Helmut Marko: "Es ist keine Hinrichtung von Kwjat!"

Nach Daniil Kwjats Blackout in Russland wurde schon am Montag über eine Ablösung des Russen bei Red Rull spekuliert: Jetzt ist es offiziell. Bereits beim Grand Prix von Spanien in Barcelona sitzt Kwjat nicht mehr im Red Bull, sondern im Toro Rosso. Max Verstappen wird vom B- ins A-Team befördert. Motorsport-Total.com hat mit Red Bull-Motorsportchef Helmut Marko über den "Fall Kwjat" gesprochen.

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Herr Dr. Marko, in vielen unserer Userkommentare heißt es, dass es unfair ist, Daniil Kwjat nur wegen Sotschi rauszuschmeißen. Aber wenn man seine Leistungen mal genauer anschaut, war es auch ein Performance-Thema, bei dem Sotschi nur der letzte Tropfen im vollen Fass war, nicht wahr?
Helmut Marko: "Es war in erster Linie eine Maßnahme, um den Druck von Daniil wegzunehmen, der dieses Jahr vorhanden war. Er hat bei weitem nicht die gleiche Performance wie vergangenes Jahr. Er war im Schnitt drei bis fünf Zehntel langsamer als Ricciardo. Im Vorjahr war er auf Augenhöhe. Aber was viel schwieriger war: Er war sehr inkonstant.
Verstappen wird von anderen Teams umworben, immer wieder ist von Ferrari die Rede. Inwieweit waren Sie unter Druck, den Verstappens die Perspektive zu bieten, dass es sehr zeitnah zu Red Bull Racing gehen wird?
Marko: "Im Gegensatz zu vielen unserer Konkurrenten suchen wir die Fahrer aus, die wir wollen, und nehmen nicht die, die übrig bleiben. Wir machen, wie man weiß, immer langfristige Verträge. So gesehen war da kein Handlungsbedarf. Aber wie Sie eingangs völlig richtig gesagt haben: Wir haben jetzt Ricciardo und Verstappen nebeneinander, und wir können genau beurteilen, wie sich die beiden gegeneinander bewähren. Und wir haben Kwjat gegen Sainz. Das macht die Zukunftsentscheidungen leichter. Aber um zur Frage zurückzukommen: Alle vier genannten Fahrer haben langfristige Verträge."
Das heißt, es gab von Verstappen-Seite kein Ultimatum? In der Form: Tut jetzt was für uns, sonst sind wir weg!
Marko: "Nein. Das wäre nicht möglich gewesen."
Vor Barcelona darf nicht getestet werden. Inwieweit können sich Verstappen und Kwjat auf ihre neuen Autos zum Beispiel im Simulator vorbereiten?
Marko: "Verstappen sitzt bereits im Simulator. Er wird auf Barcelona vorbereitet. Kwjat sitzt morgen im Simulator und bereitet sich mit Toro-Rosso-Mapping vor. Das ist glaube ich nicht so schwierig. Sie dürfen nicht vergessen: Verstappen ist eineinhalb Jahre in der Formel 1, Kwjat zweieinhalb Jahre. Das sind keine Rookies mehr. Der Grund, warum wir es jetzt gemacht haben, ist, dass wir den Druck von Kwjat nehmen wollten, gerade vor Strecken wie Montreal und Monte Carlo. Die verzeihen keine Fehler. Also ist es besser, sich in Barcelona an das jeweilige neue Auto zu gewöhnen, denn dort gibt es Auslaufzonen."
Ich habe Daniil Kwjat vor dem Start in Sotschi bei der Nationalhymne beobachtet. 60.000 russische Fans, Präsident Putin ist da - mich erinnert das alles ein wenig an die brasilianische Nationalmannschaft vor dem 1:7 im WM-Halbfinale gegen Deutschland.
Marko: "Wenn es nicht Russland gewesen wäre, wäre es für ihn vielleicht einfacher gewesen. Aber er hatte den Druck aus der ersten Kurve in Schanghai, wo er aus meiner Sicht nichts falsch gemacht hat. Ein viermaliger Weltmeister hat ein anderes Standing als ein Rookie. Das war sicher ein Grund. Nur: Die Folgen sind die gleichen. Er steht jetzt wahnsinnig unter Druck, das hat ihn mitgenommen. Es war sein Heimrennen. Nachdem er hoffnungslos hinten war, sind die Leute rausgegangen. Und leider war es so: Er hat das Rennen von Vettel zerstört.
Hat Kwjat noch eine Chance im Red-Bull-Universum?
Marko: "Ganz klar. Sonst hätten wir ihn ja nicht zu Toro Rosso gesetzt."
Möchten Sie noch etwas ergänzen?
Marko: "Es ist keine Hinrichtung von Kwjat, sondern eine tolle Chance, seine Karriere und sein Talent weiterhin unter Beweis zu stellen. Sie wissen, wie es damals bei Grosjean war. Er hatte einen Crash nach dem anderen. Klar sind die Fahrer alle verschieden, aber von der Sensibilität her sind sich die beiden irgendwie ähnlich."
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