Carlo Ancelotti vom FC Bayern München mit bemerkenswertem Interview über Guardiola, Taktik & Müller
Carlo Ancelotti hat als Trainer des FC Bayern München schon viele Interviews gegeben - kaum eins jedoch klärt so viel wie das jüngste mit "espnfc.com". In wohltuend offenen Worten grenzt der Bayern-Coach dort seinen Spielstil gegenüber dem seines Vorgängers Pep Guardiola ab, erklärt, wie er selbst spielen lassen will und warum er Thomas Müller schätzt, ihn als Stürmer aber absolut atypisch findet.
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Carlo Ancelottis öffentlicher Output als Trainer des FC Bayern München ist deutlich höher als der seines Vorgängers.
Von Pep Guardiola als designierten Bayern-Trainer war als erstes bekannt, dass er ein ganz guter Coach ist. Als zweites, dass er keine Interviews gibt.
Ancelotti ist da anders. Viele Interviews hat er bereits gegeben, seit er im Sommer den FC Bayern übernommen hat. Ancelotti hier, Ancelotti da. Manch einem war's fast schon zu viel (wenn auch nicht so viel wie bei Uli Hoeneß).
Carlo Ancelotti überrascht mit Interview
Bei "espnfc.com" ist am Mittwoch das jüngste Ancelotti-Interview erschienen. Und es ist, mit Verlaub, das aussagekräftigste der Saison. Geführt Anfang Januar auf der sonnigen Terrasse des Fünf-Sterne-Hotels in Doha, Katar, als die Bayern dort zum Trainingslager weilten.
Doch auch: zeitlos, weil Ancelotti viel Grundsätzliches sagt und damit an manchen Stellen überrascht.
Ancelotti zieht Grenze zwischen sich und Pep Guardiola
So äußert er sich zum Beispiel frank und frei wie selten zuvor über seinen Vorgänger, eben jenen interviewscheuen Guardiola, und vor allem die Unterschiede beider Spielphilosophien.
Ancelotti sagt in diesem langen Gespräch mit seinem Landsmann Gabriele Marcotti mehr oder weniger klar, warum er mit der Spielidee des Spaniers nicht übereinstimmen kann.
Ancelotti über das Angriffspressing:
Ancelotti kritisch über Guardiolas Essenz
Ancelotti sagt damit quasi, dass die Essenz von Guardiolas Spielphilosophie am Ende wohl nicht ausreicht, um die großen Titel zu gewinnen. So wie er es ihm 2014 im Champions-League-Halbfinale mit Real Madrid gegen den FC Bayern aufgezeigt hat (1:0 und 4:0).
Ancelotti weiter:
Guardiola bei ManCity: Das läuft noch nicht
Ancelotti vermeidet es freilich, Guardiola direkt zu kritisieren oder anzuprangern. Dafür schätzt er seinen Kollegen viel zu sehr. Dafür ist er zu nett. Dennoch kommt durch, dass er, ganz sachlich und faktisch gesehen, anderer Meinung ist, eine andere Spielphilosophie hat.
Überraschend auch, was Ancelotti über Guardiolas Start bei Manchester City sagt. Dass Pep in England noch so seine Schwierigkeiten habe, läge daran, dass er "jetzt andere Spieler hat" und "Leute das manchmal unterschätzen".
Was wohl auch für Guardiola selbst gilt, der ManCity mitunter zu radikal, zu vorwärtsgerichtet einstellte und dadurch schon mehrere Niederlagen kassierte.
"Welche Probleme er auch haben mag, ich denke sie rühren daher, dass er mit diesen Leuten noch nie gearbeitet hat, dass sie sich erst an seine Art gewöhnen müssen und er sie erst an den Punkt bringen muss, an dem sie wirklich voll von seinem Ansatz profitieren können. Das braucht Zeit", sagt Ancelotti.
FC Bayern: Ancelotti kritisiert Konter-Gegentore
Um voll von Guardiola profitieren zu können, müssen sich die City-Spieler ihm anpassen, so der Bayern-Coach. Nicht umgekehrt, wie es Guardiola oft öffentlich sagt. Ancelotti:
Der aktuelle Bayern-Trainer hebt jedoch auch einen Punkt hervor, in dem er Guardiolas Stil bewundert: im Angriffsdrittel. "Keine Frage: Guardiola gibt seinen Spielern im Angriffsdrittel viele Freiheiten, das ist etwas, was ich versuche, ebenso zu pflegen. Wo ich ein bisschen anders denke, ist, wenn wir nicht in Ballbesitz sind oder im Spielaufbau."
Den Bayern-Spieler versuche er diese Saison Folgendes zu vermitteln:
Ancelotti über Freiheit im Angriffsdrittel
In Defensive und Mittelfeld, so Ancelotti, könne man durchaus "schematisch" arbeiten, auf taktische und automatisierte Dinge zurückgreifen, Trainingsmuster, "weil du in diesen Bereichen des Feldes normalerweise Überzahl hast".
Im Angriffsdrittel jedoch komme es auf andere Dinge an. "Dort ändert sich alles." Ancelotti:
Die Sache mit Roberto Baggio...
Ancelotti gibt zu, im Laufe der Jahre einiges dazugelernt zu haben. "Ich denke, ich bin heute deutlich pragmatischer und flexibler", sagt er und gesteht:
Das ging sogar soweit, dass es Ancelotti 1997 als Trainer des AC Parma ablehnte, Roberto Baggio trotz bereits erfolgreicher Verhandlungen mit dem Spielmacher zu verpflichten, weil er glaubte, Baggio passe nicht in sein System.
Heute wäre das anders:
Ancelotti erklärt Thomas Müller
Was gut zum Thema Thomas Müller passt - jenem Spieler, für den es in Ancelottis Bayern-Team derzeit so schwer zu sein scheint, eine Rolle zu finden. Über Müller wird Ancelotti im Interview mit "ESPN" richtig schwärmerisch, drückt ihm gar seine höchste Wertschätzung aus.
Müller sei in seinen Augen ein "atypischer" Angreifer, weil er "total unorthodoxe Fähigkeiten" habe. So weit, so bekannt. Ancelotti weiter:
Müller eher ein Abwehr- oder Mittelfeldspieler?
Diese Art "taktischer Intelligenz", wie es Ancelotti nennt, sei etwas, das man auf diesem hohen Niveau normalerweise nicht von einem Angreifer erwarte, sondern eher von einem Abwehr- oder Mittelfeldspieler. "Für einen Stürmer ist das höchst selten."
Ancelotti geht sogar so weit zu sagen:
Und so setzt ihn der Bayern-Coach auch ein: flexibel. "Ich weiß, es ist ein Klischee, aber Müller kann überall spielen."
Ancelotti: "Ich bin nicht blöd"
Witzig fand er indes, von deutschen Medien dafür kritisiert worden zu sein, Müller auf dem rechten Flügel aufgestellt zu haben (was übrigens auch Joachim Löw im deutschen Nationalteam bei jedem großen Turnier tat und Pep Guardiola hier und da ebenfalls).
Sorgen um Müller, der bislang erst vier Tore in 23 Pflichtspielen erzielt hat, macht sich Ancelotti deshalb nicht:
Da sind sich Müller und Ancelotti nicht unähnlich.
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