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Eintracht Frankfurt vor Supercup gegen den FC Bayern im Taktik-Check

Taktik-Check zum Supercup: So gut ist Frankfurt nach dem Umbruch

12/08/2018 um 09:58Aktualisiert 12/08/2018 um 20:01

Am Sonntag geht es für Eintracht Frankfurt direkt um einen Titel - und danach gegen den Abstieg? Vor dem Supercup gegen den FC Bayern (Sonntag, 20:30 Uhr im Liveticker) blickt eurosport.de im Taktik-Check auf den großen personellen Umbruch bei der Eintracht. Kann der amtierende Pokalsieger unter dem neuen Trainer Adi Hütter die Abgänge der wichtigsten Spieler kompensieren?

Das Grundgerüst der Erfolgssaison fehlt

Mit Lukas Hradecky, Omar Mascarell, Kevin-Prince Boateng und Marius Wolf haben gleich vier Stamm- und Schlüsselspieler Eintracht Frankfurt verlassen – der Fluch der guten Tat. Die starke Saison der Frankfurter hat dafür gesorgt, dass die großen Stützen der Mannschaft ins Visier der Topklubs geraten sind. Den Abgang von Ante Rebic konnte man dagegen verhindern.

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Darüber hinaus geht Frankfurt mit einem neuen Trainer in die Saison, Adi Hütter trat vor einigen Wochen seinen Dienst als Nachfolger des zum FC Bayern abgewanderten Niko Kovac an. Heutzutage wird oft von Umbrüchen im Fußball geredet, doch selten war der Begriff so passend wie aktuell in Frankfurt.

Hütter setzt auf hohes Pressing

Unter Kovac war Frankfurt über weite Strecken der vergangenen Saison eine reine Defensivmannschaft, die über Standards und Umschaltmomente für Torgefahr sorgte. Meistens wurde der Gegner in der eigenen Hälfte empfangen, dort wurde klassisch der Mann gedeckt. Aufgrund der Dynamik, Zweikampfstärke und auch –härte passte die Manndeckung gut zum Frankfurter Kader, viele Gegner bissen sich die Zähne an der konsequenten Defensive aus.

Die aktuelle Vorbereitung deutet jedoch darauf hin, dass es bei der Arbeit gegen den Ball einen Stilwechsel unter dem neuen Trainer geben wird. Hütter will seine Mannschaft höher anlaufen lassen, auf konsequente Manndeckung verzichtet er. In den Testspielen variierte er zwischen verschiedenen Systemen und Pressinghöhen. So wurde das aggressive Anlaufen des Gegners sowohl im 3-5-2 als auch das 4-2-3-1 mal höher und mal tiefer einstudiert. Der Fokus lag dabei ganz klar auf der Kompaktheit, also dem Abstand zwischen den Stürmern und den Innenverteidigern.

Adi Hütter will den Kurs von Niko Kovac halten

Adi Hütter will den Kurs von Niko Kovac haltenSID

Hütter zeigte sich nach den Testspielen im Trainingslager gegen die italienischen Erstligisten FC Empoli (zwei Partien) und SPAL Ferrara "einigermaßen zufrieden". Man habe mit zunehmender Spieldauer zu große Abstände zwischen den Mannschaftsteilen gelassen, ein funktionierendes Pressing sei daher nicht mehr möglich gewesen. Hütter weiß die Situation jedoch sicherlich richtig einzuschätzen, die körperliche Verfassung im Trainingslager ist nicht mit dem Zustand eine Woche vor Pflichtspielstart zu vergleichen. Das Spiel gegen die Bayern kommt daher genau richtig – hier kann die Eintracht weiter an den Themen Kompaktheit, Timing und Umschalten arbeiten.

Aktiveres Spiel mit dem Ball – Fluch oder Segen?

In den Testspielen konnte man auch sehen, dass die Frankfurter einen kontrollierteren Spielaufbau als in der vergangenen Saison anstreben. Der lange Ball vom Torwart oder den Innenverteidigern soll bestenfalls nur noch als Notlösung dienen, Hütter setzt auf schnörkelloses Kurzpassspiel. Bei seiner Vorstellung betonte der Trainer, man wolle "aktiv Fußball spielen", in der Vorsaison ist der Fußball eher gearbeitet worden.

Die große Frage ist nun, ob die personell deutlich geschwächte Mannschaft den neuen Stil so verinnerlichen kann. Schaut man sich den Kader an, fehlen die klaren Aufbauspieler, die den Ball kontrolliert in die nächste Reihe bringen. Ein 3-5-2 bringt gegen die meisten gegnerischen Systeme zwar eine nominelle Überzahl für die Innenverteidiger im Aufbauspiel, dennoch scheint es nach den aktuellen Eindrücken sehr fraglich zu sein, ob die Spieler die neue Idee umsetzen können.

Fredi Bobic (Eintracht Frankfurt)

Fredi Bobic (Eintracht Frankfurt)Imago

Gut möglich, dass Hütter sich mit seinen Spielern auf einen Mittelweg einigt. Dieser könnte etwa so aussehen: Frankfurt baut flach und geduldig mit drei Innenverteidigern – oder im 4-2-3-1 mit einem zurückfallenden Sechser – auf und hält den Ball tief in der eigenen Hälfte in den eigenen Reihen. Ergibt sich eine klare Lücke in der gegnerischen Formation, können auch die technisch limitierten Defensivakteure die Bälle in die nächste Linie spielen. Ist dies nicht der Fall, versuchen sie den Gegner mit dem "Ballgeschiebe" zu locken – um ihn dann mit langen Bällen zu überspielen. So könnte Frankfurt den offensiven Spielstil der letzten Saison mit den Ideen des neuen Trainers kombinieren.

Eurosport-Check: Frankfurt hat extrem viel individuelle Qualität verloren, zudem waren nahezu alle Abgänge auch Führungsspieler. Mit dem neuen Trainer soll nun ein neuer Stil implementiert werden, der ambitioniert und modern ist – aber auch Risiken birgt. Wer den Gegner hoch und mutig anlaufen will, darf sich keine Nachlässigkeiten erlauben, denn sonst gehen zu große Räume auf, die sehr einfach genutzt werden können.

Ebenso verhält es sich beim Spiel mit dem Ball: Geduldig und kontrolliert aufbauen ist prinzipiell eine erfolgsversprechendere Variante als das permanente Spielen langer Bälle. Andererseits verzeiht dieser Stil weniger Fehler, ein missglücktes Zuspiel ist dann nämlich nicht gleichbedeutend mit einem Einwurf, sondern mit einer Torchance für den Gegner. Hütter muss genau analysieren, wie weit seine Mannschaft die neuen Ideen umsetzen kann und gegebenenfalls einen Kompromiss finden. Der Supercup gegen den Branchenprimus wird dafür wohl der in der Vorbereitung größtmögliche Stresstest.

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