George Russell lag richtig: "Das wird sicher eine Headline", ahnte er, als er am Donnerstagnachmittag in Sotschi neben Max Verstappen in der FIA-Pressekonferenz saß. "Ich bin so nervös, dass ich kaum noch schlafen kann", hatte der WM-Leader auf Lewis Hamiltons zuvor geäußerten Verdacht, dass ihm der Druck des WM-Duells zu Kopfe steigen könnte, geantwortet. Dass das natürlich, bei allem Augenzwinkern Verstappens, eine Headline werden könnte, lag auf der Hand.
Derjenige, der das erneute Duell der Worte der beiden WM-Rivalen ausgelöst hat, ist aber Hamilton. Verstappen werde das natürlich "nicht zugeben", glaubte der Mercedes-Pilot, und daher werde er darüber, ob sein Gegner den Druck spürt, auch nicht weiter spekulieren. Aber: "Ich kann sagen, wie der erste Titelkampf für mich war, und das war schon schwierig und intensiv."
"Ich durchlief viele verschiedene Emotionen, und die habe ich nicht immer ideal gehandhabt", erinnerte sich der 36-Jährige an seine Debütsaison 2007, als er den WM-Titel letztendlich um einen Punkt verpasste. "Die Erwartungshaltung ist riesig, und der Druck auch, weil du unbedingt gewinnen willst. Das kann ich gut nachvollziehen."
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Jetzt, bei seinem zehnten WM-Kampf (zu den sieben Titeln kommen noch die Niederlagen 2007, 2010 und 2016), sagte Hamilton, falle ihm das alles "viel leichter als in meinem ersten Jahr. Ich war damals noch sehr jung und hatte noch nicht das Rüstzeug, um mit dem Druck umzugehen, der auf mir gelastet hat. Das war eine ganz andere Situation für mich."

Sotschi GP: Spannung zwischen Red Bull und Mercedes

Hamilton redete zwar über sich selbst, suggerierte damit aber natürlich, dass es Verstappen jetzt genauso gehen könnte. Aber den 24-jährigen ließen die Giftpfeile seines großen Rivalen kalt. Er knüpfte mit einem lockeren Lachen an seine eingangs genannte Aussage an, wenn er sagte: "Es ist wirklich fürchterlich, um einen Titel zu kämpfen. Ich hasse es!"
Nur um dann aufzuklären: "Nein, ganz im Ernst: Jeder, der mich kennt, weiß, dass ich solche Dinge ziemlich entspannt sehe und mich davon nicht einlullen lasse. Ich bin ganz gechillt. Es ist das schönste Gefühl, wenn du ein tolles Auto hast, mit dem du jedes Wochenende gewinnen kannst. Ob du damit die WM anführst oder nicht, spielt dabei keine Rolle."
"Diese Aussagen", nahm er Bezug auf Hamiltons PK-Auftritt am Donnerstag, "die zeigen einfach, dass er mich wirklich nicht kennt. Was in Ordnung ist. Ich muss ihn ja auch nicht kennen, wie er wirklich ist. Ich konzentriere mich lieber auf mich selbst und genieße das, was ich tue. Hoffentlich kann ich es noch lang tun!"
Doch es knisterte nach wie vor zwischen den Lagern von Red Bull und Mercedes. Helmut Marko hat Hamilton unterstellt, dass es schon merkwürdig sei, wenn er einerseits am Sonntag nach dem Crash in Monza noch jammert, dass er vielleicht wegen seiner Schmerzen einen Spezialisten aufsuchen muss, dann aber schon am Dienstag in New York wieder Party machen kann.
Stören Dich solche Aussagen, Lewis? Der Mercedes-Star winkte ab: "Ich höre nicht drauf, was diese Leute sagen. Aber es ist doch wohl klar, dass du dich unwohl fühlst, wenn ein Auto auf deinem Kopf landet. Ich habe nach dem Rennen und während des Flugs mit Angela (Cullen, Physiotherapeutin; Anm. d. Red.) dran gearbeitet, und ich habe mich am nächsten Tag untersuchen lassen."

Max Verstappen (Red Bull) und Lewis Hamilton (Mercedes) bei ihrer Kollision in Monza

Fotocredit: Getty Images

Sotschi GP: Hamilton steckt Monza-Crash weg

Als Hamilton am Dienstag bei der Met-Gala in New York auftauchte, war er demnach noch in Behandlung. Er erklärte: "Wir haben die ganze Woche dran gearbeitet. Ich habe ja nicht gesagt, dass ich sterbe! Auch wenn mir klar wurde, dass im Bruchteil einer Sekunde alles aus sein kann. Ich bin froh, dass ich das ohne schwere Verletzungen überstanden habe."
Seine Physiotherapeutin hatte die Woche nach Monza eigentlich frei - doch daraus wurde nichts. Cullen versorgte Hamilton mit verschiedenen Therapieansätzen, darunter Akupunktur und Yoga. Nach ein paar Tagen sei er dann auch wieder ins Fitnessstudio gegangen, sagte Hamilton, "und da fühlte ich mich gut. Ich hatte Glück."
Während die einen Hamilton vorwerfen, am Sonntag noch auf Dramaqueen zu machen und am Dienstag schon wieder zu feiern, wurde Verstappen dafür kritisiert, dass er unmittelbar nach dem Crash in Monza von der Unfallstelle weggegangen ist, ohne sich bei seinem Rivalen nach dem Gesundheitszustand zu erkundigen.
Ein Vorwurf, den Verstappen nicht verstehe: "Es gibt so viele Heuchler auf der Welt! Ich bin ausgestiegen und habe gesehen, dass er versucht rückwärts zu fahren. Er hat am Lenkrad gerüttelt, versucht, sich von meinem Auto zu befreien. Ihm ging es gut. Und wenn er nach Amerika fliegen kann, um eine Gala zu besuchen, kann es ihm nicht so schlecht gegangen sein."
Doch letztendlich überwiegt zwischen den beiden, allen kleinen Sticheleien zum Trotz, der gegenseitige Respekt. "Ich habe keinen Zweifel daran, dass wir beide professionell sein werden", sagte Hamilton. Verstappen nickte: "Ich bin ganz gechillt. Ich werde nur dauernd danach gefragt. Aber wir sind alle Profi genug, um Monza hinter uns zu lassen."
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