keine Stelle, wo ich schlecht fahre, aber ich verliere über die ganze Runde", analysierte der 53-fache Grand-Prix-Sieger schon fast ratlos.

Sebastian Vettel (Ferrari) in Silverstone

Fotocredit: Getty Images

Formel-1-WM: Vettel meilenweit von Hamilton entfernt

Dass das Team Leclerc bevorzuge, schloss Vettel aus. Doch klar ist, dass das Auto auf den 22-Jährigen zugeschnitten ist, und nicht auf Vettel.
In Silverstone ist Ferrari mit weniger Abtrieb gefahren. Das bedeutet zwar mehr Topspeed auf der Gerade, aber auch ein nervöses Heck. Der Deutsche präferiert allerdings ein Auto mit stabilem Heck, wie bei seinen vier WM-Titeln mit Red Bull.
"Bei Ferrari stimmt grundsätzlich etwas nicht", machte "Sky"-Experte Nick Heidfeld nach der deutlichen teaminternen Niederlage Vettels in England deutlich und auch Red-Bull-Motorsportchef Helmut Marko, der als Freund des Heppenheimers gilt, war insbesondere vom Geschwindigkeitsunterschied zwischen den beiden Ferraris überrascht.
Das in Silverstone erstmals verwendete neue Low-Downforce-Paket der Scuderia, dass laut Teamchef Mattia Binotto "einige Zehntelsekunden" bringen soll, konnte auf der Strecke nur Leclerc zu seinem Vorteil nutzen.
Nach den ersten vier Rennen liegt Vettel mit nur zehn Punkten, hinter Ocon und Gasly, auf Rang 13 der Fahrerwertung - schlechter startete er nur 2008 im Toro Rosso. Bereits 23 Punkte liegt er hinter seinem Teamkollegen, 78 hinter Hamilton.

Ferrari: Tischtuch zwischen Vettel und Binotto zerschnitten

Nie zuvor waren die Unterschiede zwischen zwei der erfolgreichsten Fahrer der Geschichte der Formel 1 so groß wie im Jahr 2020.
Vettels Horrorshow begann bereits beim Saisonauftakt in Spielberg, als er auf Platz zehn hinter Alfa-Romeo-Fahrer Antonio Giovinazzi ins Ziel kam. Leclerc trumpfte dort als Zweiter auf. Im zweiten Österreich-Rennen in der Woche danach, wurde der Deutsche dann von seinem Teamkollegen kurz nach dem Start abgeschossen.
Nach nur einem mickrigen Punkt aus zwei Grands Prix deutete Vettel in Budapest mit Platz sechs einen Aufwärtstrend an, allerdings wurde er dort von Rennsieger Hamilton überrundet. Die Höchststrafe. In Silverstone legte der Brite dann seinen dritten Sieg in Folge nach und steuert damit unaufhaltsam auf seinen siebten WM-Titel zu - während der deutsche Ferrari-Pilot als Zehnter die Ziellinie überquerte.
"Hi Seb, Mattia hier. Hartes Rennen heute. Wir wissen, dass es ein schwieriges Wochenende war. Aber in einer Woche sind wir wieder hier und machen es besser", versuchte Binotto seinen Fahrer aufzumuntern. Vettels Reaktion? Er schwieg.
17 lange Sekunden ignorierte Vettel seinen Boss. Erst als das Team einen "Radio-Check" forderte, antwortete der 33-Jährige. Ein deutliches Zeichen, dass das Tischtuch zwischen Vettel und Binotto zerschnitten ist.

Ferrari: Vettel seit 2019 in der Abwärtsspirale

Der in der Schweiz geborene Italiener hat seit 2019 das Sagen bei der Scuderia. Seitdem befindet sich Vettel in einer Abwärtsspirale, feierte in dieser Zeit nur einen Rennsieg. 2017 und 2018 kämpfte er dagegen lange mit Hamilton um die WM-Krone, zog zweimal knapp den Kürzeren und wurde jeweils Vizeweltmeister.
Mit Ex-Teamchef Maurizio Arrivabene verstand er sich prächtig, hatte einen klaren Nummer-Eins-Status im Team mit Kimi Räikkönen. Seit der Ankunft von Binotto und Leclerc ging es bergab. Bereits vor dem Saisonstart 2020 gab Ferrari die Trennung vom Deutschen am Jahresende bekannt.
Seinen Traum von einem Titelgewinn in Rot, so wie es sein großes Vorbild Michael Schumacher vormachte, kann Vettel bereits nach vier Rennen begraben. Dabei kam er 2015 mit großen Ambitionen und als vierfach gekrönter Champion nach Maranello, lernte schnell Italienisch und begeisterte die Tifosi auf Anhieb mit seinem ersten Sieg für Ferrari in seinem erst zweiten Rennen in Rot.
Zwar ist Vettel mit 14 Siegen nach Schumacher (72) und Niki Lauda (15) der dritterfolgreichste Ferrari-Fahrer in der F1-Geschichte, doch zum ganz großen Wurf reichte es nie. Auch 2020 wird es das nicht, denn Mercedes ist einfach zu stark.

Lewis Hamilton (vorne) und Valtteri Bottas in Silverstone

Fotocredit: Getty Images

Vettel kämpft 2020 nur im Mittelfeld der Formel 1

"Mercedes ist auf höchstem Niveau. Im vergangenen Jahr hätten wir die Chance gehabt, häufiger zu gewinnen. In dieser Saison ist es viel schwieriger, auch nur einige Rennen zu gewinnen", stellte Teamkollege Leclerc in der "Gazzetta dello Sport" ernüchternd fest.
Erst die angekündigten Regeländerungen 2022 könnten Ferrari helfen, wieder nach vorne zu kommen und die Lücke zu Mercedes zu schließen. Dann ist Vettel bei der Scuderia allerdings schon Geschichte.
Und so sind für den Deutschen wohl zunächst erst einmal Mittelfeldkämpfe statt Siegambitionen in seinem Abschiedsjahr mit den Italienern angesagt. Eine neue Situation für den deutschen Vierfach-Weltmeister, mit der er sich wohl oder übel anfreunden muss.
Vettel droht in seinem letzten Ferrari-Jahr eine blanke Horrorshow.
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