Heinrich-Blog: Moral hin oder Moral her - Bilanz des Schreckens in Köln

Der 1. FC Köln hält weiter an Trainer Peter Stöger fest, obwohl die Geißböcke eine rabenschwarze Bilanz aufweisen. Schiedsrichter-Benachteiligung hin oder her - in dieser Bundesliga-Saison feierte der FC noch keinen einzigen Sieg und steht mit zwei Punkten aus zwölf Spielen abgeschlagen am Tabellenende. Grund genug für Eurosport-Experte Sigi Heinrich, in seinem Blog gründlich nachzuhaken.

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Fotocredit: Eurosport

Servus, Herr Kollege. Darf ich so schreiben, weil nämlich Peter Stöger auch mal eine gewissen Zeit Kolumnist war bei einer großen österreichischen Zeitung, die dem Genre Boulevard zuzuordnen ist.
Damals hätte er auch viel über sich selber schreiben können. Zum Beispiel, dass er vor vier Jahren zum 1. FC Köln wechselte, obwohl er einen Vertrag mit Austria Wien hatte. Die kolportierte Ablösesumme von 700.000 Euro und ein Freundschaftsspiel zwischen beiden Clubs haben das Problem gelöst. Den damaligen Aufschrei hat Stöger so kommentiert:
Stöger war ja ein Wandervogel. Die vier Jahre in Köln sind für ihn sicher persönlicher Rekord. Er hat alles erreicht in der Domstadt. Den Aufstieg, den Verbleib in der Bundesliga und sogar den Sprung in den Europacup. Er hat dem Vernehmen nach also alles richtig gemacht. Er könnte ein Loblied auf sich selber schreiben.

Modeste fehlt

Verklärt eine derartige Erfolgsserie den Blick für die Realität? Hartnäckig sagt der Österreicher momentan, dass er immer noch alles richtig macht. Zwei Punkte aus zwölf Spielen. Vier erzielte Tore. 23 Gegentore trotz eines guten Keepers. Zehn Niederlagen. Peter Stöger ist der einzige Trainer der Welt – und darauf wird er eines Tages irgendwie stolz sein können (oder auch nicht) - der angesichts einer solchen Bilanz des Schreckens noch immer in Amt und Würden ist.
Es wurden Trainer schon aus nichtigeren Anlässen entlassen. Auf wesentlich besseren Tabellenplätzen, nach nur ein paar Niederlagen. Doch Stöger hat Glück. Die Kölner sind stur wie ihr Geißbock. Und außerdem ist ja einer schon mal weg, den man als Mitschuldigen, wenn überhaupt, ausmachen konnte. Manager Jörg Schmadtke hat von sich aus die Reißleine gezogen, weil er wohl auch erkannt hat, dass er Sturmtank Modeste ziehen ließ und keinen adäquaten Ersatz geholt hat, was sicherlich auch zur Tristesse in Köln beigetragen hat.

Böse Schiedsrichter

Hat Schmadtke Rückgrat bewiesen? Fordert Stöger sein Glück heraus? Die Kölner sind ja so gut wie abgestiegen. Die Serie, die notwendig wäre, um noch aus dem Sumpf auf festen Untergrund zu kommen, würde nicht mal der FC Bayern hinbekommen. Wenn ja, dann könnte man wirklich von einem Fußball-Wunder sprechen. Dann würde sich der Geißbock zum Tiger wandeln. Schier unmöglich. Aber Stöger ist auch deshalb wohl noch dabei, weil er einen Feind im Fußball hat, den viele gerade zum Teufel wünschen. Den Videobeweis.
Momentan rechnen nämlich alle nach, wie viele Punkte der 1. FC Köln hätte, wenn so manch umstrittene Entscheidung anders, also zum Wohle der Kölner, ausgegangen wäre. Gegen Mainz etwa wäre ein Unentschieden drin gewesen. Vielleicht.
Fünf Punkte mehr, meinen die Experten, habe man dem 1.FC Köln verweigert. Die Kölner drücken auf die Tränendrüse. Böser Fußball-Bund. Böse Schiedsrichter. Böse Technik. Alle gegen Köln. Aber natürlich ist das Kaffeesatzleserei und hanebüchener Unsinn. Stögers Mannschaft hatte oft genug Chancen, um Tore zu schießen.
Stögers Mannschaft war leider zu oft ungeordnet in der Defensive und hat Tore zugelassen. Stögers Mannschaft ist ganz einfach nicht gut genug, um zu punkten. Dabei müssen die Kölner jetzt aufpassen, dass sie dem Charme und der Wortgewalt ihres Trainers nicht erliegen. Der sieht nämlich immer gute Spiele seines Teams. Gut, Herr Kollege Kolumnist, gut ist eine Truppe, wenn sie auch mal gewinnt. Am besten nicht nur einmal im Jahr. Schafft sie das nicht, ist irgendetwas faul im Lande.

Kölner mit Moral und Geduld

Dass ausgerechnet jetzt auch noch die Reise nach Moskau zum Europa-League-Spiel auf dem Programm steht, ist besonders heikel. Egal wie es endet: Die Reisestrapazen wird man so leicht nicht aus dem Anzug schütteln können, auch wenn man vor dem Match gegen die Berliner Hertha einen Tag mehr Pause hat und erst am Sonntag Anstoß ist.
Die Kölner werden möglicherweise jetzt ein Opfer ihres letztjährigen Erfolges. Und für Peter Stöger schlägt, wenn keine dramatische Wende zum Besseren kommt, wohl doch sehr bald das letzte Stündchen als Coach in Köln. Moral hin oder Moral her. Die Kölner haben schon jetzt mehr Geduld und auch Moral mit ihrem Trainer bewiesen als jeder andere Club in ihrer Situation. Das sollte und wird hoffentlich auch Peter Stöger klar sein.
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